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COMPACT-Magazin 05-2016

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Zurück zum echten

Zurück zum echten deutschen Bier! _ von Peter Wiegrefe Im April feierte die Brauereiindustrie mit viel Gedöns den 500. Geburts tag des Reinheitsgebots. Doch das war nur ein Marketing- Trick: Die internationalen Konzerne haben die gute alte Vorschrift schon längst unterlaufen. Ursprüngliche Qualität findet sich nur bei kleineren Herstellern, von denen es gottlob immer mehr gibt. Gerste, Hopfen und Wasser verwendet und gebraucht werden sollen». Der 23. April 1516, als dies feierlich verkündet wird, gilt als Geburtsstunde des «deutschen Reinheitsgebots». Kleine Schummeleien 56 Nur die Tschechen trinken mehr: Rund 109 Liter Bier lässt sich jeder Deutsche pro Jahr im Durchschnitt schmecken. Foto: picture alliance / Foodcollectio Warum gibt es Weizenbier, obwohl das Reinheitsgebot die Verwendung von Weizen untersagte? Ingolstadt im Frühjahr 1516: Das nach Erbfolgekriegen wiedervereinigte Herzogtum Bayern wird von Nahrungsmittelengpässen geplagt. Besonders Getreide ist knapp, die Versorgung der Bevölkerung gefährdet. Zu allem Überfluss gibt es noch Streit zwischen Bäckern und Brauern: Letztere verwenden bevorzugt den fürs Brot wie fürs Bier gleichsam nutzbaren Weizen und verschärfen die Mehlknappheit dadurch weiter. Doch noch ein weiteres Problem treibt den bayerischen Herzog Wilhelm IV. um. Da die Inhaltsstoffe für Bier nicht klar definiert sind und Hopfen teuer ist, mischen viele Brauer auch Stechäpfel, Bilsenkraut oder Tollkirschen in ihren Sud. Das hat fatale Auswirkungen. Im ganzen Land grassieren Klagen, schwere Vergiftungen bis hin zu Todesfällen häufen sich. Um den Weizen ebenso wie gefährliche Zusatzstoffe aus der Bierproduktion zu verbannen, diktiert der Herzog eigens einen gesonderten Brauerei-Passus in die neue Landesordnung. Dort ist festgelegt, «dass forthin allenthalben in unseren Städten, Märkten und auf dem Lande zu keinem Bier mehr Stücke als allein Für die Brauerverbände ist dieses Datum ein Festtag, den sie als «Tag des Deutschen Bieres» seit 1995 zelebrieren. 2016, am 500. Jubiläum, war der vorläufige Höhepunkt: Mit großem Brimborium ließen Brauereien und Lobbyverbände das Reinheitsgebot hochleben, priesen es als «ältestes Lebensmittelgesetz der Welt», das bis heute die herausragende Qualität deutschen Gerstensaftes garantiere. Das klang in der Tat nach einem Anlass, kräftig auf das Geburtstagskind anzustoßen – und was die Stimmung hebt, ist ja im seltensten Fall verkehrt. Bei näherem Hinsehen entlarvte sich das Tamtam jedoch als pure Marketingblase einer Branche, die in weiten Teilen den Profitinteressen von Konzernen gehorcht. Wie herbeigeredet die Partystimmung ist, zeigt sich schon bei den historischen Unstimmigkeiten ihrer Begründung. Dass das Gebot von 1516 nur wenige Jahre Bestand hatte und in Bayern bereits 1551 wieder Koriander und Lorbeer, später auch Kümmel und Wacholder als Inhaltsstoffe zugelassen wurden, erwähnten die feierwütigen Industriellen natürlich nicht.

