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Gruess Gott - Frühjahr 2021

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Das Magazin über Gott und die Welt

[HERR]GOTT Kazinka,

[HERR]GOTT Kazinka, Kunststudentin Wenn ich an Jesus denke, dann kommen mir als Erstes alte Gemälde in dunklen Holzrahmen in den Sinn. Ich bin mir nicht sicher, ob Jesus an den Bildern von ihm Gefallen gehabt hätte. Also, dass wir ihn so in Erinnerung behalten hätten – als jemand, der am Kreuz gestorben ist. Er ist ja wiederauferstanden und lebt für immer. In allen Dingen, die uns umgeben. Man muss nur daran glauben. Das ist nicht immer einfach, aber auf jeden Fall möglich. Das Kreuz mit dem Leid Erst in der Gotik – als man auch angefangen hat, große Kathedralen wie den Wiener Stephansdom zu bauen – ist der leidende Jesus am Kreuz entstanden. Und das Mitleid, das ich als Kind beim Vorbeigehen an so einem Kruzifix gespürt habe, war eigentlich genau, was man damit erreichen wollte. Laienhaft ausgedrückt: Wer ihn anschaut, soll intensiv mit ihm mitfühlen DER KÖNIG Über viele Jahrhunderte war das die beliebteste Art, Jesus darzustellen: als strahlenden König der Welt und Sieger über den Tod. Hier ein Beispiel aus dem 16. Jahrhundert. und dadurch eine innerliche Beziehung zu Jesus aufbauen. Das hat anscheinend gut funktioniert, sonst hätte es sich nicht über viele Jahrhunderte gehalten. „Ich bin aber nicht sicher, ob diese Darstellung heute noch die sinnvollste ist“, sagt der Bischofsvikar dazu, „denn viele Leute können damit nichts mehr anfangen.“ Ist auch irgendwie klar: Die Leute damals haben in einer ganz anderen Welt gelebt als wir heute. In einer Welt, in der Leid, Gewalt und Tod viel alltäglicher waren und so ein Bild wahrscheinlich ganz andere Schalter im Kopf umgelegt hat. Wir kennen blutige Hinrichtungen – zum Glück! – höchstens aus dem Fernsehen. Und darum fehlt uns der Bezug. „Dieser leidende Jesus ist als Person der Gewaltlose, der sagt: Ich Andrea, Revisorin, mit Jakob Jesus war ein Mann, der das Gute in den Menschen gesehen und hervorgerufen hat. Er hat sich vor allem für Gerechtigkeit, Toleranz und die Gleichstellung von Frauen eingesetzt – für ihn gab es keine Entschuldigung, Menschen auszugrenzen. Das ist eine besondere Gabe, die heute leider immer mehr in den Hintergrund gerückt ist. Insofern könnte man Jesus als eine Art Hippie bezeichnen: jemand, der den Dialog mit den Menschen gesucht und so eine Gemeinschaft gegründet hat. 40

ZUSATZFOTOS: F1 ONLINE/FINE ART IMAGES, WIKIMEDIA/ELFQRIN kann meine Botschaft nicht verleugnen. Und dafür wird er angenagelt“, erklärt Johann Hintermaier. „Es braucht viel Kraft, um sich so etwas antun zu lassen. Aber es braucht auch Kraft und ist genauso wichtig, dass man als Stärkerer Nein zur Gewalt sagt. Und diese Botschaft wird mit der Kreuzesdarstellung nicht transportiert.“ Die andere Wange Sollten wir uns Jesus also eher als Hippie vorstellen, so wie im Musical „Jesus Christ Superstar“? Oder als Revoluzzer , vielleicht mit einem Käppi wie Che Guevara? „Im Neuen Testament kommt recht eindeutig heraus, dass Jesus nicht als Revolutionär gekommen ist“, meint Johann Hintermaier. Klar, wenn man das Heilige entheiligte – wie die Geldwechsler im Tempel –, konnte er auch richtig dreinhauen. „Aber er wollte die Welt zum Frieden führen und die Menschen, die unrecht tun, dazu bringen, dass sie selber sagen: So nicht, das ist ein Blödsinn.“ Klingt eher wie das Gegenteil von Che Guevara, das Käppi kann also wieder ab. Dann vielleicht mehr wie die Hippies in den Sechzigern, die ja auch gern einmal die andere Wange hingehalten haben? Sobald ich die Wange erwähne, schreckt Johann Hintermaier ein bisschen auf: „Das mit der anderen Wange in der Bergpredigt – das Fr. Ewald Nathanael OPraem, Ordensmann Wenn man Jesus als Figur für das eigene Leben betrachtet, dann kommt man um zwei Begriffe nicht herum: Zumutung und Herausforderung. Denn Jesus stand immer auf der Seite der Schwachen und Hilfsbedürftigen, er hat die Predigt der Armut verkündigt, also wird er wohl auch so gelebt haben. Wobei Armut jetzt nicht einen zwanghaften Verzicht auf alles bedeutet. Daher ist seine Botschaft an uns auch eine tagtägliche Herausforderung. Der stelle ich mich liebend gerne, weil ich daran glaube. DER MAGISCHE Der Schleier von Manoppello soll das wahre Gesicht von Jesus zeigen. Dass er darauf aussieht wie eine Figur in einem italienischen Renaissancegemälde, lässt Zweifel daran aufkommen. wird gern so lieblich-verharmlosend interpretiert. Aber da hat er nicht gesagt: Ja bitte, hau mir noch eine runter! Der eine schlägt, der andere nicht. Darum geht es: den Kreislauf des Bösen zu durchbrechen.“ Einfach nicht zurückhauen. An der Kreuzung nicht gleich zurückkeppeln. Sich den gehässigen Facebook-Kommentar verkneifen, auch wenn er noch so verdient wäre. Manchmal ist es ganz leicht, Gutes zu tun – indem man einfach das Böse unterlässt. Und doch kann es furchtbar schwierig sein. Mit Flower-Power muss das nicht unbedingt zu tun haben. „Aber wofür Jesus auf jeden Fall steht, ist das Aufbrechen des materialistischen Denkens. Danach haben sich die Hippies gesehnt, und diesen Aspekt haben sie auch bei Jesus gefunden.“ Eine gewisse Ähnlichkeit gibt es also – nicht nur, was die Frisur angeht. 41