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Grüß Gott Frühjahr 2020/2

Das Magazin über Gott und die Welt

KLEINE GESTE, GROSSE

KLEINE GESTE, GROSSE WIRKUNG Ein kurzer Segen, ein Kreuzerl auf die Stirn: Kleine Alltagsrituale, die wir als Kind erfahren haben, bleiben uns oft ein Leben lang in Erinnerung. Ein guter Grund, diese Tradition weiterzuführen. 62

SAKRAMENT FOTO: ROBERT MAYBACH W enn ich mich an meine Kindheit erinnere, waren wir keine besonders fromme Familie. Der Sonntagsgottesdienst, ja, der gehörte dazu, aber sonst war unser Alltag wenig von explizit Religiösem durchzogen. An eines jedoch erinnere ich mich: An Tagen, wo meine Mutter wusste, dass es einen Test oder eine Schularbeit zu schreiben galt, machte sie mir beim Verabschieden ein Kreuzerl auf die Stirn. Ob mir diese Geste in Erinnerung geblieben ist, weil das so ziemlich die einzigen Berührungen durch meine Mutter, Jahrgang 1923, waren, oder ob ich diese Segensgeste als stärkend erlebt habe, weiß ich nicht mehr. Doch die Erinnerung daran begleitet mich bis heute. Als frischgebackene Mutter habe auch ich begonnen, meinen Kindern mit einem Kreuzzeichen auf die Stirn eine gute Nacht zu wünschen oder sie mit dieser kleinen Segensgeste hinein in den Tag zu schicken. Benedicere, Gutes (zu)sagen, ist der lateinische Begriff für segnen. Einander Gutes zusagen, am Abend und am Morgen, und einander der Liebe Gottes anzuvertrauen … Gibt es in uns Menschen nicht eine tiefe Sehnsucht, dass es gut werden möge, dieses Leben? Und auch das Gespür, dass dies nicht allein in unseren Händen liegt, dass ein gelingendes, erfülltes Leben letzten Endes nicht machbar ist? Gerade bei Kindern ist uns die Zerbrechlichkeit des Lebens so deutlich vor Augen. Wir erhoffen für sie ein glückliches Leben und bangen oft um sie. Ein kleines Zeichen der Zuversicht kann da viel bewirken; nicht nur bei den Kindern, sondern auch bei den Eltern. Man kann seine Kinder nun einmal nicht rund um die Uhr beschützen – auch wenn das viele versuchen. Doch eines kann »Gerade bei Kindern ist uns die Zerbrechlichkeit des Lebens so deutlich vor Augen. Wir erhoffen für sie ein glückliches Leben und bangen oft um sie.« Edeltraud Addy-Papelitzky man immer tun: ihnen eine gute und gesunde Heimkehr wünschen, ob von einer Reise oder einfach vom Schulweg. Wie es aber so ist, werden Kinder größer und stellen manche vertraute Geste infrage. Als mein Ältester 14 Jahre alt war, brachte ich ihn zum Bus. Skikurs war angesagt. Kurz bevor wir das Haus verließen, bekam ich die Anweisung: „Bitte, Mama, kein Kreuzzeichen und kein Bussi beim Verabschieden!“ Etwas verdutzt schleppte ich mit ihm Ski und Gepäck zum vereinbarten Treffpunkt. Da stand ich nun, eigenartig berührt und etwas unsicher, wie ich mich nun verabschieden sollte. Das Gepäck war verstaut, die Kinder kletterten nach und nach in den Bus, da blickte mein Sohn zu mir und hatte es plötzlich ganz eilig, nochmals zu mir zu laufen. Mit einem Kreuzzeichen auf der Stirn und einem Bussi auf der Wange lief er dann freudestrahlend wieder zum Bus zurück. Ich stand da, und mir kamen die Worte eines Liedes in den Sinn: Du bist gesegnet, ein Segen bist du. „An Gottes Segen ist alles gelegen“ steht auf einem Leinenstück, das ich geerbt habe. Ob meine Mutter Stunden damit verbracht hat, diesen Satz zu sticken, oder meine Großmutter, weiß ich nicht. Jedenfalls halte ich das vergilbte Stoffteil noch immer in Ehren. EDELTRAUD ADDY-PAPELITZKY ist Theologin, Psychotherapeutin und Mutter von drei Kindern. 63