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Grüß Gott Frühjahr 2020/2

Das Magazin über Gott und die Welt

»Ich denke oft an meine

»Ich denke oft an meine Kinder: Lernen sie brav für die Schule, sind sie gesund, sind sie zufrieden und glücklich, vermissen sie mich?« 24-Stunden-Betreuerin Mihaela Gelebte Nächstenliebe. Manchmal hilft nicht nur guter Rat, sondern auch eine feste Umarmung. ihrer Familie ein gutes Leben ermöglichen. Der Preis, den sie dafür zahlt? Heimweh. „Manchmal vermisse ich jeden einzelnen Stein in meinem Garten“, sagt sie. „Auch deswegen ist dieses Café für uns so wichtig. Ich sehe meine Kolleginnen, wir sind alle zusammen, vergessen die Sorgen kurz und können auf Rumänisch tratschen.“ Ihre Kollegin Mihaela hat sie im Pfarrheim kennengelernt, sie wurden Freundinnen in der Ferne. Mihaelas Heimat Petroșani wird auch die „arme Stadt der Bergarbeiter“ genannt. In Rumänien arbeitete sie für 200 Euro monatlich sechs Tage die Woche in einem Einzelhandelsgeschäft. Das reicht gerade so zum Überleben, doch ihr Sohn möchte eine weiterführende Schule be suchen – und das kostet. „Ich denke oft an meine Kinder: Lernen sie brav für die Schule, sind sie gesund, sind sie zufrieden und glücklich, vermissen sie mich?“ Sie zeigt Iveta stolz die Handyfotos ihrer Familie. Diese freut sich still, ist etwas schüchtern – aber wenn man beobachtet, wie sie ihre „Frau Leopoldine“ unterstützt, weiß man gleich, welche Kräfte in ihr wohnen. Womit die 24-Stunden-Pflegekräfte weniger zufrieden sind? Sie alle schildern, wie hart und undurchsichtig das Pflegegeschäft abläuft: Über 700 Vermittlungsagenturen gibt es in Österreich, die an die Familien herantreten. Und dann im Hintergrund noch Agenturen, die in den Herkunftsländern tätig sind und die Frauen rekrutieren. Darunter auch schwarze Schafe mit Knebelverträgen, die beim Ausstieg über 3.000 Euro Strafe geltend machen – eine astronomische Summe in einem Land wie Rumänien. Ausbeutung passiert, auch heute, auch inmitten unserer Wohlstandsgesellschaft – und schon bei der Anreise. Sitter erklärt: „Der Turnus kann unterschiedlich lang sein, slowakische Betreuerinnen arbeiten in der Regel 14 Tage und sind dann 14 Tage zu Hause, rumänische Betreuerinnen arbeiten meist vier oder fünf Wochen“, sagt sie. „Die Bitte lächeln. Die Betreuerinnen – in der Mitte Mihaela und Alexandra aus Rumänien – sind Freundinnen in der Ferne. 28

HIMMEL Einfach helfen. Die Organisatorinnen Christine Aigner, Marilies Eckhart und Ingrid Sitter leben Solidarität unter Frauen. Frauen benützen meist Taxis, die von Agenturen organisiert werden, manche aber fahren mit sogenannten freien Taxis aus ihren Heimatländern. Der Mann am Steuer fährt die ganze Strecke durch, das sind oft 20 Stunden und mehr, nur mit Pinkelpausen. Da machen sich die Frauen oft aus, wer vorne sitzt und den Fahrer unterhält, weil sie Angst haben, dass er einschläft. Bei der Heimfahrt wurden einige schon überfallen, weil die Kriminellen wissen, dass die Frauen dann Bargeld mit sich tragen.“ Einziger Lichtblick: „Die Qualitätskontrolle ist im Anlaufen, es gibt seit Dezember 2019 ein Zertifikat. Dieses bekommen die Agenturen nur, wenn sie auch Evaluierungsarbeit machen, das heißt, die Qualität der Betreuungsarbeit überprüfen.“ Seelennahrung Schaumrolle. Im Pfarrheim werden derweil Visitenkarten und neue Broschüren ausgeteilt, darunter ein Informationsblatt über Ernährung und Demenz, das in viele Sprachen übersetzt wurde. Zu den selbst gemachten Schaumrollen, die verteilt werden, weisen die Organisatorinnen darauf hin, dass die Frauen sich jederzeit melden können. „Wir wollen nicht nur die Professionalität erhöhen zum Wohle unserer alten Menschen, wir wollen auch die Menschlichkeit pflegen und Solidarität unter Frauen leben“, so Marilies Eckhart, die seit Frühjahr 2016 mit dabei ist. Für die Zukunft haben sie und ihre Mithelferinnen große Pläne: „Betreuerinnen- Cafés soll es überall in Österreich geben, wo 24-Stunden-Betreuerinnen arbeiten.“ Und Ingrid Sitter ergänzt: „Uns ist es ein Anliegen, etwas Sinnvolles zu tun oder es zumindest zu versuchen.“ Am Anfang dieses Versuches steht – wie am Anfang dieses Textes – sehr oft das Wort „Danke“. So auch am Ende. „Danke für deine Arbeit, für die Liebe, für die Geduld, für das gute Essen“, das ist auch der Satz, den Alexandra, Iveta, Mihaela und all die anderen Pflegerinnen zum Abschied zu hören bekommen, bevor sie wieder an ihren Arbeitsplatz gebracht werden. Manchmal kann das eine Wort – gemeinsam mit Kaffee und Kuchen – die Welt ein kleines bisschen besser machen. 29