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Gruess Gott - Frühjahr 2021

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Das Magazin über Gott und die Welt

[HERR]GOTT KENNEN SIE

[HERR]GOTT KENNEN SIE DIESEN MANN? Wir haben ganz unterschiedliche Menschen in der Linzer Innenstadt angesprochen und gefragt, wie sie Jesus beschreiben würden. Die Antworten finden Sie auf den folgenden Seiten. Als ich ganz klein war, noch im Kindergarten, bin ich mit meiner Mutter fast jeden Tag an einem Kruzifix vorbeispaziert. Es war eines von den klassischen, wie man sie in Österreich alle paar hundert Meter findet: Ein ausgemergelter, blutüberströmter Mann aus Holz ist dort gehangen, die Rippen sind ihm weit herausgestanden, ganz herzzerreißend war sein Blick zum Himmel gerichtet. Viel habe ich damals nicht gewusst über diesen Herrn Jesus, aber eines war klar: Er hat mir furchtbar leidgetan. Darum habe ich meine Mutter irgendwann gefragt, ob wir ihm nicht einen von meinen Pullovern geben können. Damit er es wenigstens nicht kalt hat, wenn er da so hängen muss. Die meisten von uns haben ein vages Bild im Kopf, wenn sie den Namen Jesus hören. Der Mann mit Bart und langen Haaren – oft leidend, manchmal erhaben, aber immer ein bisschen entrückt von unserer Welt. Und wir hören so viele Dinge über ihn, die nicht immer zusammenpassen. Bei dem einen Religionslehrer hat es geheißen, heute würde man ihn einen Hippie nennen. Mit den langen Haaren und Sandalen hat das immerhin optisch gut gepasst. Aber der nächste Lehrer hat gesagt: Ein Revoluzzer war er! Ein wilder Hund, der die Geld- Luis, Volksschüler Jesus war ein ganz normaler Mensch. Er hat ausgesehen wie du und ich. Würde er heute an uns vorbeigehen, dann würden wir ihn vermutlich nicht erkennen. Außer vielleicht daran, dass er sich zu uns dazugesetzt und gefragt hätte, wie es uns geht und ob wir Hilfe brauchen. Die meisten erwachsenen Menschen machen so etwas heute nicht mehr. Aber Jesus war für alle da. Und er konnte heilen, durch die Kraft seiner Liebe. DER LEIDENDE So kennen ihn die meisten von uns: als leidenden Jesus am Kreuz, wie er in Österreich tausendfach die Landschaft prägt. Entstanden ist diese Art der Darstellung erst im Mittelalter. wechsler aus dem Tempel gejagt hat und vor dem das Establishment Angst hatte. Glatt oder verkehrt Aber was war das wirklich für einer, dieser Jesus von Nazaret? Das möchte ich wissen. War er die traurige Gestalt am Kreuz, die mir als Kind so leidgetan hat? War er ein Revoluzzer oder ein Hippie? Hat er wirklich Sandalen und einen Bart getragen? Würde er im Gasthaus ein Bier mit mir trinken (ich lade natürlich ein)? Würde er mit den Leuten dort ins Gespräch kommen? Oder würde er lieber draußen mit den Kindern Fußball spielen? Für Antworten auf so schwierige Fragen braucht es einen Profi. 38

[HERR]GOTT Und den finde ich in Johann Hintermaier, Lehrbeauftragter für Bibelwissenschaft, Bischofsvikar für Erwachsenenbildung und seit 1993 Priester der Diözese Linz. Wir fangen mit einer einfachen Frage an: Wie hat Jesus ausgeschaut? Aber da gibt es gleich die erste Enttäuschung: „Wir wissen eigentlich überhaupt nicht, wie Jesus ausgesehen hat. Nur, dass er ungefähr 30 Jahre alt war, als er das erste Mal öffentlich auftrat.“ Stimmt: In der Bibel wird das Aussehen von Jesus nirgends beschrieben. Man stellt sich beim Lesen eben einen Mann mit Bart und langen Haaren vor, aber genauso gut hätte er auch kurzhaarig und glatt rasiert sein können. So wird er sogar auf den allerfrühesten Bildern gezeigt, die man in römischen Katakomben gefunden hat: ein junger Hirte mit knapper Tunika, kurzem Haar und einem Lamm über der Schulter. So wie er dort ausschaut, wäre er beim Fußballspielen sicher gern dabei gewesen. Krone statt Dornen Und warum sehen Bilder von Jesus dann heute ganz anders aus? „Das kommt aus der Spätantike“, erklärt Johann Hintermaier, DER GUTE HIRTE Ein glatt rasierter Jüngling mit knapper Tunika und kurzem Haar: So sieht Jesus auf den frühesten Abbildungen aus, die man in römischen Katakomben gefunden hat. „damals war der Bart ein Zeichen von Weisheit. Darum hatten die Philosophen immer einen und auch einige römische Kaiser.“ Und darum hat man eben auch Jesus einen Bart verpasst. Um den Leuten zu zeigen: Passt auf, der Mann weiß, wovon er spricht. In Bildern hat man ihn damals aber nicht leidend am Kreuz dargestellt, sondern auf einem Thron – als strahlender König und Sieger über Sünde und Tod. Das Kreuz als Symbol sei erst im frühen Mittelalter dazugekommen: „Aber auch da hat man Jesus nicht als Leidenden dargestellt, sondern als König am Kreuz.“ Erhaben und mächtig also, mit richtiger Krone statt Dornenkrone. Klingt nicht gerade wie jemand, der ein Bier mit mir trinken würde. ZUSATZFOTOS: BERNHARD HUBER, AKG IMAGES/DE AGOSTINI PICTURE LIB./G. CARGAGNA Anne, selbständig Jesus war der Sohn Gottes, er hat das Unmögliche möglich gemacht. Dabei sind seine Person und seine Taten wohl eher als Metapher zu verstehen. Ob es ihn wirklich so gegeben hat, wie es in den Überlieferungen steht, ist völlig nebensächlich. Wichtig ist, was in ihm war: eine unverfälschte Liebe zu den Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft, Glaubensrichtung oder Hautfarbe. Das macht ihn zu der sagenhaften Figur, die heute symbolisch am Kreuz hängt. 39