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Gruess Gott - Frühjahr 2021

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Das Magazin über Gott und die Welt

HIMMEL »Ich bin

HIMMEL »Ich bin Wissenschaftler, und ich bin ein religiöser, gläubiger Mensch. Und ich bin fest davon überzeugt, dass das kein Widerspruch ist.« Begabung rückbesinnt. Deshalb muss sie gefördert werden, wo es nur geht. Sie sind also zuversichtlich, dass der Mensch große Probleme wie Umweltzerstörung, Flüchtlingskrisen oder die Coronapandemie lösen wird? Sie fragen mich, ob er es tut. Ich sag auf jeden Fall: Er kann es. (Lacht.) Die Coronakrise zeigt, dass es geht. Immerhin wurden in kürzester Zeit die notwendigen Impfstoffe entwickelt. Und trotz dieses wissenschaftlichen Erfolgs war am Anfang der Pandemie das Individuum die einzige Lösungschance: indem es Mund-Nasen-Schutz trägt, Abstand hält und so weiter. Das führt uns die Kraft des Individuums als Ermöglicher vor Augen. Viele sagen: Ich? Was ändert das schon, wenn ich da mitmache? Aber bei der Pandemie haben wir gesehen: Je mehr Menschen mitmachten, desto niedriger war die Infektionszahl – so einfach geht das. Die Summe macht den Unterschied. Wir brauchen den Beitrag von jedem und jeder Einzelnen, auch wenn er noch so klein ist, um eine kollektive Lösungsbegabung im System zu haben. Und die werden wir auch bei vielen anderen globalen Herausforderungen brauchen. Sind es gerade die unterschiedlichen Begabungen der Menschen, die es uns ermöglichen, gesamtgesellschaftliche Probleme zu lösen? Einerseits brauchen wir Lösungen für vorhersehbare Probleme – davon haben wir genug. Wir wissen, dass wir den Klimawandel so nicht weiterlaufen lassen können. Es gibt auch schon viele Lösungen dafür, nur umsetzen müssen wir sie eben. Hier wünsche ich mir, dass die Menschen sich nicht in Mitmachkrisen verabschieden, sondern zu Ermöglichern werden. Und dann müssen wir uns auch auf Unvorhersehbarkeiten vorbereiten. Dafür gibt es ein evolutionäres Konzept: Je höher die Diversität, die Individualität, die Flexibilität in einem System ist, desto besser ist man auf Dinge vorbereitet, die man nicht vorhersehen kann. Hier geht es nicht nur um unterschiedliche Begabungen, es ist auch Bildung gefragt. Faktenwissen ist wichtig, schließlich wollen wir das Rad nicht jedes Mal neu erfinden müssen. Aber wir müssen auch „ungerichtete Kompetenzen“ fördern: Kreativität, kritisches Denken, Teamfähigkeit, Ethik. Nur so werden wir als Gesellschaft neue Lösungen für unvorhersehbare Probleme finden. Man könnte Gene auch als Schicksal begreifen, sowohl des Einzelnen als auch der Spezies. Hat Gott eigentlich im Weltbild eines Genetikers noch Platz? Ich habe sehr viel darüber nachgedacht. Ich bin Wissenschaftler, und ich bin ein religiöser, gläubiger Mensch. Und ich bin fest davon überzeugt, dass das kein Widerspruch ist. Wenn mich jemand fragt: Wie kannst du als Naturwissenschaftler etwas 26

HIMMEL glauben, was du nicht beweisen kannst? Dann entgegne ich: Wenn meine Frau zu mir sagt: Ich liebe dich – dann muss ich ihr das einfach glauben. Ich kann ihr nicht irgendwo Blut abnehmen, um den Wahrheitsgehalt zu messen. Die Wissenschaft hat das menschliche Genom – also den Bauplan des Lebens – entschlüsselt. Teilweise beginnt man schon damit, ihn zu verändern. Soll der Mensch so in die Schöpfung eingreifen? Das ist ein theologischer Begriff. Der wissenschaftlich richtige ist der biologische: in die Evolution eingreifen. Und ich sage dazu: Nein, das dürfen wir aktuell nicht. Aus ethischen und biologischen Gründen. Ich bin absolut für Gentherapie im Zusammenhang mit Krebs und anderen Erkrankungen. Nicht aber für das Bestreben, den Menschen in seiner Gesamtheit zu verändern. In Österreich sind solche Eingriffe in die Keimbahn auch per Gesetz verboten, und es gibt weltweit einen breiten Konsens, dass man so etwas derzeit nicht tun darf. Weil bisher noch nicht abschätzbar ist, wozu es führen könnte, und weil es mehr Nachteile als Vorteile bringen könnte. Allheilmittel. Bringt die Genetik den optimierten Menschen ohne Krankheiten? „Dafür ist er ein zu komplexes System.“ Dabei träumen doch viele vom optimierten Menschen ohne Krankheiten. Man könnte vielleicht da und dort an einer Schraube drehen, aber der Mensch ist in seiner Gesamtheit ein zu komplexes System. Ja, wir verfügen über die Technologie, alle 3,2 Milliarden Basenpaare der DNA zu entschlüsseln. Auch bei mir am Institut für Medizinische Genetik ist das Sequenzieren von Genomen Alltag. Wir tun es, um monogenetische Krankheiten zu dia gnostizieren – also solche, die durch Mutationen an einem einzelnen Gen entstehen. Aber wenn es um die genetischen Wechselwirkungen in Bezug auf Verhalten, Eigenschaften oder Neigungen des Menschen geht – da haben wir nicht die geringste Ahnung. Klingt ernüchternd und beruhigend zugleich. Man darf nicht vergessen: Wissenschaft enthebt uns Menschen nicht der Eigenverantwortung gegenüber unserer Gesundheit, unserer Gesellschaft, unserem Planeten. Viele denken: Das wird der Fortschritt schon richten. So ist es aber nicht. Jede Person muss etwas beitragen, damit wir die Probleme unserer Zeit lösen. 27