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Gruess Gott - Frühjahr 2021

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Das Magazin über Gott und die Welt

HIMMEL hätte hohe

HIMMEL hätte hohe musikalische Begabung, aber ich wäre nicht bereit, hart daran zu arbeiten – dann wird nicht viel dabei herauskommen. Umgekehrt: Ich habe eine nicht so hohe genetische Begabung, bin aber extrem bemüht und scheue mich nicht vorm Notenlernen und Üben – dann kommt sehr wohl etwas heraus. Aber das meiste kommt natürlich raus, wenn ich eine entsprechende Begabung habe und hart arbeite. (Lacht.) »Im Laufe der Evolution hat der Mensch gelernt, dem Bösen, der Katastrophe eine größere Bedeutung beizumessen als dem Guten.« Mehr als Talent. Fehlende musikalische Begabung lässt sich durch konsequentes Üben wettmachen. Doch umgekehrt bringt Talent wenig, wenn kein Fleiß dazukommt. Durch Fleiß lässt sich also eine fehlende genetische Veranlagung kompensieren? Bis zu einem gewissen Grad. Ich sage immer: Gene sind nur Bleistift und Papier, die Geschichte schreiben wir selbst. Dass man es auf einem Gebiet an die absolute Spitze schafft, ist aber natürlich dann am wahrscheinlichsten, wenn eine entsprechende Begabung da ist. Was das Malen und Musizieren angeht, habe ich irgendwann festgestellt, dass es nicht der Fall war. Das muss man sich eingestehen. In Ihrem Buch „Die Lösungsbegabung“ schreiben Sie, dass es viele Ängste gibt, die auch genetisch mitbestimmt sind. Kann man ihnen auch etwas Positives abgewinnen? Viele Menschen haben Angst vor dem Neuen, das steckt tief in uns drinnen. Man muss nur wissen, wo diese Ängste herkommen, um mit ihnen richtig umgehen zu können. Evolutionär gesehen ergeben bestimmte, jahrtausendealte Ängste Sinn. Wenn wir Angst vor einer Bedrohung haben, wird unser Körper hormonell in einen Zustand versetzt, der uns das schnelle, fokussierte Denken ohne Ablenkung ermöglicht. Das ist was Positives! Mut ohne Angst ist meistens Dummheit. Allerdings: Wenn Angst überhandnimmt, lähmt sie. 24

HIMMEL ZUSATZFOTO: UNSPLASH/JORDAN WHITFIELD Können Sie ein Beispiel für so eine Urangst nennen – und wie wir damit umgehen können? Nehmen wir den Negativitätseffekt: Im Laufe der Evolution hat der Mensch gelernt, dem Bösen, der Katastrophe eine viel größere Bedeutung beizumessen als dem Guten. Nicht umsonst gibt es den Spruch: „Only bad news is good news.“ Wenn wir in einem Flugzeug sitzen und es wackelt, ist der erste Gedanke, dass es bald abstürzt – nicht, dass es statistisch gesehen das sicherste Fortbewegungsmittel der Welt ist. So ist der Mensch. Wenn wir aber wissen, dass wir so sind, können wir ein Bewusstsein dafür entwickeln und uns sagen: Ich sehe schon wieder das Schlechte, schau doch mal auf das Gute! Man muss einfach die Biologie ein bisschen verstehen. Verstehen, wie wir ticken. Steckt uns auch das Böse in den Genen? Der unlängst verstorbene Arik Brauer hat gesagt, der Mensch habe die Demokratie erfinden müssen, um die art erhaltende Eigenschaft des Egoismus überwinden zu können. Natürlich gibt es diese Komponente. Und man kann vielleicht evolutiv herleiten, wieso es die gibt. Warum ich als Biologe dennoch ein positives Menschenbild habe? Sehen Sie sich an, was dem Homo sapiens in den letzten hundert Jahren alles gelungen ist! In puncto Gerechtigkeit, Bildung, Gesundheit. Das kann man alles in Statistiken zeigen – und zwar global. Pessimisten würden dem jetzt eine Reihe an globalen Desastern entgegenhalten: Hungersnöte, Umweltzerstörung, Flüchtlingskrisen, Terrorismus … Manche Leute sagen: Daher muss der Mensch im Grunde schlecht sein. Weil die MARKUS HENGSTSCHLÄGER ist Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik an der Medizinischen Universität Wien, stellvertretender Vorsitzender der österreichischen Bioethikkommission und Universitätsrat der Linzer Johannes Kepler Universität. Im Oktober 2020 ist sein neues Buch „Die Lösungs begabung“ (ecowin) erschienen. »Der Mensch ist weder im Grunde gut noch im Grunde schlecht. Sondern er ist einfach das Produkt der Wechselwirkung aus Genen und Umwelt.« Evolution ganz nach dem Motto „Survival of the Fittest“ dazu geführt habe, dass sich nur der Stärkste, der Machtgierigste, der Selbstsüchtigste durchsetzt. Aber so ist es in keinster Weise! Der Mensch ist weder im Grunde gut, noch ist er im Grunde schlecht. Sondern er ist eben ein Produkt der Wechselwirkung aus Genen und Umwelt. Ich erzähle dazu gerne eine Geschichte: Der Großvater sitzt mit seinem Enkelkind und sagt: In jedem von uns gibt es zwei Wölfe – einen guten, einfühlsamen und einen schlechten, machtgierigen. Das Enkelkind fragt: Welcher von beiden wird gewinnen? Und der Großvater sagt: der, den du fütterst. Sie glauben an das Gute im Menschen? Der Mensch ist mit Abstand das vernunftbegabteste und sozialste Wesen auf diesem Planeten. Wenn Sie einen Schimpansen mit einem zweieinhalbjährigen Kind vergleichen, werden Sie viele Ähnlichkeiten erkennen. Aber beim s ozialen Lernen ist der Mensch von Anfang an allen anderen überlegen. Ich füge noch eine Eigenschaft hinzu: Er ist das lösungsbegabteste Wesen. Ganz ohne Zweifel. Kein Organismus auf dieser Welt hat so viele Lösungen herbeigeführt. Es ist aber oft verblüffend, wie selten sich der Mensch auf diese 25