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COMPACT-Magazin 05-2017

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Der Osten leuchtet. Was der Westen lernen kann

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COMPACT Dossier «Ich war die Frau eines Gotteskriegers» _ von Jürgen Elsässer Als Doris Glück ihren Mann vor 30 Jahren kennenlernte, erschien er so verführerisch wie Omar Sharif. Doch dann veränderte er sich total. Bisheriger Endpunkt seiner Karriere: Vor zwei Jahren wurde er der höchstrangige Offizier des Islamischen Staates mit deutschem Pass. «Ich genoss es so sehr, wenn er mich in die Arme nahm und mich liebte.» Doris Glück Reda Seyam wurde 1959 oder 1960 in Ägypten geboren. Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress Ich traf beide, aber natürlich nicht zusammen. Mit Doris Glück saß ich 2006 zusammen, mit ihrem geschiedenen Mann Reda Seyam ein Jahr später. Der Unterschied hätte größer nicht sein können: Hier eine typische deutsche Frau mit gefärbten Haaren, zurückhaltend, bescheiden, bisweilen flackerten ihre Augen. Ängstlich? Dort ein arabischer Riese mit bodenlangem Kaftan – und das in einem Szene-Café am Savignyplatz, mitten in Berlin! –, mit Rauschebart, hartem Blick. Drohend? Ich recherchierte für mein Buch Terrorziel Europa, in dem die Geschichte der beiden eine wichtige Rolle spielt: Er war einer der wichtigsten Instrukteure des Dschihad-Netzwerkes, das sich ab Mitte der 1990er Jahre in Süddeutschland bildete und dessen Ausläufer sich auf dem Balkan, in New York am 11. September 2001 und in London am 7. Juli 2005 wiederfinden lassen. Sie war seine Ehesklavin, als er 1995 nach Bosnien übersiedelte, wo Tausende Araber das Schlachten von Christen übten und er sie dabei filmte. Eine Liebe aus 1001 Nacht Als ich sie traf, lebte Frau Glück schon vier Jahre von ihrem Mann getrennt, in einem Zeugenschutzprogramm unter neuem Namen und streng bewacht. Damals interessierte mich, welche politisch-religiösen Abscheulichkeiten sie nach langem, quälenden Zaudern von ihm weggetrieben hatten. Aber man könnte auch anders fragen: Welche Verlockungen und Versprechungen zogen sie ursprünglich zu einem Mann hin, der ihr später so fremd, so gefährlich werden sollte? Doris Glück, damals als Kosmetik-Vertreterin unterwegs, lernte Seyam im Oktober 1987 in einem Café in Bonn kennen: «Vor mir stand ein Vollblut- Araber im dunklen Anzug und lächelte scheu, als hätte er Angst, dass ich ihn zurückweise. All das registrierte ich auf den ersten Blick, auch dass er gut aussah und dem Schauspieler Omar Sharif so verblüffend ähnelte, dass ich die Augen nicht von ihm nehmen konnte.» Schon eine Woche später beschließen die beiden zu heiraten. «Mir gefiel alles an ihm: seine breiten Schultern, seine dunklen Samtaugen, seine starken Brauen, die sich manchmal fragend, manchmal verschmitzt hoben, seine Hände, 54

