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Leseprobe Gute Arbeit 04_2017

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trends Durchhalten bis zur Rente? Gute Arbeit 4 | 2017 Durchhalten bis zur Rente? arBeitsfähiGkeit Trotz demograischem Wandel und der Anhebung des Rentenalters ist die alter(n)sgerechte Arbeitsgestaltung in vielen Betrieben ofenbar noch nicht angekommen. Das zeigen Ergebnisse des DGB-Index Gute Arbeit zur Einschätzung der zukünftigen Arbeitsfähigkeit durch die Beschäftigten. VON ROLF SCHMUCKER Darum Geht es 1. Fast die Hälfte der Beschäftigten geht nicht davon aus, bis zum Rentenalter arbeiten zu können. 2. Schwere körperliche Belastungen und eine hohe Arbeitsintensität wirken besonders negativ auf die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit. 3. In verschiedenen Berufsgruppen zeigt sich eine Kumulation belastender Arbeitsbedingungen. Eine alter(n)sgerechte Arbeitsgestaltung ist daher zielgruppenspezifisch anzugehen. abb. 1: arbeitsfähig bis zur rente Nein, Tätigkeit nicht bis zur Rente ausüben können Selbsteinschätzung der Beschäftigten Weiß nicht 43% 10% 47% Quelle: DGB-Index Gute Arbeit kompakt 6/2016 Ja, Tätigkeit bis zur Rente ausüben Mit der schrittweisen Anhebung des Rentenalters auf 67 Jahre stellt sich für viele Beschäftigten die Frage, ob ihre Gesundheit ein längeres Erwerbsleben überhaupt zulässt. In den vergangenen Jahren ist das durchschnittliche Alter, in dem Beschäftigte aus Erwerbstätigkeit ausscheiden, zwar angestiegen, es bleibt jedoch deutlich unterhalb der vom Gesetzgeber vorgesehenen Regelaltersgrenze. Beschäftigte aus dem Geburtsjahrgang 1947 haben ihre sozialversicherungspflichtige Tätigkeit durchschnittlich mit 61,7 Jahren beendet. Auffällig ist die zunehmende Kluft: Während ein Teil der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer länger im Erwerbsleben verbleibt, liegt der Anteil derjenigen, die vor Vollendung des 58. Lebensjahres aus sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung ausscheiden, konstant bei 25%. Das bedeutet, jede/r Vierte Beschäftigte übt knapp zehn Jahre vor dem gesetzlichen Rentenalter keine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit mehr aus. 1 Laut Deutschem Alterssurvey 2014 hat fast jede/r vierte Befragte aus gesundheitlichen Gründen seine Erwerbstätigkeit beendet. Die Hälfte ist pessimistisch Angesichts dieser Zahlen ist es nicht überraschend, dass viele Beschäftigte ihre eigenen Zukunftsperspektiven kritisch sehen. Mit der bundesweit repräsentativen Beschäftigtenbefragung zum DGB-Index Gute Arbeit wurden von 2012 bis 2016 mehr als 30 000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer u. a. danach gefragt, ob sie davon ausgehen, ihre aktuelle beruliche Tätigkeit bis zum Rentenalter ohne Einschränkung ausüben zu können. Der zentrale Befund: Weniger als die Hälfte aller Befragten rechnet damit, bis zur Rente durchzuhalten. Zwischen Männern und Frauen zeigt sich dabei kein wesentlicher Unterschied in der Einschätzung der zukünftigen Arbeitsfähigkeit. Qualiikation zählt Betrachtet man die Befragten nach den Qualiikationsanforderungen für die von ihnen ausgeübte Tätigkeit, zeigt sich ein deutlicher Trend. Der Anteil der Arbeitnehmerinnen und 1 Vgl. Martin Brussig, Altersübergangs-Report 2015-01. 22

