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Gruess Gott - Herbst 2020

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Wenn die Welt Kopf steht - Das Magazin über Gott und die Welt

[HERR]GOTT MENSCH, WO

[HERR]GOTT MENSCH, WO BIST DU? Schon Ignatius von Loyola, Gründer der Jesuiten, sagte, seine Ordensbrüder müssten „Gott in allen Dingen suchen und finden“. Aber wie geht das? Eine Anleitung in drei Schritten von Pater Christian Marte. Gott in allen Dingen und Situationen finden: das ist ein ganz biblischer Gedanke. „Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir“, heißt es in der Apostelgeschichte. Gott begegnet mir in der Justiz anstalt, wenn ich mit Bediensteten und Häftlingen spreche. Denn Gott ist auch im Gefängnis präsent. Man muss ihn nicht hinbringen – er ist schon dort. Manchmal brauchen wir es aber ein bisschen konkreter. Wir brauchen geistliche Menschen, heilige Zeiten und besondere Orte. Sie sollen uns daran erinnern: Gott ist da. Heikel wird es, wenn man meint, Gott wäre nur noch dort zu finden. Da wird es dann ziemlich eng. Gott ist immer größer. Darum tut uns das Wort des heiligen Ignatius gut: Wir können Gott in allen Dingen suchen und finden. In der Stille der eigenen vier Wände, in einem Gespräch, im Trubel der Stadt, im Fußballstadion oder auch im Klang eines Musikinstruments. Gott zu finden, das ist nicht so schwierig – mit ein bisschen Übung. Mir helfen dazu drei Schritte. »Wir brauchen geistliche Menschen, heilige Zeiten und besondere Orte. Sie sollen uns daran erinnern: Gott ist da. Heikel wird es, wenn man meint, Gott wäre nur noch dort zu finden.« Unterbrechen. Am Abend schaue ich 1. auf den Tag zurück. Ich nehme mir dafür eine Viertelstunde Zeit. Viele Menschen tun das ganz automatisch: Sie machen einen kurzen Spaziergang. Für andere ist es schwierig, aus den täglichen Anforderungen herauszutreten. Stille hilft zu unterbrechen. Aber Stille ist nichts für Feiglinge. Wenn der äußere Lärm weg ist, kommt manchmal die innere Unruhe. Unterbrechen, das kann man trainieren. Man beginnt damit, an einem ruhigen Ort zu sitzen und auf den Atem zu achten. Am Beginn hilft es, wenn einen jemand anleitet. Genau auf den Tag schauen. 2. Gott wirkt durch Menschen. Seine Spuren sehe ich oft erst im Nachhinein. Ich schaue mir meinen Tag an: die Gespräche, Telefonate und E-Mails. Was hat mich gefreut? Was waren schwierige Situationen? Wo waren meine Emotionen? Gott ist die Liebe – und darum gilt: Wo uns Liebe begegnet, begegnet uns Gott. Es braucht einen guten Blick dafür. Weniger auf die Oberfläche, mehr in die Tiefe. FOTO: THOMAS STRAUB 44

[HERR]GOTT Danken. Ich danke Gott für das 3. Gute – und dass er mich durch die schwierigen Situationen führt. Ich danke für das, was ich als selbstverständlich ansehe: für meinen Atem und meinen Herzschlag. Beides geschieht ohne mein Zutun. Aber wer bewirkt es dann? Elias Canetti schreibt: „Das Schwerste für den, der an Gott nicht glaubt: dass er niemanden hat, dem er danken kann. Mehr noch als für seine Not braucht man einen Gott für Dank.“ Die Formel für dieses Abendgebet lautet: Erlebnis + Reflexion = Erfahrung Wir brauchen die Stille, in der wir reflektieren können. So wie wir auf unserer Tastatur die größte Taste brauchen: die Leertaste. Einen Text ohne Leerzeichen kann man lesen … aber nur sehr schwer. Wer keine Pausen macht, kann seinen Lebenstext schwer lesen. »Wir brauchen die Stille, in der wir reflektieren können. So wie wir auf unserer Tastatur die größte Taste brauchen: die Leertaste. Einen Text ohne Leerzeichen kann man lesen … aber nur sehr schwer.« PATER CHRISTIAN MARTE, geboren 1964 in Feldkirch/ Vorarlberg, ist Jesuit. Er leitet das Jesuitenkolleg in Innsbruck und ist Gefängniskaplan in der Innsbrucker Justizanstalt. Gott selbst ist unsichtbar. Das Bild des unsichtbaren Gottes ist Jesus von Nazareth. Als Christ möchte ich so werden wie er: so denken und reden und handeln. Seine Verhaltensmuster und seine mentalen Modelle leiten mich. In der Spur Jesu sind viele Menschen gegangen, die mir wichtig sind: Maria Magdalena, Franz und Franziska Jägerstätter, Dietrich Bonhoeffer. Sie zeigen mir, wie ich auf die Welt schauen kann. Je mehr ich das tue, desto mehr sehe ich das Gute und die Präsenz Gottes. Ich sehe auch die sehr schwierigen Dinge – aber ich sehe sie nun in einem neuen Licht und kann damit besser umgehen. Gott suchen in allen Dingen. Das prägt mein Weltbild. Und je älter ich werde, desto mehr merke ich: Gott sucht auch mich, so wie er Adam im Paradies sucht: „Mensch, wo bist du?“ Wenn es also wieder passieren sollte, dass wir alle zu Hause sitzen müssen; wenn Büros, Schulen und Lokale geschlossen sind – dann nehmen Sie sich vielleicht eine Viertelstunde Zeit und denken an die Worte des heiligen Ignatius: Wir können Gott in allen Dingen finden. Auch daheim. Wir müssen nur bereit sein, ihn zu suchen. 45