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VfV Hildesheim - Vereinszeitung 1/2020

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VfV Vereinsnachrichten Nr. 224 - 1. Ausgabe 2020

TurnenFrisch, Frei,

TurnenFrisch, Frei, Stark, TreuDie Anfangsbuchstaben des Mottossind auf der Fahne eingewirkt,die sich 1908 der Arbeiter-Turn-Sportverein Vorwärts von 1895,der Vorgänger der Turnabteilung,zulegte, die also in diesem Jahr125 Jahre alt wird.Wie es bei historischen Daten ist,es kommt auf die Interpretationan. Auch wenn der ArbeiterturnvereinVorwärts am 9. Oktober1895 gegründet wurde, ist derhistorische Verlauf nicht so glatt,wie man es gerne hätte: es gibteine politisch verhängte Unterbrechungvon 1933 bis 1945und dann die Aufnahme in denVfV Hildesheim von 1945: rechnerischalso nur 113 Jahre Wirkungszeit.Vor diesem Bericht habe ich meineUnterlagen durchgesehen undbin auf verschiedene Quellen zurGeschichte der Abteilung gestoßen.Aus dem Beitrag, den ich zur90-Jahr-Feier geschrieben habe,werde ich den folgenden Rückblickgeben:Auch damals gab es Schwierigkeitendie Wahrheit herauszufinden.Hier halfen mir Bilder, Zeitschriften,Protokolle und Berichtevon Otto Demitz, Fritz Henke undWilli Andermark. TiefgreifendeEinschnitte erwirkten viele Veränderungen.Zu nennen sind zweiWeltkriege und fünf Regierungssystemewie Kaiserreich, WeimarerRepublik, das 3. Reich, dieBesatzungszeit und die Bundesrepublik.Ich will mich auf die Zeitbis 1933 im Wesentlichen hier fokussieren.Eine wichtige gesellschaftlicheGrundlage des Kaiserreichs wardie Ständeordnung mit Adel,Klerus, Bürgern, Arbeitern undBauern. Nicht nur auf die politischenWahlen hatte sie mit demDrei-Klassen-Wahlrecht Auswirkungen,sondern auch auf dieGründung von Turn- und Sportvereinen.Jeder Stand war stolz,seine eigene Sportbewegung zuhaben und grenzte sich gegenüberden anderen ab. Hinzu kam,dass Sportvereine auch religiös,wie katholisch und evangelisch,und rassisch, wie deutsch oderjüdisch, ausgerichtet waren, wasim 3. Reich seinen unrühmlichen,Menschen verachtenden Höhepunktfand.Die deutsche sozialistische Arbeiterbewegunghatte in der ZeitBismarcks den Kampf gegen dasSozialistengesetz geführt. DiesesGesetz, 1878 bis 1890, verbot sozialdemokratische,sozialistischeund kommunistische Vereinewegen umstürzlerischer Bestrebungen.Nach dem Fall des Sozialistengesetzes1890 ging mandaran, zunächst Bildungsvereine,Volksbühnen und Gesangsvereinefür Arbeiter zu gründen. 1893entstand der Deutsche Arbeiter-Turnerbund, ein Jahr später inBrandenburg der erste regionaleBund dieser Art. 1895 war es inHildesheim soweit. Alle diese Verbändehatten im Kaiserreich einenschweren Stand. Der „Arbeitersport“schreibt von schikanösenGesetzen. Turnstunden warenPrivatunterricht, wozu Erlaubnisscheinebenötigt wurden, die aberoft nicht ausgestellt wurden.Der Verein hatte zunächst nureine Männerabteilung; männlicheJugendliche durften nur anTurnabenden teilnehmen, wennihre Väter sich unter den Turnernbefanden. Erst 1908 konnte eineZöglingsabteilung gegründet werden,in der die Jungen auch ohneihre Väter turnen durften. Erst1913 entstand eine Abteilung fürFrauen; Frauenturnen war dennochsehr verpönt. Unschicklichwar es für Frauen „Bein zu zei-C. H. Schäfer & SohnInh. Dirk LangeHeizölHafenstraße 15 31137 HildesheimPostfach 10 11 45 31112 HildesheimTelefon 0 51 21 / 5 99 11 und 51 63 90Diesel Kraft- und Schmierstoffe14 VfV-Vereinsnachrichten 1 / 2020

