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Gruess Gott - Herbst 2020

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Wenn die Welt Kopf steht - Das Magazin über Gott und die Welt

Sonntagsgefühl. Karin

Sonntagsgefühl. Karin Peschka in der Küche ihres alten Elternhauses, wo sie mit ihrer Schwester das „Eferdinger Gastzimmer“ betreibt. AM SIEBTEN TAG Sieben Tage, sieben Fragen, die zur Reflexion einladen. Diesmal haben wir sie der in Linz geborenen Autorin Karin Peschka gestellt. FOTOS: RAPHAEL GABAUER 68

SAKRAMENT FOTOS: BPK/ABISAG TÜLLMANN, HABRINGER Was ist 1. Ihnen heilig? Die spontane Antwort: nichts. Allerdings fällt mir beim Nachdenken über die vielen Bedeutungen des Wortes sanctus doch einiges ein. Zu diesen Bedeutungen ge hören neben anbeten auch unverletzlich, unantastbar und erhaben. Unantastbar ist für mich zum Beispiel das Recht, Autorität zu hinter fragen und Autorität, die sich dem verweigert, zu misstrauen. Wie definieren Sie 2. ein gutes Leben? Den kommenden Tag nicht mit Sorge zu erwarten, sondern gelassen schlafen gehen zu können. Welche Eigen- 3. schaft von Jesus erscheint Ihnen nachahmenswert? Vor vielen Jahren (im größten Zweifel) las ich Adolf Holls Buch „Der letzte Christ“ über Franz von Assisi. Es gab mir die Sicherheit, mich auf die humanistischen Grundzüge zu verlassen, die (auch) in der Lehre Jesu überliefert sind. Die Zuwendung zum anderen über den Umweg – oder den Filter – der Zuwendung zu sich selbst, das ist eine gute Orientierung. Sich um andere zu kümmern ohne Aufhebens, ohne Erwartung des Ordens erster Klasse am roten Band. Wo und wann 4. finden Sie Ruhe? Wenn ich mich mit einem Text beschäftige, mit dem neuen Roman, dann fokussiert sich meine Aufmerksamkeit – und das kann ein sehr schönes, ruhiges Gefühl sein. Außerdem im Alleinsein, im ziellosen Denken. Vor kurzem habe ich zum ersten Mal die Karl-Borromäus-Kirche auf dem Wiener Zentralfriedhof besichtigt. Ich habe dort eine Ruhe gefunden, die ich gar nicht gesucht hatte. Und mich gewundert und mir gedacht, davon bräuchte ich mehr. Wenn Sie für 5. einen Tag allmächtig wären, was würden Sie tun? Mit meiner Macht hadern. Was war das 6. größte Wunder in Ihrem Leben? Ist es nach wie vor: mein ganzes bisheriges Leben in diesem reichen Teil der Welt gelebt zu haben. Keine Errungenschaft, keine Selbstverständlichkeit, nichts, auf das ich stolz sein könnte. Es hätte auch anders kommen können. 7. gelungenen Was macht für Sie einen Sonntag aus? Ich gehöre schon lang keiner religiösen Gemeinschaft mehr an, bin aber im katholisch geprägten Umfeld aufgewachsen und kenne den Kirchgang, als KARIN PESCHKA, 53, lebt in Wien und Eferding. Die Autorin hat 2014 ihren Debütroman „Der Watschenmann“ veröffentlicht, der mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Ihr aktueller Roman „Putzt euch, tanzt, lacht“ (Otto Müller Verlag, € 23) ist für den Österreichischen Buchpreis 2020 nominiert. Darin lässt die Protagonistin Fanni mit 57 Jahren ihr altes Leben zurück und landet in einer ungewöhnlichen Wohngemeinschaft. Ein Buch über Solidarität, Zuwendung und Akzeptanz. kleines Kind an der Seite der Großeltern, als Jugendliche in der Samstagabend-Messe, wo ich aber eher Anschluss suchte als religiöse Erfüllung. Denn als Tochter von Wirtsleuten war der Sonntag für mich und meine Geschwister vor allem ein fixer Arbeitstag. Ein ruhiges Wochenende mit einem ebensolchen Sonntag gab es nicht. Es gab allerdings einen Sperrtag – ganz früher war es der Mittwoch, dann der Freitag. Da war das Haus still, Gastzimmer und Küche lagen in einer Art Dämmer, so war es auch an den Nachmittagen von Sonn- und Feiertagen. An diesen hatten wir zwei, drei Stunden geschlossen. Diese Stunden, dieser Dämmer, die Stille in den Räumen, die wir zuvor sauber gemacht hatten, Tische frisch gedeckt, Boden gekehrt, Geschirr und Gläser und Töpfe abgewaschen, Herd geputzt – diese Ruhe liebte ich. Ich saß oft allein beim Kachelofen und lauschte und dachte an nichts Besonderes. Manchmal sitze ich so in meiner winzigen Wiener Küche. Manchmal in unserem alten Haus in Oberösterreich, wo wir – meine Schwester und ich – nun zwar kein Wirtshaus mehr betreiben, aber dafür das „Eferdinger Gastzimmer“. Der Raum ist anders, aber der Kachelofen derselbe, die Fenster dieselben und die Ruhe ist es auch. Das gibt mir ein sonntägliches Gefühl. 69