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Gruess Gott - Frühjahr 2021

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Das Magazin über Gott und die Welt

[HERR]GOTT einzuladen,

[HERR]GOTT einzuladen, essen zu gehen oder den zuvor begonnenen Tanzkurs mit meiner Frau fortsetzen zu können. Persönlich bin ich froh und dankbar, dass uns eine Überforderung des Gesundheitssystems mit unzureichenden Kapazitäten für intensivmedizinische Leistungen bisher erspart geblieben ist. Die Sorge, sich auf Basis der sogenannten klinischen Erfolgsaussicht an ethisch höchst schwierigen Entscheidungen beteiligen zu müssen, war sehr belastend. Wenn man wie ich tagtäglich mit den Schicksalen von Covid­ 19- Erkrankten konfrontiert ist, nimmt man diese Betroffenheit mit nach Hause. Gleichzeitig wird man umso dankbarer, selbst gesund zu sein. Das hat mich auch Demut gelehrt. In meinem persönlichen Umfeld musste ich zum Glück niemanden beklagen. Meine Eltern sind jenseits der 70 und nehmen die Situation sehr ernst. In meinem Freundeskreis gab es aber einige sehr schwere Erkrankungen. Ich denke allerdings, dass Covid- 19 letztlich ein lösbares Problem ist, das wir in den Griff bekommen werden. »Es wird die Zeit kommen, dem Schmerz Raum zu geben.« Alexandra Oberlehner, 37 Ich bin Krankenschwester an der Onkologie am Med Campus Linz, derzeit aber noch in Karenz. Wenn man mit drei Kindern, die nicht in die Volksschule und in den Kindergarten gehen können, ein Jahr lang daheim sein muss, stößt man bald an seine Grenzen. Paul, der Achtjährige, hatte am Ess­ Kraftakt. Bei Familie Oberlehner ist immer was los. Doch im Lockdown fiel ihnen bald die Decke auf den Kopf. tisch Heimunterricht, daneben turnte unsere fünfjährige Greta durch die Gegend, und dazwischen schrie Xaver, unser 18 Monate alter Nachzügler, herum. Da fällt einem die Decke auf den Kopf. Ich hatte keine Minute Zeit für mich. Dazu kam die Angst, dass sich mein Mann Rainer, der als Krankenpfleger im Spital arbeitet, mit dem Virus ansteckt. Tatsächlich war ich es dann, die an Covid-19 erkrankte. Zum Glück war mein Krankheitsverlauf eher mild. Ich fühlte mich ein paar Tage lang schwach und hatte eine Zeitlang keinen Geruchssinn. Doch leider steckte ich meine Schwiegereltern mit dem Virus an. Das war eine schwierige Zeit für mich, weil ich mir große Vorwürfe und Sorgen um sie machte. Umso dankbarer bin ich, dass ihre Erkrankung glimpflich verlaufen ist. Am schlimmsten war das vergangene Jahr aber für meine 79-jährige Mutter. Sie hatte ihre Enkel immer so gerne um sich und genoss das Familienleben. Plötzlich durften wir sie wegen der Pandemie nur noch eine halbe Stunde pro Woche sehen – das war natürlich viel zu wenig. Ich hatte sehr oft ein schlechtes Gewissen, weil sie so allein war. Ende Oktober 2020 wurde meine Mutter positiv getestet. Sie hatte sich während des Essens im Pflegeheim bei einer Mitbewohnerin angesteckt. Zehn Tage lang zeigte sie keine Symptome, dann bekam sie Fieber und wurde extrem schwach. Zwei Wochen musste sie im Spital verbringen. Ich durfte sie in dieser Zeit nicht besuchen. Als sie dann ins Heim zurückkam, war sie bettlägerig und hatte ihre Mobilität verloren. Ich merkte bald, dass sie nicht mehr weiterleben konnte und auch nicht wollte. Die Einsamkeit hatte ihr sehr zugesetzt. In der Woche vor ihrem Tod war ich jeden Tag bei ihr. Wir konnten ihr noch ihren letzten Wunsch, sich von ihrem Enkel Paul zu verabschieden, erfüllen. Meine Mutter starb wenige Tage vor Weihnachten an den Folgen ihrer Covid-19-Erkrankung. Dass ich in dem Jahr vor ihrem Tod so wenig Zeit mit ihr verbringen konnte, macht den Trauerprozess schwierig. Doch trotz all der belastenden Situationen bin ich dankbar für den Zusammenhalt in meiner Familie. Es wird die Zeit kommen, dem Schmerz des vergangenen Jahres Raum zu geben und abschließen zu können. 58

Abschließen. Alexandra Oberlehners Mutter ist an Covid-19 gestorben. Das Schmerzlichste daran ist, dass sie vor ihrem Tod so wenig Zeit mit ihr verbringen konnte.