Aufrufe
vor 5 Monaten

Gruess Gott - Herbst 2020

  • Text
  • Glaube
  • Himmel
  • Zeit
  • Welt
  • Kirche
  • Menschen
Wenn die Welt Kopf steht - Das Magazin über Gott und die Welt

HIMMEL essieren würde,

HIMMEL essieren würde, ist das Zusammentreffen gänzlich unterschiedlicher Gruppen. Ich erlebe die Katholische Kirche in Oberösterreich so, dass sie schon eine klare Richtung hat, aber dass sich da auch manches differenziert. In der Politik erlebe ich das auch nicht anders. Scheuer: Unterschiedlichkeit ist faszinierend, wo Vielfalt oder Anderssein als Reichtum, als gegenseitige Ergänzung gesehen werden. Aber es ist schwierig, wenn es nur mehr Nebeneinander und Gleichgültigkeit ist. Wo man nicht mehr miteinander kann und wo es nichts mehr gibt an Empathie oder Einfühlung oder, umgekehrt, auch an Verwundbarkeit. Was halten Sie für das Schwierig ste am Beruf des anderen? »Was uns vereint, ist der Zugang zur Spiritualität, dafür hätte ich gerne mehr Zeit. Das Grundsatzdenken kommt in der Politik oft zu kurz. Was mich an der Kirche interessieren würde, ist das Zusammentreffen gänzlich unterschiedlicher Gruppen. Diese Differenzierung, diese Unterschiedlichkeit – das ist spannend.« Rudolf Anschober Am richtigen Platz. Politik interessiere ihn, aber mit Rudi Anschober würde Manfred Scheuer nicht tauschen wollen. Anschober: Am schwierigsten erscheint mir die von vielen gewünschte Weiterentwicklung und Transformation der Kirche. Wenn man etwas schnell umsetzen möchte und dann erlebt, dass die Realität viel langsamer ist, als man es sich wünscht. Scheuer: Als Minister braucht man wohl viel Leidenschaft. Und eine gesunde Distanz. Ich habe ein Zitat im Kopf, dass für einen guten Politiker drei Eigenschaften erforderlich sind. Erstens das Entdramatisieren mit kühlem Kopf, zweitens den Humor bewahren und drittens jene Prügel, die man bekommt, nicht zurückgeben. Und ich glaub, da trifft’s Politiker und Bischöfe ähnlich. Die sind Projektionsfläche für sehr viele Erwartungen und Aggressionen. Muss man in Ihrem Job Basisdemokrat, Leader oder gar Diktator sein? In Ruhe reden. Im Gespräch mit Franz Hirschmugl: Der Eiskaffee ist abgeräumt, das Aufnahme gerät eingeschaltet. Anschober: Also Diktator sicher nicht … und Basisdemokratie geht 56

HIMMEL in herausfordernden Situationen auch nicht. Es ist eine Form von verantwortungsvollem Regieren. Auch schnellem Regieren. Im Wesen geht es um ein möglichst verantwortungsvolles Umgehen mit großen Entscheidungen. Also Leadership. Scheuer: Kirchliches Leben wird in der Öffentlichkeit stark auf Personen, ob Papst oder Bischof, reduziert. Aber das entscheidende kirchliche Leben spielt sich in den Pfarr­ und Ordensgemeinschaften, in Bewegungen und Gruppen ab. Wo durchaus Spiritualität, Solidarität, Glaube und Hoffnung gelebt werden. Aber ich sage auch, dass es für die Kirche Formen der Institution und des Amtes braucht. Bei großen Entscheidungen versuche ich immer, einen Prozess der Konsultation und der Resonanz einzubauen. Dass man Strukturen schafft, wo Entscheidungen von möglichst vielen getragen werden. Insofern verstehe ich mich als Prediger, als Verkündiger, als spiritueller Begleiter von Prozessen, manchmal als Vordenker. Das hat schon mit Leiten zu tun. Auch mit Leiden manchmal? Am UND-Altar. Im Lentos Museum finden die beiden eine Nachbildung des Altars aus der Priesterseminarkirche Linz von Künstler Josef Bauer. Scheuer: Manchmal. (Lacht.) Was war die beste Abzweigung Ihres Lebens? Scheuer: Dass ich damals im Studium nach Freiburg gegangen bin, um mein Leben der Theologie zu widmen. Diese Entscheidung war stark mit Spiritualität verbunden. Und ich habe gemerkt, da wird etwas in mir gestärkt, das meinem Weg im Leben entspricht. Und bei Ihnen, Herr Anschober? Anschober: Dass ich 2012, als ich im Burn­out war, den Mut hatte, zu sagen: Ich bin krank. Und dass ich mir dann die Zeit genommen habe, mich wieder zu finden. Das war wohl die weiseste Entscheidung, denn die Alternative wäre gewesen, dass es irgendwann überhaupt nicht mehr geht. Gleich nachgefragt: Was tun Sie nach diesem Erlebnis, wenn Sie merken, dass Sie an Ihre Grenzen kommen? Anschober: Das habe ich in den letzten Monaten mehrfach gespürt. Und darum habe ich mir ganz einfache Regeln vorgegeben, etwa dass ich jeden Tag in der Früh und spät am Abend eine halbe Stunde mit 57