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Gruess Gott - Herbst 2020

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Wenn die Welt Kopf steht - Das Magazin über Gott und die Welt

»Eins zu sein mit

»Eins zu sein mit allem, einfach mit der Welt mitzuschwingen, das hat eine wahnsinnige Kraft. Das ist für mich der ultimative Seelenfrieden.« Cirque ergeben haben, habe ich die am wenigsten lukrative gewählt, aber jene, die am nächsten bei meiner Familie war. Riesenchance, aber doch auch wie Fabriksarbeit. Nach 500 Shows wird dir bewusst, dass die Leute wie Maschinen arbeiten und während der ärgsten Akrobatik-Nummer in Gedanken ihre Einkaufszettel durchgehen. Danach kam sogar ein Angebot aus Hollywood. Warum sind Sie doch zurück nach Österreich? Ich hätte als Assistentin eines großen Choreografen in Los Angeles beginnen können. Diese unglaublichen Talente stehen alle in einer Reihe und haben 30 Sekunden Zeit, um zu zeigen, was sie können. Und du sagst: nein, du nicht … du nicht … du schon – und das bin ich nicht. Da mache ich lieber meine eigene Company auf und fang bei null an, aber unter meinem Namen. Von allen Möglichkeiten, die sich nach dem Körpergefühl. Tanz als Akrobatik: Da weiß jeder Muskel genau, was er zu tun hat. Langsam wird es für Silke Grabinger Zeit, sich umzuziehen, denn ihr Tanzworkshop beginnt gleich. Open Air, versteht sich, denn auch in Zeiten von Corona – oder gerade in diesen – soll getanzt werden. In weiten Sporthosen hat sie jede Bewegungsfreiheit. Gesprochen wird wenig, in ihrem stark physisch ausgerichteten Unterricht liegt der Fokus auf Technik, Ausdruck und Musikalität. Gemeinsam erforschen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihr individuelles Bewegungsvokabular, ganz intuitiv und niemals wertend. Alle machen mit, schwitzen, lächeln und wirken am Ende glücklicher und ausgeglichener. Hat Tanz für Sie etwas Heilendes, vielleicht auch Spirituelles? Wie heißt es so schön: Tänzer sind die Athleten Gottes. Tanz hat mich auf jeden Fall Vorbild. Silke arbeitet viel mit jungen Mädchen und animiert sie, ihren eigenen Weg zu gehen. 24

[HERR]GOTT gerettet. Wenn man von klein auf gelernt hat, mit Disziplin und Struktur zu leben, war es heilend zu sehen, dass man daraus ausbrechen kann. Und zum Thema Spiritualität: Ich schaffe es beim Tanzen, mich mehr in meiner Seele zu spüren – vor allem wenn ich mich mit dem, was um mich herum ist, verbinde. Nicht nur mit den Menschen. Das kann im Endeffekt alles sein, was mich umgibt. Beim Wiener Kultursommer habe ich eine Performance gemacht, in der sehr viele hypnotische, rhythmische Elemente dabei waren. Da verbindest du dich so stark mit der Welt, dass du dich fast entkörperst. Eins zu sein mit allem, einfach mit der Welt mitzuschwingen, das hat eine wahnsinnige Kraft. Das ist der ultimative Seelenfrieden. Kostet das nicht auch viel Kraft? Ich habe diese unglaubliche Möglichkeit, zu machen, was ich liebe, und davon zu leben. Das kostet mich keine Kraft, sondern gibt sie mir. Selbst im Lockdown, da habe ich Konzepte für Performances geschrieben. Zum Beispiel „Sitzlust“, gemeinsam mit Gotthard Wagner, das hat bereits stattgefunden. Alle performen dabei sitzend, und das hat gut funktioniert. Ansonsten bin ich mit meiner Familie so oft wie möglich in der Natur unterwegs. Da ist man dem Himmel bekannterweise am nächsten. Was bedeutet Erfolg für Sie? Für viele Tänzerinnen und Tänzer ist der Cirque die Endstation, aber ich wollte da ja gar nie hin, es ist mir einfach passiert. Es geht mir karrieretechnisch nicht darum, dass mich besonders viele Leute gesehen haben. Wenn ich in den Spiegel schauen kann und mich auf den Moment konzentrieren, ihn spüren kann – dann bin ich erfolgreich. Als ich damals angefangen habe, habe ich so sehr dafür gekämpft: für sich selbst einstehen, Wertschätzung bekommen. Das versuche ich weiterzugeben und Motivation. „Ich mache, was ich liebe, und kann davon leben. Das kostet mich keine Kraft, sondern gibt sie mir.“ arbeite darum gerne mit jungen Frauen, zum Beispiel beim Projekt „B-Girl Circle“. Ich brauche keine braven Schülerinnen und Schüler, ich war ja auch nicht brav. Ich habe versucht, kreative Lösungen zu finden, meinen eigenen Weg zu gehen, und dazu will ich auch die Kids animieren. Aber nicht alle tun sich so leicht mit dem Tanzen. Wie kann man Menschen die Berührungsängste vor dem Tanz nehmen? Jeder Mensch kann tanzen! Das ist einfach etwas, was in uns liegt. Es geht nur darum, wie sehr es gefördert wird. Tanz ist eine Möglichkeit, sich in seinem Körper zu finden und ihn gleichzeitig auch zu verlassen. Und die meiste Angst haben die Menschen ja nicht vor sich selbst, sondern vor der Reflexion im Außen. Bin ich schön genug, toll genug, bewege ich mich gut – aber wenn du in dir selbst ein bisschen Ehrlichkeit spürst, merkst du, dass es nicht darum geht, was das Außen mit dir macht. Dann kannst du zulassen, berührbar zu werden. Du kannst auch irgendwo herumstehen und in dir drinnen tanzen und keiner sieht es. Tanz ist überall und immer – in jeder Alltags bewegung. 25