COMPACT Dossier sein Geruch, seine Art, sich zu kleiden und stets frisch rasiert und gepflegt aufzutreten. Ich genoss es so sehr, wenn er mich in die Arme nahm und mich liebte. Und ich genoss seine Aufmerksamkeit. Nicht bloß, weil er mir gern kleine Geschenke machte, er merkte sich alles, was ich sagte.» Die beiden heirateten in der Botschaft Ägyptens. Seyams Heimatland hatte die erforderlichen Personaldokumente geschickt – unter anderem ein polizeiliches Führungszeugnis ohne negative Einträge. Er war zu dieser Zeit offensichtlich ein Mann, der nicht im Verdacht stand, in kriminellen oder fundamentalistischen Kreisen zu verkehren. Überdies rauchte er wie ein Schlot, trank gerne Alkohol und machte einen großen Bogen um Moscheen aller Art. Für sie schien ein Traum in Erfüllung zu gehen: Die orientalische Aufmerksamkeit und Leidenschaft waren wohltuender Kontrast zu der Kälte, die Frau Glück bei ihrem ersten Ehemann erfahren hatte: einem Deutschen, einem Jugendfreund, der so unerfahren wie sie selbst war und sie schließlich schändlich betrog. Der Weg in den Dschihad Erst Anfang 1992 radikalisierte sich Seyam, verzichtete auf Alkohol und Schweinefleisch, ließ sich einen Bart wachsen. Andere Islamisten überzeugen ihn, nach Bosnien in den Dschihad gegen die Ungläubigen zu ziehen. In der jugoslawischen Teilrepublik tobte seit Frühjahr 1992 ein Bürgerkrieg zwischen den Volksgruppen der Serben, der Kroaten und der Muslime – das blutigste Stadium im Auflösungsprozess des alten Jugoslawien. Hochburg der arabischen Freiwilligenverbände war Mittelbosnien mit der Stadt Zenica. Dort kam das Ehepaar Seyam Ende 1994 an. Ein Reporter der Londoner Times war dort 1992 in einem Camp der Mudschaheddin. «Eine schwarze islamische Fahne flatterte (…). Man sah Araber und Leute aus dem Kaukasus und aus Afrika. Die meisten trugen Bärte, einige hatten sich die Köpfe rasiert, alle trugen ausgewaschene Uniformen und waren gut bewaffnet – Leute mit scharfen Augen, Leute, die nicht vergessen.» Seyam war ein wichtiger Mann für die Gotteskrieger – nicht als Kämpfer, sondern als Kameramann und Kurier. Er drehte Propagandavideos von den Schlachtereien der Gotteskrieger, die in die ganze Welt vertrieben wurden – vor allem in den arabischen Raum, wo sie Sponsoren zu Spenden für den Fortgang des Dschihads motivieren sollten. Seine Ehefrau kann bestätigen, welche furchtbaren Dinge sich insbesondere während der Kämpfe im Spätsommer und Herbst 1995 abspielten, als die Muslime den serbischen Artilleriegürtel um Sarajevo sprengten. Sie war Augenzeugin einer Massenexekution im Dorf Guca Gora in der Nähe von Tuzla. «Neben dem knienden Mann erkannte ich Scheich Abu Abdul Ahmed al Masri, den Führer der Muschaheddin (…). Auf eine schnelle Bewegung hin sackte der kniende Mann zusammen, etwas flog durch die Luft. Es war sein Kopf.» Besonders furchtbar für die Frau war, dass ihr eigener Ehemann das Köpfen filmte und das entsprechende Video als Werbung für den Heiligen Krieg vertrieb. Einige Propagandaclips von Seyam hat sich die Spiegel-Redaktion besorgt: «Zu sehen sind mehrere Mudschaheddin, die drei Serben den Kopf abschlagen und damit Fußball spielen.» Gegenüber Focus behauptete Frau Glück sogar, Seyam habe mitgemordet: «Jeder der etwa 50 Mudschaheddin gab einen Schuss auf einen gefesselten Serben ab. Auch mein Mann hat geschossen.» Schließlich zog das Ehepaar von Zenica in das nahe Dorf Bocinja, wo «300 Mudschaheddin und ihre 900 Frauen» lebten (so die kroatische Zeitung Slobodna Dalmacija). Für Frau Glück wurde die Situation immer schlimmer: «In Zenica musste ich zwar von Kopf bis Fuss verschleiert vor die Tür gehen, durfte aber immer noch die Nachbarn besuchen, in den Supermarkt gehen und selbst die Lebensmittel aussuchen. (…) Eine Zigarette rauchen, an einer Seife riechen, ein neues Lied im Radio hören, Söckchen und Höschen für die Kinder, ein Päckchen Kaffee, eine Flasche Shampoo, diese einfachen Sachen machten die Frauen glücklich. In Bocinja galt das als überflüssiger oder gar schädlicher Luxus. Wenn es nach Omar [das Pseudonym ihres Mannes] und sei- Im Bosnienkrieg 1992–1995 präsentierten die auf Seiten der Bosniaken kämpfenden Mudschaheddin stolz die Köpfe ermordeter Serben. Foto: balkanblog.org Seyam wollte seinen Sohn Dschihad nennen. _ Die Zitate von Doris Glück stammen aus ihrem Buch Mundtot – Ich war die Frau eines Gotteskriegers. 55

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