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GruessGott 01 2019

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Momente des Glücks - Magazin über Gott und die Welt

SAKRAMENT AM SIEBTEN TAG

SAKRAMENT AM SIEBTEN TAG „Was macht den Sonntag für Sie zu einem besonderen Tag?“ Wir haben diese Frage einem Menschen gestellt, der weiß, was es bedeutet, auch am Wochenende gefordert zu sein. Den Sonntag verbinde ich mit Bildern aus der Kindheit. Ich bin im Mühlviertel am Bauernhof aufgewachsen, tief in den ländlichen Traditionen eingebettet. Da war für alle ganz klar, was der Sonntag bedeutet. Aufstehen, nach Ulrichsberg in die Kirche gehen, wieder nach Hause, ein gutes Mittagessen. Aber immer auch der Blick in den Himmel. Kündigte sich Regen an und das Heu lag draußen, dann hat man es selbstverständlich einbringen müssen, auch am Sonntag, auch mithilfe der Kinder. Da sehe ich eine Verbindung zu meinem Leben heute: Sonntag bedeutet für mich nicht, dass ich einen Schnitt mache und die Arbeit ganz hinter mir lasse. Mein Beruf begleitet mich selbstverständlich auch am Sonntag, ich nehme ihn als einen Teil von mir mit nach Hause. JOHANN ZOIDL leitet seit dem Jahr 2000 als Oberarzt die Palliativstation St. Louise im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Linz. Neben dem ausgebildeten Radio-Onkologen kümmern sich dort vier Ärzte und 30 weitere Mitarbeitende um unheilbar kranke Menschen auf ihrem letztem Lebensabschnitt. 72

In jedem Spital gibt es Wochenenddienste. Ich bin aber kein bisschen missmutig, wenn ich einen Dienst am Feiertag übernehme. Ich bin acht Jahre am Petrinum ins Internat gegangen, dort gab es jeden Tag eine Messe vor der ersten Schulstunde. Und dann natürlich noch die Sonntagsmesse. So bin ich aufgewachsen. Meine Sicht auf den Gottesdienst hat sich davon losgelöst. Ich denke, man muss wohl nicht jeden Sonntag in die Kirche gehen. Der Gottesdienst kann ja – oder muss ja – auch ein Dienst an den Menschen sein. Vor allem deshalb, weil wir es auf unserer Station mit Menschen zu tun haben, für die die Zeit ganz anders läuft als für uns. Es gibt keine Wochentage, es gibt keine Uhrzeiten, ja oft gibt es nicht ein­ mal mehr den Unterschied zwischen Tag und Nacht. Es gibt nur das Jetzt und die Ewigkeit, die irgendwie ineinanderfließen. Und was von mir als Arzt verlangt wird, ist, einfach da zu sein in diesem Jetzt. Da geht es ganz stark um Vertrauen: die Gewissheit, aufgehoben zu sein unter Menschen. Bedingungslos sein zu dürfen, wer man ist und wie man ist. Dieses Vertrauen ist, denke ich, der Schlüssel zu einem Glauben an eine Transzendenz: „Wenn es jetzt so ist, dass ich mich geborgen fühle, dann kann es ja nachher gar nicht anders sein.“ Ich kann mich an eine Patientin erinnern, die, schwer gezeichnet von ihrer Krankheit, schon nicht mehr reden konnte. Sie lag nur noch da, ihr Mann saß meist bei ihr. Als ich einmal ins Zimmer kam, faltete die Frau zitternd die Hände. Ich fragte: „Möchten Sie beten?“, und die Frau nickte. „Sollen wir ein Vaterunser beten?“ Wieder nickte sie. Ihr Mann aber wehrte ab, seine Frau habe doch mit Religion nie was am Hut gehabt. „Aber der Wunsch ist eindeutig“, sagte ich. In diesem Moment war offenbar eine ganz alte Erinnerung in dieser Frau hochgekommen, die nun eine neue Wichtigkeit bekam. Also habe ich mit ihr ein Vaterunser gebetet. Auch das geschah an einem Sonntag. FOTO: ORDENSKLINIKUM LINZ BARMHERZIGE SCHWESTERN; ILLUSTRATION: DAVID KELLNER Wenn ich am Wochenende frei habe, genießen meine Frau und ich vor allem die Sonntagvormittage. Eine Stunde länger schlafen. Ausgiebig frühstücken. Wenn’s schön ist, auf der Terrasse. Die Zeitung aufmerksamer lesen als sonst. Die Zweisamkeit genießen. Am Nachmittag bleibt genug Zeit für einen Waldspaziergang oder um Freunde zu treffen. Oder eins unserer drei erwachsenen Kinder kommt auf Besuch. So läuft es für mich immer wieder hinaus auf diese zwei Pole, nicht nur am Sonntag: zur Ruhe kommen, Menschen begegnen. Wie eine Oase ist für mich der Schwimmteich im Garten. Wenn an einem klaren Sonntagmorgen die Sonne hinterm Haus aufgeht und die Seerosen anstrahlt, und ich geh zum Teich, schwimme die ganze Länge, tauche unter und bei den erleuchteten Seerosen wieder auf – was brauch ich denn dann noch? Das ist es. 73