COMPACT Leben Auch dass der Begriff «Reinheitsgebot» erst Anfang des 20. Jahrhunderts geprägt wurde und der Deutsche Brauer- Bund ein «deutsches Reinheitsgebot» erst in den 1960er Jahren als Werbewaffe entdeckte, scheint heute vergessen. Nun gut, in einer zunehmend von Werbung und internationaler Liberalisierung dominierten Zeit musste eben auch diese Branche sehen, wo sie bleibt, und entsprechende Alleinstellungsmerkmale kreieren. Außerdem glauben wir Deutschen gern an Mythen und Legenden, da lassen wir uns von ein paar historischen Schönheitsfehlern nicht aus der Spur bringen. Schwamm drüber! Dass heute auch auf den Etiketten der Weizenbiere mit dem «Reinheitsgebot von 1516» geworben wird, wäre trotzdem ein Fall für den Verbraucherschutz, hatte doch die damalige Verordnung ausdrücklich zum Ziel, dass der Weizen den Bäckern – und den mit teuren Lizenzen von Herzogs Gnaden ausgestatteten «weißen Brauhäusern» – vorbehalten blieb. Verwässerter Geschmack Schwerer jedoch wiegt der Umstand, dass die hochgelobte Vorschrift in den vergangenen Jahrzehnten dermaßen unterhöhlt und aufgeweicht wurde, dass ihre Lobpreisung beinahe zynisch wirkt. Was heute in deutsches Bier hinein darf und was nicht, das bestimmt nicht die Verordnung von Herzog Wilhelm IV., sondern Paragraph 9 des Vorläufigen Biergesetzes von 1993, der 2005 in das Lebensmittel-, Bedarfsgegenstände- und Futtermittelgesetzbuch überführt wurde. Dort bestimmt zum Beispiel Absatz 2, dass für obergärige Biere wie Weizen oder Kölsch neben Gerstenmalz «auch die Verwendung von anderem Malz und die Verwendung von technisch reinem Rohr-, Rüben- oder Invertzucker (…) zulässig» ist. Um aus einem hellen ein dunkles Bier zu zaubern, dürfen sogar Farbmittel wie Zuckercouleur verwendet werden. Absatz 5 wiederum gestattet die Zubereitung von Bier mittels «Hopfenpulver oder (…) Hopfenauszüge[n]» anstelle echten Hopfens. Der chemisch gewonnene Hopfenextrakt, der seit 1968 zur Bierherstellung verwendet wird, ist länger haltbar und günstiger zu lagern und verursacht damit weniger Kosten. Er beschleunigt außerdem den Reifeprozess des Bieres und schafft so die Voraussetzungen für höhere Ausstöße. Die Gleichung ist einfach: Minderwertige Rohstoffe, weniger Kosten – mehr Profit. Der Nachteil: Aufgrund des geringeren Bitterstoffgehalts und weniger Stammwürze wird auch der Geschmack verwässert. Natürlich ist im Nachhinein kaum feststellbar, woher der für den Extrakt verwendete Rohhopfen tatsächlich stammt. So schwimmt in den Sudkesseln deutscher Großbrauereien, die heute mehrheitlich internationalen Konzernen gehören, auch Konzentrat aus China, Kanada oder den USA. Die Großkonzerne präsentieren ein totfiltriertes und turbogereiftes Einheitsbier. Kostenoptimierte Brauprozesse kommen nicht ohne chemische Hilfsmittel aus. Deshalb erlaubt Paragraph 9 Absatz 6 des Vorläufigen Biergesetzes die Beimischung von mehr als 60 teils fragwürdigen Inhaltsstoffen, sofern diese – «bis auf gesundheitlich, geruchlich und geschmacklich unbedenkliche, technisch unvermeidbare Anteile» – wieder ausgeschieden werden. Zu diesen erlaubten Zusätzen gehören Leckereien wie das Bindemittel Polyvinylpolypyrrolidon (PVPP), Asbest oder Formaldehyd. Auf die Fragen, wie unvermeidbar «technisch unvermeidbar» tatsächlich ist und auf welche Weise die «gesundheitliche, geruchliche und ge- Darauf ein Pils! Bierabsatz in Deutschland 2009 nach Sorten im Lebensmitteleinzeilhandel und in Abholmärkten (Marktanteil in Prozent). Pils Export Weizen Hell Alkoholfrei Schwarzbier Koelsch Alt Malzbier 55,2 9,8 8,3 4,7 2,9 1,7 1,6 1,4 1,3 0 30 60 Quelle: AC Nielsen EU Chart Der Lokalbesuch war schon zu Kaisers Zeiten oft Höhepunkt des Sonntagsausflugs. Foto: picture-alliance/akg-images Anzeige 57

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