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Gruess Gott - Frühjahr 2021

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Das Magazin über Gott und die Welt

In „flüchtig“

In „flüchtig“ fällt die 4. abwechslungsreiche Sprache auf: Poetische Sätze wechseln mit Alltagssprache, dazwischen finden sich Austriazismen und Ausdrücke wie „krass“ und „geil“. Das wirkt manchmal irritierend und erinnert an die Gegensätze in Ihrer Musik, die irgendwo zwischen Volksfest und Vernissage daheim ist. Muss Kunst ein bisschen irritieren, damit sie wirkt? Ich denke, dass Gegensätze etwas sind, was die Spannung erhöht. Bei meinem Lied „Brenna tuats guat“ dachte ich mir zunächst: Das geht knapp an einem Hit vorbei. Weil der Text einfach zu gesellschaftskritisch ist. Aber offensichtlich sind die Menschen eben doch belastbarer, als es oft scheint. Natürlich ist die Hauptsache, es steppt der Bär! Das hat man bei dieser Nummer gut ge sehen. Sogar das Publikum in Norddeutschland hat jede Zeile mitgesungen. Die konnten phonetisch erkennen, was ich da singe, ein Teil der Grundaussage wird also hängengeblieben sein. Insofern habe ich auch nicht das Gefühl, dass die Nummer ver gewaltigt wird, wenn sie auf dem Oktoberfest oder einer Vernissage gespielt wird. Ich versuche, in meiner Kunst immer alle Welten zu vereinen: von der Sensibilität bis hin zum Orgiastischen. Bühnenpräsenz. Für 2021 hatte Hubert von Goisern eine Tour geplant. Für uns steht er immerhin im Steintheater von Hellbrunn auf der Bühne. 5. In „Brenna tuats guat“ heißt es auch: „War’n ma Christ, hätt ma gwisst, wo da Teufel baut in Mist.“ Wie stehen Sie zu den christlichen Werten? Christsein ist für mich etwas anderes, als katholisch zu sein. Jesus Christus war und ist eine unglaubliche Inspiration. Er verbindet Demut mit einer – ganz salopp gesagt – provozierenden, ungeheuren, ja anstößigen Kompromisslosigkeit. Wenn man sich also an Jesus orientiert, dann bekommt man eine gute Einschätzung dessen, was richtig und was falsch ist. In der Geschichte der Menschheit gibt es nur ganz wenige Figuren, an denen ich nichts aus­ 70

SAKRAMENT zusetzen habe. Jesus ist eine von ihnen. Allerdings frage ich mich oft, was er gemeint hat, als er am Kreuz hing und sagte: „Vater, warum hast du mich verlassen?“ Ist das ein Hinweis darauf, dass sich Jesus geirrt hat? Dass es den Vater am Ende vielleicht gar nicht gibt? Ich denke jedenfalls oft darüber nach. Letztlich ist es aber für mich viel wichtiger, dass es den Menschen, die Vorbildfigur Jesus, gegeben hat, als die Lösung der unbeantwortbaren Frage nach der Existenz Gottes. Reflexion. In seinem künstlerischen Schaffen ist Hubert Achleitner ein bedachter Zuhörer seines Umfelds. 6. Was bedeutet Ihnen Anerkennung? Wie wichtig sind Ihnen Musikoder Literaturpreise? In erster Linie geht es darum, mit seinem Tun und Lassen ein Teil der Gesellschaft zu sein. Wenn das persönliche Schaffen von der Gesellschaft ignoriert wird, dann schleicht sich das Gefühl ein, dass man nicht dazugehört. Anerkennung und Wahrnehmung erlangen so eine entscheidende Rolle, denn sie geben uns Feedback. Selbst kann man sein Tun ja nicht immer genau beurteilen. Insofern ist Anerkennung auch eine Form der Identitätsfindung. HUBERT ACHLEITNER Seit über 15 Jahren hatte er einen Roman schreiben wollen – und dank einer Tourpause fand er die Zeit dazu. „flüchtig“ (Zsolnay) ist im Mai 2020 erschienen – unter seinem bürger lichen Namen Hubert Achleitner. Er erzählt darin von Maria, die plötzlich verschwindet, und ihrem Mann Herwig, den die Suche nach Griechenland führt. Ein Roman über Liebe, Sehnsucht und das flüchtige Glück. 7. Als Musiker und Schriftsteller sind Sie nicht an fixe Arbeitszeiten gebunden. Halten Sie sich an die Sonntagsruhe? Ich bin sogar ein großer Verfechter der Sonntagsruhe: Dieses kollektive Pausieren erachte ich als etwas Wertvolles. Da man dabei nicht nur sich selbst eine Pause gönnt, sondern als Gemeinschaft durchatmet. Ich empfinde auch den gemeinschaftlichen Gottesdienst am Sonntag als eine wichtige Sache. Wobei ich persönlich nur mehr selten hingehe. Die letzten Gottesdienste, die ich besucht habe, waren nicht sehr inspirierend. Es gibt sie sicher noch, jene Priester, die lebendige, inspirierende, mit anderen Worten gute Predigten halten können. Die meisten finde ich floskelhaft und nicht selten anmaßend. Auch diese Anbetung eines männlichen Gottes – jetzt sind wir wieder beim Vater, unserem „Herrn“, und dem auf Männer reduzierten Priesteramt –, das geht sich für mich einfach nicht aus. Ich habe auch keine Lösung, wie man den Glauben auf eine dem Zeitgeist entsprechende Stufe heben könnte. Das Beharren auf der Männlichkeit Gottes steht jedenfalls für mich symbolisch für die Schlagseite nicht nur des Christentums, sondern aller großen Religionen. Schöne Musik, habe ich oft den Eindruck, verbindet die Menschen besser als die Anrufung des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. 71