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Gruess Gott - Herbst 2020

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Wenn die Welt Kopf steht - Das Magazin über Gott und die Welt

dorthin mit den

dorthin mit den Menschen, wie mit der Natur um?“ Es beginnt bei den Eiern und Lebensmitteln für die Buschenschank, die sie, oft mittels Extra-Kilometern auf dem Fahrrad, von den umliegenden Bauern bezieht, und reicht über die Photovoltaik anlage zur Stromerzeugung bis zur Herkunft der Töpfe und der Erde für die Jungpflanzen. „Verbesserungspotenzial findet sich immer“, fügt sie an und gesteht leicht verlegen, dass die Servietten immer noch von Ikea stammen. Den perfekten Garten Eden hat auch sie in Allhaming noch nicht geschaffen, aber sie versuche, ihm so nahe wie möglich zu kommen. „Gutes Wirtschaften bedeutet, unseren Planeten für die Zukunft zu bewahren und so zu handeln, dass es möglichst wenig negative Auswirkungen auf Familiär. Doris Hummer kennt jede Person in der Belegschaft bei DOMICO. Und sie weiß, wer die beste Schokolade in der Schreibtischlade hortet. andere hat. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ – die Botschaft Jesu bringt es für sie auf den Punkt. Auch für Großunternehmen sei es möglich, ethische Maßstäbe anzusetzen und ihr Tun in einem umfassenderen Kontext zu sehen, ist Mayr-Lamm überzeugt. „Es ist nur eine Frage des Willens.“ Wirtschaft ist kein Selbstzweck Auch Doris Hummer sieht Wirtschaft in großen Zusammenhängen. Nicht umsonst hat sie sich in jungen Jahren für ein Studium der Volkswirtschaftslehre entschieden. „Mich hat vor allem eine Frage fasziniert: Welches Wirtschaftssystem schafft ein gutes Leben für alle?“ Heute ist sie Präsidentin der Wirtschaftskammer Oberösterreich – die erste Frau in dieser Position. Und als Geschäftsführerin des von den Eltern übernommenen Unternehmens DOMICO, Spezialist für Gebäudesysteme aus Metall, auch mit der wirtschaftlichen Praxis bestens vertraut. Ihre 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kennt sie alle, darüber besteht bei einem Rundgang durch das mit werkseigenen Bauteilen errichtete DOMICO-Hauptquartier in Vöcklamarkt kein Zweifel. Wer die beste Schokolade in der Schreibtisch lade hortet, weiß sie genau, und ebenso, bei wem gerade ein Zahnarzttermin ansteht. Wirtschaft ist für Doris Hummer, die sich in ihrer Jugend in katholischen Organisationen Weitblick. Gewinne müssen für Doris Hummer nichts Böses sein, solange man sie in die Zukunft investiert und neue Arbeitsplätze schafft. 34

HIMMEL »Wirtschaft ist letztlich die Möglichkeit, meine Talente so einbringen und entwickeln zu können, dass ich ein gutes Leben führen kann.« Doris Hummer, Präsidentin der Wirtschaftskammer Oberösterreich wie der Jungschar engagiert hat, unteilbar. Der kleine Bäcker ums Eck, bei dem sie morgens ihre Semmeln holt, bedeutet für sie ebenso Lebensqualität wie der international verflochtene Industriekonzern, der tausende Arbeitsplätze schafft. Und: Wirtschaft sei kein Selbstzweck. „Wirtschaft ist letztlich die Möglichkeit, meine Talente so einbringen und entwickeln zu können, dass ich ein gutes Leben führen kann.“ Das gilt für den DOMICO-Schichtmeister genauso wie für die Empfangsdame im futuristischen Foyer. Und ja, auch Geld spiele eine Rolle – was aber nicht bedeuten müsse, dass in den Vorstandsetagen nur profitgierige Manager sitzen. Gerade die Corona-Krise habe gezeigt, dass Gewinne nichts Böses sind, sondern auch die Basis für das Fortbestehen eines Unternehmens in schwierigen Zeiten darstellen. „Ohne Eigenkapital wäre man am nächsten Tag kaputt.“ Verantwortungsbewusste Unternehmerinnen und mündige Mitarbeiter, die gemeinsam für die Menschen wirtschaften und durch ihre Arbeit ein gutes Leben für alle ermöglichen – so einfach könnte es sein. Doch in Zeiten von globalem Handel, internationalem Lohndruck und Automatisierung scheint diese Gleichung für viele Menschen in unserem Land nicht mehr aufzugehen. „Fehlentwicklungen gibt es in der Wirtschaft genauso wie in allen anderen Systemen, die von Menschen gemacht werden“, sagt Doris Hummer dazu. Es läge an uns selbst, den Rahmen klar abzustecken, was wir als Gesellschaft wollen und was nicht. An der Politik, die Gesetze schaffen DORIS HUMMER leitet in zweiter Generation das Familienunternehmen DOMICO in Vöcklamarkt. Seit 2017 ist sie als erste Frau Präsidentin der Wirtschaftskammer Oberösterreich. muss, um etwa die Verwendung umweltschädigender Spritzstoffe zu untersagen, aber auch an den Konsumentinnen und Konsumenten, die mit ihren Kaufentscheidungen Billigstproduktionen aus Ländern mit menschenverachtenden Standards ablehnen können. „Ich sehe gerade die Corona-Krise als Chance, dass wir wieder einiges an Produktion an unseren Standort zurückbekommen.“ Wirtschaft als System, in dem sich alle verwirklichen können, in dem aber auch alle Verantwortung tragen, das ist Frau Hummers ökonomisches Verständnis. Wohl nicht zufällig sieht die Mutter eines Sohnes in regional verwurzelten Familienunternehmen eine Art Ideal des Wirtschaftens. „Dort arbeiten Jung und Alt, Frau und Mann zusammen. Diese Vielfalt an Blickwinkeln macht Erfolg aus.“ Und: „Familienunternehmen schauen nicht aufs Quartalergebnis, sondern denken in Generationen.“ Vielleicht müsste man Ökonomie mehr im ursprünglichen Sinn – nämlich als „Haushalt“ (das bedeutet das altgriechische Wort oikos ursprünglich) – begreifen. Als Haus, in dem wir alle miteinander leben und arbeiten, auch im globalen Maßstab. Dann ist gutes Wirtschaften vor allem eine Investition in die Zukunft – und das ist ein zutiefst christlicher Gedanke. WAS HEISST CHRISTLICH WIRTSCHAFTEN? Zu der Frage, was christliches Wirtschaften heute bedeutet, haben die Kirchen in Österreich seit 2003 eine gemeinsame Position: Damals wurde das Sozialwort des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich herausgegeben. 14 Kirchen östlicher und westlicher Tradition haben dafür zusammengearbeitet. Die Initiative ging von Bischof Maximilian Aichern (Linz) aus, die Katholische Sozialakademie Österreichs (Wien) war mit der Erarbeitung betraut. Themen wie Bildung, Medien, Lebensräume, Arbeit, Wirtschaft, soziale Sicherheit, Frieden, weltweite Gerechtigkeit und Verantwortung für die Schöpfung wurden vielfach diskutiert. Das Sozialwort fand weltweite Beachtung und wurde 2013 im Rahmen von „Sozialwort 10+“ aktualisiert. oekumene.at/ dokumente 35