Aufrufe
vor 5 Monaten

Gruess Gott - Frühjahr 2021

  • Text
  • Geist
  • Himmel
  • Linz
  • Welt
  • Zeit
  • Kirche
  • Menschen
Das Magazin über Gott und die Welt

GOTT & DIE WELT WO LIEGT

GOTT & DIE WELT WO LIEGT DER GARTEN EDEN? Warum war das Paradies ein Garten? Hatte es einen Zaun? Wo finden wir heute ein Eden auf Erden? Im eigenen Hausgarten womöglich? Eine Expertin für das Alte Testament, ein Landschaftsarchitekt und eine Ökologin antworten. Die Frage, wo der Garten Eden auf der Landkarte liegt, wurde in der Geschichte sehr oft und immer wieder gestellt. Sie kann aber, und da ist die Bibel eindeutig, nicht beantwortet werden. Im Alten Testament gibt es zwar geografisch recht konkrete Anhaltspunkte – zum Beispiel werden die Flüsse Euphrat und Tigris genannt. Aber diese Angaben werden durchmischt mit sehr nebulosen Verweisen auf mythische Landschaften, die sich nirgendwo lokalisieren lassen. Und genau um dieses Spiel ging es den Autoren der Bibel. Der Garten Eden sollte als ein realer Ort auf dieser Erde gelesen werden, aber gleichzeitig mit einem universalen Anspruch: Er könnte überall gewesen sein, ist uns heute aber unerreichbar. Das Wort „Eden“ bedeutet Lust oder Wonne. Es handelt sich also um einen Lustgarten, den man sich wohl so vorzustellen hat wie den üppig ausgestalteten Park eines Königspalastes: Gott richtet dem Menschen einen wunderschönen, von Mauern geschützten Garten ein, wo für alles gesorgt ist. Eine Welt, wie sie sein sollte. Für die Menschen in der Entstehungszeit der Bibel muss die Vorstellung, dass Adam und Eva aus diesem Paradies vertrieben wurden in die wilde, feindliche Natur außerhalb der Mauern, eine umso krassere gewesen sein. Landschaftsarchitekten beschäftigen sich oft mit eher profanen Aufgaben: Wir planen Freiflächen für Wohnanlagen, Schulen, Bürogebäude und Stadtplätze. Deshalb war es für unser Büro ein Höhepunkt – fast ein paradiesischer Zustand –, als wir im Jahr 2019 für die Oberösterreichische Landesgartenschau in Aigen-Schlägl einen realen „Garten Eden“ planen durften. Gefragt waren Themengärten mit Bezug zum Stift Schlägl. Wir wollten dabei christliche Symboliken mit offenen und aktuellen Bezügen zu Umwelt und Gesellschaft verbinden. Entstanden ist ein un konventioneller „Schöpfungsgarten“, der die natürlichen Gegebenheiten respektiert und einbindet und der heute noch immer besichtigt werden kann. Wenn wir für einen privaten Auftraggeber einen Hausgarten planen, schaffen wir kleine, sehr individuelle Paradiese. Es würde aber zu weit gehen, jeden Garten vorschnell als ein „Eden“ zu bezeichnen. Lieber würde ich den Begriff abstrakter fassen: als einen wechselnden Ort, den ich überall und zu jeder Zeit finden kann – zum Beispiel ein atemberaubender Flecken Natur auf einer Reise. Oder ein Gespräch mit einem Freund unter einem Schatten spendenden Baum. Momente, in denen ich das Leben spüre und merke: Hier und jetzt stimmt alles. SUSANNE GILLMAYR-BUCHER, 58, ist Professorin für alttestamentliche Bibelwissenschaft und Dekanin der Fakultät für Theologie an der Katholischen Privat-Universität Linz. TOBIAS MICKE, 56, ist Mitgründer des Landschaftsarchitektur büros ST raum a. in Berlin, das 2019 die Landesgartenschau „Bio.Garten.Eden“ in Aigen-Schlägl gestaltete. 12

FOTOS: FOTO STROBL, ST RAUM, KLIMABÜNDNIS ÖSTERREICH; ILLUSTRATION: STUDIO NITA Wenn ich den Begriff „Garten Eden“ höre, kann ich nicht anders, als an das Wunder Natur zu denken, das sich in jedem Hausgarten jeden Tag aufs Neue zuträgt, selbst in der Stadt. Gärten sind besondere Orte, weil sie auf begrenztem Raum einer Vielzahl von Tieren und Pflanzen Lebensraum bieten. Ein Garten ist ein kleines Ökosystem, ein Abbild der Erde im Kleinen. Es ist ein Ort, wo ich mich als Teil der Natur fühle, die Kreisläufe des Lebens hautnah spüre und verstehen lerne. Aber auch die großen Krisen bilden sich im Garten ab: Wenn der Mensch zu stark eingreift, bleiben die wilden Pflanzen aus, dann die Insekten, dann die Vögel. Ja, der Mensch hat immer schon in die Natur eingegriffen. Aber erst seit der Industriellen Revolution tut er das in einem Maße, dass der Natur keine Zeit mehr bleibt, sich zu regenerieren. Wenn ich durchs Land fahre und über die Zäune blicke, dann merke ich, wie dominant der Typus des sterilen Betongartens leider noch immer ist. Ich weiß aber auch: Naturbelassene Gärten liegen im Trend. Und immer mehr Menschen verstehen, dass Klimaund Naturschutz keine reine Frage der Moral ist, sondern vor allem ein großer persönlicher Gewinn. In jedem Garten, auch wenn er pflegeleicht sein soll, lässt sich ein „Bieneneck“ einrichten: eine Stelle, wo man Gras und Blumen wuchern lässt und damit Insekten anlockt. So entsteht ein Garten Eden im Kleinen – ein Ort, an dem der Mensch sich um andere Lebewesen sorgt, damit am Ende auch er selbst sich wohlfühlt. GERLINDE LARNDORFER-ARMBRUSTER, 49, ist Ökologin und arbeitet für das Klimabündnis Oberösterreich, das Gemeinden und Pfarren für den Klimaschutz vernetzt. 13