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Gruess Gott - Herbst 2020

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Wenn die Welt Kopf steht - Das Magazin über Gott und die Welt

[HERR]GOTT

[HERR]GOTT davongelaufen, weil ich einfach neugierig war – ich habe Menschen geliebt, und ich wollte jeden kennenlernen. Und wenn die noch dazu Musik gemacht haben, dann war’s ganz aus. Zu dieser Quelle wollte ich. Und jetzt? Mein eineinhalb Jahre alter Sohn hat getanzt, bevor er gegangen ist. Er hat sich rhythmisch bewegt, zu einem Beat, den nur er hören konnte. Liegt die Liebe zur Kunst in der Familie? Meine Eltern wollten beide künstlerische Berufe einschlagen, mein Papa wollte Grafik designer werden, meine Mutter hat sich am Anton Bruckner Konservatorium in Linz beworben. Das war aber dann für beide nicht möglich. Ich habe dann genau diese beiden Ausbildungen absolviert, eigentlich schräg. Mir ließen sie meine Freiheit, vielleicht auch, weil es gar nicht anders möglich gewesen wäre. Ballett zum Beispiel, das war recht schnell klar, war nicht so meine Sache. Und auch der Eiskunstlauf – obwohl ich wirklich gut war – hat mich nicht glücklich gemacht. Strenge Abläufe nach Schema F, das war nie meines. Ich möchte ständig tanzen, aber so, wie ich will! Das hat meine Laufbahn nicht unbedingt immer einfach gestaltet, zugegeben. Mittlerweile weiß ich auch, dass man sich alles hart erarbeiten muss, dass man die Regeln kennen muss, um sie zu brechen. Aber ich reagiere immer noch allergisch, wenn ich höre: so und nicht anders. Was war der Befreiungsschlag? B­Girling, also weiblicher Breakdance. Da war plötzlich diese neue Kultur, der ich mit Erfolgsrezept. „Wenn ich in den Spiegel schauen und mich auf den Moment konzentrieren kann – dann bin ich erfolgreich.“ »Strenge Abläufe nach Schema F, das war nie meines. Ich möchte ständig tanzen, aber so, wie ich will! Zugegeben, das hat meine Laufbahn nicht immer einfach gestaltet.« fünfzehn bei einer Veranstaltung in Linz begegnet bin. Eine Kultur, die Grenzen überschreitet und die Möglichkeit bietet, alle Bewegungen und alle Rhythmen zu kombinieren. Das hat mich nicht mehr losgelassen. Nach der Matura hab ich zwar die Aufnahmeprüfung an der Bruckner Uni gemacht. Drei Monate später bin ich aber schon dank einer Förderung der Stadt Linz durch Europa getourt – um B­Girling zu lernen und selber zu lehren. So hatte ich die Möglichkeit, auf Battles zu gehen, Workshops zu besuchen und die Leute in der Tanzszene kennenzulernen. Das war der Grundstein für vieles, was danach kam. Was kam? Silke Grabinger kam zum Tanztheater, etwa mit Projekten bei der Renegade Theatre Company, mit der sie durch Europa und Afrika tourte, oder dem Urban-Dance- Festival Pottporus in Deutschland. Bis Talentscouts vom Cirque du Soleil aus Montréal auf sie aufmerksam wurden. Beim Casting vor einer der anspruchsvollsten Jurys der Welt wurde sie quasi durchgewinkt. Und plötzlich war sie Solokünstlerin im großen Cirque du Soleil. Eine Österreicherin Mitte 20, eine Autodidaktin – umgeben von den 22

esten Artisten und Artistinnen dieser Welt. Und nicht alle davon konnten ihre Freude darüber teilen. Eine harte Zeit, aber auch eine lehrreiche. Von 2006 bis 2008 tanzte Grabinger in der Cirque-du-Soleil-Produktion „The Beatles LOVE“ und arbeitete mit den Spitzen der internationalen Choreografie zusammen. Wie war Ihre Zeit im Cirque du Soleil? Schon das Casting war beeindruckend. Ich bin in diesem Proberaum gesessen, es kamen drei Männer rein, einer schaut mich an, sagt „It’s her!“ („Das ist sie!“) und geht wieder. Also bin ich los nach Las Vegas. Und habe 1.117­mal das gleiche Solo getanzt. Sie haben doch vorher geschildert, dass Routine nicht unbedingt zu Ihnen passt … Ich habe dort professionell arbeiten gelernt. Und zwar sehr schnell: Dort waren 65 Leute im Cast, die schon acht Monate zusammengearbeitet hatten – ich bin vier Monate vor dem Opening hin, habe alle Choreografien nachlernen müssen. Kurz nach der Premiere wurde ich auch noch für eine Luftakrobatik­Nummer trainiert. Wenn ich heute noch einmal vor der Entscheidung stünde, würde ich es wieder tun. Eine Kopfüber. Sie probierte Ballett und Eiskunstlauf aus. Aber im B-Girling, dem weiblichen Breakdance, fand sie ihre Berufung. TÄNZERIN, CHOREOGRAFIN, AKROBATIN Mit Humor. Hart, aber voll lustiger Anekdoten: Silke Grabingers Zeit beim Cirque du Soleil. Silke Grabinger verbindet urbanen und zeitgenössischen Tanz mit performativer und bildender Kunst. Ihr Fokus liegt auf der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Phänomenen, künstlerischen Paradigmen und der Funktion des Publikums. Nachdem sie von 2006 bis 2008 in der Cirque-du- Soleil-Produktion „The Beatles LOVE“ tanzte, kreierte sie 2008 ihr erstes Solotanzstück [SLIK] mit Pilottanzt. Besonders wichtig ist ihr die Förderung von Nachwuchstalenten: Mit SILK Fluegge entwickelt sie Tanz- und Performanceproduktionen (nicht nur) für junge Menschen und wurde dafür mit dem „STELLA 15“-Award für herausragende Produktionen für Jugendliche aus gezeichnet. www.silk.at 23