Turnengen“. So trugen Frauen hochgeschlosseneTurnkleidung mitlangen Beinkleidern und langenStrümpfen.Die Folgen des 1. Weltkriegs wareneinerseits groß: viele Männerkamen nicht zurück, die Inflationmit ihren wirtschaftlichen Schwierigkeitenund die politische Instabilitätbestimmen das Leben. DochAktivitäten in den Sportvereinenentwickelten sich zusehends. DieStadt stellte Turnhallen zur Verfügung,was diese Entwicklungunterstützte. Kinderabteilungenkamen danach hinzu. Aber auchandere Sportrichtungen fandenEingang in den Verein „Vorwärts“:Schlag-, Faust- und Fußballmannschaften,die sich mit den Jahrenselbstständig machten.Es entstand schon 1908 ein Arbeitersportkartellvon Arbeitervereinenin der Stadt, das sollte diegemeinsamen Interessen gegenüberder Stadt und anderen Behördenvertreten. Ab 1920 wurdenLeichtathletik und Handball angeboten.Beim Turnen selbst kamenAngebote wie die tänzerischeGymnastik bei den Frauen, dieFreiübungen der Männer wurdenaufgelockerter, das Geräteturnenbehauptete seine Sonderstellung.Auch das heute vergesseneTrommelballspiel von Frauen und1926 ein Trommler- und Pfeiferkorpswurden aufgestellt.Viele sportliche Großveranstaltungenkonnten auf nationaler Ebenemit oft internationaler Beteiligungorganisiert werden oder mannahm an ihnen teil. Viele baulicheMaßnahmen erweiterten dieMöglichkeiten Angebote durchzuführen:noch vor 1933 entstandendas Friedrich-Ebert-Stadion unddas heutige Klubhaus; die Mitgliederwaren mit viel Arbeitseinsatzeingebunden.Durch Maßnahmen wie die Sperrungder Turnhallen war einÜbungsbetrieb nicht mehr möglichund der AT Vorwärts löste sicham 7. September 1933 selbst auf;die Sportvereine der Arbeiterbewegungund die christlichen sindde jure verboten worden, d. h. gedrängtworden sich aufzulösen.Geld und Anlagen wurden alsVolksvermögen beschlagnahmt.Vieles konnte trotzdem diese Zeitüberstehen, so die Fahne von1908, die Wilhelm Schröder inseiner in seinem Haus am Brühlbeherzt versteckt hatte.Das Protokoll der Gründungssitzungim Jahre 1895 wurde auchan einem unbekannten Ort verstecktund so gerettet. Andererseitswurde das Friedrich-Ebert-Stadion erst der Hitlerjugend,dann 1936 dem Reit- und Fahrvereinüberlassen. Viele Sportgerätewurden auf dem heutigenRatsbauhof gelagert und fielender Witterung zum Opfer. Natürlichgab es auch menschliche Opferin der Zeit bis 1945.Im August 1945 vereint der Vereinfür Volkssport im Wesentlichenfrühere Arbeiter-Sportvereine,Turnen, Schwimmen, Fußball undHandball waren die Basis, Radsportund Leichtathletik kamenbis 1948 hinzu. Ehemalige Mitgliederdes ST Vorwärts fandensich zur Gründung des VfVs ein.Es wurden die nebeneinanderliegendenAnlagen der Spielvereinigungund des ATV Vorwärtsdem Verein für Volkssport von derStadt übergeben. Die Gründunggeschah durch Genehmigung derbritischen Militärregierung.Die lange Friedenszeit seit 1945als Abteilung des VfVs verlief fürdie Turner und Turnerinnen vergleichsweisein ruhigen Bahnen.Schwerpunkt im Angebot ist derBreitensport mit KinderturnenMehr und oft ausführlicher ist zulesen im Frauen- und Männergymnastikund übers Jahr verteiltzusätzliche gesellige Angebote.Mehr und oft ausführlicher ist zulesen im Buch „Vom Arbeiterturnenzum Sportverein für alle“,Hrsg. Verein für Volkssport e. V.Hildesheim.Frisch – Frei – Stark – TreuSiegfried JosopaitVfV-Vereinsnachrichten 1 / 2020 15

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