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LERNEN MIT ZUKUNFT Dezember 2020

Themenvielfalt unter dem Thema "Lebensraum MENSCH" Das Impulsmagazin für Erwachsene

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information & gesellschaft Verzicht auf Differenzierung: Die staatlich-mediale Angstpädagogik ES GIBT KEINEN SCHLECHTEREN RATGEBER ALS DIE ANGST Gerald Ehegartner Lehrer, Autor, Naturpädagoge und Visionssucheleiter „Akademie für Potentialentfaltung“, „Lernwelt“ www.geraldehegartner.com Was waren das noch für Zeiten, als angehenden PädagogInnen erklärt wurde, dass Angst und Lernen eine äußerst nachteilige Kombination darstellen würden. Niemand sollte den Lernenden unnötig Angst machen, die positive Motivation sollte im Vordergrund stehen. Nun sind wir während dieser Pandemie alle Lernende. Das Paradigma der Angstlosigkeit wurde aber schon lange über Bord geworfen. Seit Monaten spielen Medien und Politik auf der Klaviatur der Angst. Die Bedrohung durch einen unsichtbaren Feind steht neben dem Babyelefanten wie ein riesiger Elefant im Raum. Psychologen, Pädagogen, Neurobiologen – alle wissen sie um die zerstörerische Kraft lang andauernder Angst. Doch Medien und Politik scheinen freie Spielräume der Angst zu sein. Neben dem Gebot der Stunde „Fürchtet euch“, wird nun auch in mittelalterlich-kirchlicher Tradition die große Schuld beschworen. Besonders junge Menschen in Feierlaune seien schuld an den Toten, ebenso die nach Kroatien Reisenden, die Masken- und Abstandsverweigerer. Die österreichische Bevölkerung sei einfach zu dumm – deswegen der erneute Lockdown, angekündigte Massentests usw. So einfach sei das. Wer bei all den Grafiken zu steigenden Infektionszahlen, aufgestapelten Särgen vor Krematorien und künstlich beatmeten Intensivpatienten nicht in die Knie gegangen ist, den trifft spätestens jetzt das Gefühl, irgendwie daran schuld zu sein. Man hätte vielleicht doch nicht den guten Freund mit einem Faustschlag begrüßen sollen. Wer weiß, vielleicht waren die Viren schnell genug, um ihn zu befallen und danach eine Spur des Schreckens exponentiell zu verbreiten. Wer nicht alles zu exakt 100 Prozent befürwortet, was ihm medial vorgesetzt wird, der darf sich neuestens auch als Sünder fühlen, ausgeschlossen aus dem Kreis derer, die die Wahrheit besitzen. Wer in guter pädagogischer Tradition Differenzierung einfordert, wird als mitgefühlslos gebrandmarkt. Fast alle müssen den Lockdown erdulden, das sei eine Frage der Solidarität. Egal, ob man zur Risikogruppe gehört, verdächtig ist man allemal, sogar als Kleinkind. Besonderer Schutz für Bedürftige wird als Wegsperren gedeutet, gezielter Schutz wie Schnelltests vor und in Altersund Pflegeheimen (noch) nicht 6 | DEZEMBER 2020

umgesetzt. So schwebt undifferenzierte Angst über und in den Köpfen der Menschen. Die einzige Erlösung liegt mittlerweile in der „heiligen Spritze“. Könnten wir nicht einen neuen Weg gehen, wo man zur Vorsicht mahnt, aber auch die Angst nach unten fährt? Wo man alles dafür tut, gefährdete Gruppe zu schützen und Tipps zur Steigerung des Immunsystems gibt? Angst, das wissen wir alle, schwächt das Immunsystem. Eine pandemische Testeritis, wie wir sie auch aus dem pädagogischen Feld kennen (z. B. PISA) ist zwar sündteuer, aber die Gelder massenhafter PCR-Tests könnten wahrscheinlich zielgerichteter – z. B. für Pflegepersonal - eingesetzt werden. Das Ziel muss doch sein, gestärkt aus dieser Krise rauszukommen und nicht völlig geschwächt, individuell und gesellschaftlich. Die Problematik lässt sich nicht alleine auf eine medizinisch-technische reduzieren, sie ist mehrdimensional. Es ist meiner Meinung nach Zeit, die Angst- und Rasenmäherpädagogik (mit einem Schnitt alle Pflänzchen) zu überdenken, differenzierter zu agieren und den Menschen auch wieder Mut und Hoffnung zu vermitteln. Gerade dann, wenn das Familienfest Weihnachten vor der Tür steht. Foto: © ElisaRiva | pixabay.com