Gute Arbeit 4| 2017 Durchhalten bis zur Rente? trenDs Besonders kritisch bewerten Beschäftigte ihre künftige Arbeitsfähigkeit, wenn sie gleichzeitig von mehreren Belastungsfaktoren betrofen sind. Dies wird beim Blick auf Unterschiede zwischen den Berufsgruppen deutlich. Beschäftigte in Bauberufen rechnen ganz überwiegend nicht damit, dass sie ihre Tätigkeit bis zum gesetzlichen Rentenalter ausüben können. Bei den Ausbauberufen sind es lediglich 16% der Befragten, im Hoch- und Tiefbau liegt der Anteil bei 25%. Bei den Beschäftigten in den nichtmedizinischen Gesundheitsberufen (überwiegend Altenpflege) liegt der Anteil unter einem Drittel. Am positivsten bewerten die Beschäftigten aus den Berufsgruppen Architektur/Bauplaabb. 2: arbeitsfähigkeit bis zur rente nach qualifikationsniveau (in prozent) Hilfs- oder angelernte Tätigkeit (maximal einjährige Berufsausbildung) Fachlich ausgerichtete Tätigkeit (zwei- bis dreijährige Berufsausbildung) Komplexe Spezialistentätigkeit (Meister-, Techniker-, Fachschulausbildung, Bachelor) Hochkomplexe Tätigkeit (Hochschulausbildung ohne Bachelor) Quelle: DGB-Index Gute Arbeit kompakt 6/2016 Arbeitnehmer, die davon ausgehen, ihre Tätigkeit bis zur Rente ausüben zu können, wächst mit steigendem Qualiikationsniveau. Von den Beschäftigten, die eine Hilfstätigkeit ausüben, für die keine längere Ausbildung erforderlich ist, sieht sich gerade noch jede/r Dritte in der Lage bis zur Rente durchzuhalten. Mit jeder Qualifikationsstufe wächst dieser Anteil bis auf knapp 60% in der Gruppe der Beschäftigten, die einer hochkomplexen Tätigkeit nachgehen, für die eine Hochschulausbildung jenseits eines Bachelorabschlusses notwendig ist. Allerdings geht auch in dieser Gruppe jede/r Dritte Befragte davon aus, die aktuelle Tätigkeit nicht bis zum Rentenalter ausüben zu können. Hinter den verschiedenen Qualifikationsstufen verbergen sich in der Regel ganz unterschiedliche Anforderungen, die die Einschätzung der zukünftigen Arbeitsfähigkeit bedingen. So sind etwa bei den einfachen Tätigkeiten körperliche Belastungen deutlich häufiger vertreten als in den höheren Qualifikationsstufen. Einluss körperlicher und psychischer Faktoren 34 44 53 58 Ja, Tätigkeit bis zur Rente ausüben Nein, Tätigkeit nicht bis zur Rente ausüben können Weiß nicht 49 46 Welche Belastungsfaktoren wirken sich besonders stark auf die Einschätzung der künftigen Arbeitsfähigkeit aus? Ausgeprägte Zusammenhänge zeigen sich zum einen für eine Reihe von körperlichen Anforderungen, die mit einer pessimistischen Einschätzung der zukünftigen Arbeitsfähigkeit einhergehen. Das belegen insbesondere die Werte für die Beschäftigten, die (sehr) häufig körperlich schwer arbeiten. Wo schweres Heben oder Tragen an der Tagesordnung ist, glaubt weniger als ein Viertel der Beschäftigten, bis zur Rente weiterarbeiten zu können. Und wenn regelmäßig unter widrigen Umgebungsbedingungen (z. B. Hitze, Kälte, Nässe) oder mit starker Lärmbelastung gearbeitet wird, liegt der entsprechende Anteil bei einem Drittel. Neben den genannten körperlichen Belastungsfaktoren trägt zum anderen eine hohe Arbeitsintensität, d. h. auch psychische Anforderungen, zu einer schlechteren Erwartung künftiger Arbeitsfähigkeit bei. Beschäftigte die (sehr) häufig bei ihrer Arbeit Qualitätsabstriche machen, um das geforderte Arbeitspensum zu schaffen, sehen ihre Perspektiven mit Blick auf das Rentenalter ebenfalls pessimistisch. Lediglich 30% erwarten, bis zur Rente arbeiten zu können. Auch häufiges Arbeiten in der Nacht ist mit einer schlechten Arbeitsfähigkeitsprognose verbunden (31%). Unterschiede zwischen Berufsgruppen 38 34 17 10 9 8 zum Weiterlesen Weitere Befunde zur Selbsteinschätzung der Beschäftigten über ihre zukünftige Arbeitsfähigkeit in der Ausgabe 6/2016 des »DGB-Index Gute Arbeit kompakt«: www.dgb-index-gutearbeit.de Mehr zum Thema Alter und Übergänge in die Rente: Martin Brussig (2015), »Alter beim Austritt aus sozialversicherungsplichtiger Beschäftigung ist gestiegen«, Altersübergangs-Report 2015-01. Institut Arbeit und Qualiikation (IAQ), Universität Duisburg- Essen. Publikation zur Arbeitsgestaltung: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (2016), »Alterns- und altersgerechte Arbeitsgestaltung. Grundlagen und Handlungsfelder für die Praxis«, Dortmund. gutearbeit-online.de Mehr zur alter(n)sgerechten Arbeitsgestaltung im Titelthema der Zeitschrift »Gute Arbeit« 6/2016 »Altersmanagement: Gesund bis zur Rente« (S. 8-19 und 36-39). 23

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