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Gruess Gott - Herbst 2020

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Wenn die Welt Kopf steht - Das Magazin über Gott und die Welt

Die Erschaffung Adams.

Die Erschaffung Adams. 1990 entdeckte ein Neuromediziner, dass die Darstellung Gottes in Michelangelos Fresko eine frappierende Ähnlichkeit mit dem Querschnitt des Gehirns hat. Wahrscheinlich kein Zufall: Im Italien der Renaissance wurden die ersten Obduktionen durchgeführt, um das anatomische Wissen zu erweitern. Wir wissen nicht, wer sie waren, wie sie lebten und was sie dachten. Doch an diesem Tag waren diese frühen Menschen wohl in Gedanken bei ihren Verwandten, die kurz davor verstorben waren. Behutsam platzierten sie die mit Ocker verzierten Körper in einer Grube und brachten sie in Kauerstellung und mit verschränkten Armen zum Liegen. Daneben legten sie gefärbte Muschelschalen und Steinwerkzeuge und bedeckten schließlich das Grab mit Sand und Steinen. Etwa 100.000 Jahre lang blieb die Grabstätte in der Qafzeh­Höhle im heutigen Israel ungestört – bis Archäologen sie in den 1930er­Jahren entdeckten. Sie ist der älteste Nachweis von Bestattungsritualen beim modernen Menschen, Homo sapiens. Diese Menschen waren äußerlich kaum von heute lebenden Personen zu unterscheiden. Doch auch in ihrem Inneren waren sie uns ähnlich: Sie glaubten offenbar an ein Leben nach dem Tod – und vielleicht an eine höhere Macht, die sich der Seelen ihrer Toten annehmen würde. MICHAEL BLUME 1976 in der Nähe von Stuttgart geboren, studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Heute ist er einer der bekanntesten Forscher auf dem Gebiet der Neurotheologie. Funde wie dieser machen klar: Glaube und Spiritualität gehören zum Menschsein. Zu allen Zeiten und in allen Gegenden der Welt hatten Menschen eine Vorstellung des Übernatürlichen, so unterschiedlich sie auch sein mögen. Sind wir also fest verdrahtet, um Spiritualität zu spüren? Diesen Gedanken hatte schon Charles Darwin, Begründer der Evolutionstheorie – und studierter Theologe. „Das Gefühl religiöser Erhabenheit ist sehr kompliziert“, schrieb er im 19. Jahrhundert. „Kein Wesen kann eine so komplizierte Gemütsbewegung empfinden, sofern es nicht in seinen intellektuellen und moralischen Fähigkeiten wenigstens eine mäßige Höhe erreicht hat.“ Und Darwin war sicher, dass Glaube einen „veredelnden“ Effekt auf den Menschen hat, auch wenn er sich – ganz der Agnostiker, zu dem er im Lauf seines Lebens geworden war – lieber nicht zu dessen Ursachen äußern wollte. Schuf also Gott das Gehirn, damit wir an ihn glauben? Oder schuf unser Gehirn das Göttliche, um sich selbst einen Sinn zu geben? Die Forschenden des 20. Jahrhunderts waren weniger diplomatisch als Darwin – und meist von Zweiterem überzeugt. Mit dem Aufkommen bildgebender 48

[HERR]GOTT FOTOS: WIKIMEDIA, DIE ARGE LOLA / KAI LOGES + ANDREAS LANGEN, AKG-IMAGES/MISSION ARCHEOLOGIQUE DE QAFZEH Verfahren in der Medizin witterten sie ihre Chance: Endlich gab es Möglichkeiten, in den Kopf hineinzuschauen. Und sie wollten sie nutzen, um ein für alle Mal zu beweisen, dass Gott ein Hirngespinst ist. So entstand die Neurotheologie: die Erforschung des religiösen Empfindens mit Methoden der Neurobiologie. Der deutsche Religionswissenschaftler Michael Blume beschäftigt sich schon lange und intensiv mit dem Thema. Er weiß: „Zu dieser Zeit hat man alle Ergebnisse der Hirnforschung theologisch aufgeladen. Entweder als Widerlegung oder als Beweis Gottes. Heute haben wir verstanden, dass wir mit der Hirnforschung nicht Gott, sondern das menschliche Hirn erforschen.“ Was aber nicht bedeutet, dass Gott kein Zuhause in unserem Kopf hat. Wenn wir Bilder des Kopfinneren mittels Magnetresonanztomographie (MRT) an fertigen, können wir sehen, welche Bereiche unseres Gehirns mit besonders viel Sauerstoff versorgt werden – diese Bereiche sind besonders aktiv. So regt religiöses Empfinden weite Bereiche unseres Großhirns an, vor allem aber den Schläfenlappen, der rechts und links im Schädel hinter Schläfen und Ohren liegt, sowie den Scheitellappen im hinteren, oberen Teil unseres Großhirns. Zahlreiche Studien haben das bestätigt. Auch in Österreich wurde dazu geforscht: Forscher der Med Uni Graz wollten wissen, ob unser Gehirn zwischen einem Gedicht und einem Gebet unterscheiden kann. Die Bewusst bestattet. Eines der etwa 100.000 Jahre alten Gräber aus der Qafzeh-Höhle in Israel: eine junge Frau mit einem kleinen Kind – vermutlich Mutter und Tochter. »Alles, was wir Menschen erleben und worüber wir nachdenken, besetzt bestimmte Bereiche in unserem Gehirn. Das gilt auch für religiöse Gedanken. Das heißt aber nicht, dass Gott nur in unserem Gehirn vorhanden ist.« Michael Rosenberger, Moraltheologe Antwort: Ja. Beim Gebet wurde der Schläfenlappen aktiviert, beim Gedicht nicht. Diese Areale mussten sich über viele Jahrtausende entwickeln. Und ihr Vorhandensein lässt sich nicht nur bei den Menschen in der Qafzeh­Höhle nachweisen, sondern auch bei unseren nächsten Verwandten, den Neandertalern. Mehr als ein Hirngespinst Menschen scheinen also wirklich für den Glauben gebaut zu sein. Ist er vielleicht nur so etwas wie ein „Nervenkitzel“? Nein, sagt Michael Rosenberger, Professor für Moraltheologie und Institutsvorstand an der Katholischen Privat­Universität Linz. „Alles, was wir Menschen erleben und worüber wir nachdenken, besetzt bestimmte Bereiche in unserem Gehirn. Das gilt auch für religiö se Gedanken“, erklärt er. „Das heißt aber nicht, dass Gott nur in unserem Gehirn vorhanden ist. Wir würden ja auch nicht sagen, weil Musik in unserem Gehirn an einer bestimmten Stelle verarbeitet wird, existiert sie nur in unserem Kopf.“ 49