Jahresbericht 2015

verdigruene

ACCOGLIENZA

Als die

Menschen

kamen

Florian Kronbichler

Parlamentarier

Grüne-SEL

Christine Baur

Tiroler Landesrätin

Christine Baur, Tiroler Landesrätin für Soziales, Integration

und Frauenpolitik spricht mit Florian Kronbichler über ihr Jahr

mit den Flüchtlingen.

Frau Baur, haben Sie mit 2015 ihr

schwerstes Jahr hinter sich?

Christine Baur: Ich bin eher ein

pragmatischer Mensch, aber so viel

Weissagerin zu sein traue ich mir zu, um

zu sagen: Vorsicht! Es kann noch ärger

kommen.

Sie rechnen mit noch mehr Flüchtlingen

in Zukunft?

Wir leben in einer Zeit der Fluchtbewegungen.

Kriege, Verfolgungen, Hungersnöte

– Wo Menschen ihre Lebensperspektiven

verlieren, machen sie sich auf

den Weg. Das war immer so.

Dann wurden die Flüchtlinge von heute

nicht von Bundeskanzlerin Merkel

angeworben?

Böses Gerede! Merkel hat die Migrantenflut

nicht ausgelöst. Sie war da. Und

Merkel hat getan, was zu tun war.

Österreich ist zwar kein EU-Außenland,

hat aber doch die ganze Wucht

der Flüchtlingswelle abbekommen.

Im abgelaufenen Jahr 2015 sind 90.000

Asylwerber zu uns gekommen. Das sind

dreimal so viele wie 2014. In Tirol allein

haben wir gegenwärtig 5.000 Asylwerber

in Grundversorgung.

Hinzu kommen die Durchziehenden?

Die Weiter- oder Durchziehenden sind

natürlich auch da, irgendwie. Gehen Sie

nach Kufstein und sehen Sie sich die

Menschenmassen an. Gegenwärtig sind

es etwa eintausend Personen täglich, die

dort ankommen und weiterwollen.

Südtirol bekommt von dem Exodus so

gut wie gar nichts mit.

Kommt mir auch vor. Südtirol, stimmt,

liegt momentan ziemlich im Windschatten.

Spüren Sie Gegenwind gegen Ihre aufgeschlossene

Migrationspolitik?

Natürlich gibt es Gegenwind. Aber Landeshauptmann

Platter und der Regierungspartner

ÖVP stehen sehr loyal zu

meiner Arbeit.

Südtirol hat spontan Flüchtlingshilfe

angeboten, erst als der Hilferuf aus

Bayern kam.

Das ist uns aufgefallen, ja. Als wir am

Brenner das Problem mit den täglichen

Rückverweisungen hatten, da hätte ich

mir gelegentlich etwas engagiertere

Nachbarschaftshilfe erwartet.

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