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Berufsbildungsbrief 1/2019

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Brückenangebote

Brückenangebote «Brückenangebote müssen einen Mehrwert bringen» 18 Prozent der Schulaustretenden im Kanton Bern absolvieren ein Brückenangebot. Welche Funktion haben diese Angebote, an wen richten sie sich und weshalb sollte der Direkteinstieg in die nach - obligatorische Ausbildung Priorität haben? Im Gespräch: Theo Ninck, Vorsteher Mittelschul- und Berufs - bildungsamt des Kantons Bern. ROLF MARTI Der Kanton Bern möchte, dass möglichst viele Schülerinnen und Schüler nach der 9. Klasse direkt in eine berufliche Grundbildung oder in eine Mittelschule einsteigen. Warum? Ninck: Jede Schlaufe über ein Zwischenjahr verlängert die Ausbildung und verursacht Kosten. Brückenangebote sollten daher Leuten vorbehalten bleiben, welche über das Potenzial für eine nachobliga - torische Ausbildung verfügen, aber noch nicht alle Voraussetzungen dafür erfüllen. Anders formuliert: Brückenangebote müssen einen Mehrwert bringen. Volkswirtschaftlich betrachtet besteht er darin, dass wir Jugendliche und junge Erwach - sene mit schulischen oder persönlichen Schwierigkeiten zu einem Berufsabschluss führen. Wir minimieren ihr Armutsrisiko und führen gleichzeitig dem Arbeitsmarkt qualifizierte Fachkräfte zu. Unser bildungspolitisches Ziel lautet: 95 Prozent der 25-Jährigen haben einen Abschluss auf Sekundarstufe II. «Jugendliche sollten wann immer möglich direkt in die Lehre einsteigen», sagt Theo Ninck. BILD: LINDA POLLARI Rund 18 Prozent der Schulaustretenden im Kanton Bern absolvieren ein Brückenangebot. Was fehlt ihnen für den Direkteinstieg? Ninck: Einige müssen schulische Lücken schliessen, bevor sie eine Lehre antreten können – obwohl sie die gesamte Schulzeit in der Schweiz verbracht haben. Andere kämpfen mit persönlichen Herausforderungen – fehlende Reife, familiäre Schwierigkeiten, psychische Probleme usw. Bei Menschen mit Migrationshintergrund sind oft mangelnde Kenntnisse der Landessprache das Hindernis für den Einstieg in eine Lehre. Um den unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht zu werden, verfügt der Kanton Bern über unterschiedliche Angebote (siehe Kasten). Das mit Abstand meistgewählte Brückenangebot sind die berufs - vorbereitenden Schuljahre (BVS). Warum sind sie so beliebt? Ninck: Erstens wird in den BVS gute Arbeit geleistet, wie uns die Rückmeldungen der Lernenden zeigen. Das schätzen Eltern und Lehrpersonen als wichtige Beeinflusser der Berufswahl. Zweitens sind Veränderungen oft mit Ängsten verbunden: Mit einem zusätzlichen Schuljahr können wichtige Weichenstellungen hinausgezögert werden. Drittens hat das 1 / Januar 2019 Seite 2

10. Schuljahr – wie es früher hiess – im Kanton Bern eine lange Tradition … … und viertens verlangen viele Betriebe, dass Realschülerinnen und -schüler zuerst ein Zwischenjahr absolvieren. Eine gerechtfertigte Forderung? Ninck: In Berufen mit hohen Anforderungen habe ich Verständnis dafür. Aber grundsätzlich sollte der Einstieg in eine Berufslehre mit einem Volksschulabschluss möglich sein. Seit einigen Jahren gibt es in vielen Berufen ein Überangebot an Lehrstellen. Wie hat sich das auf die Brücken - angebote ausgewirkt? Ninck: Insgesamt ist die Nachfrage zurückgegangen. 2008 hat der Kanton Bern 124 Klassen geführt, heute sind es 119. Eine differenzierte Betrachtung zeigt, dass wir beim BVS mit Schwerpunkt «Praxis und Allgemeinbildung» – es richtet sich primär an Jugendliche, welche die Schule mehrheitlich in der Schweiz absolviert haben – einen Rückgang von 111 auf 62 Klassen hatten. Demgegenüber ist die Klassenzahl im Schwerpunkt «Praxis und Integration» von 13 auf 57 gestiegen. Das BVS ist also zu einem wichtigen Inte - grationsinstrument für Jugendliche und junge Erwachsene mit Migrationshintergrund geworden. Gegenüber dem BVS fristet die praxisorientierte Vorlehre ein Schattendasein. Ninck: Aber das Interesse an der Vorlehre steigt, weil sie gute Aussichten auf eine Lehrstelle bietet. Wer eine Vorlehre macht, ist in einen Betrieb integriert und sammelt Praxiserfahrung. Diese Vorteile erkennen immer mehr Eltern und Jugendliche. Für wen ist die Vorlehre das richtige Angebot? Ninck: Für schulmüde Jugendliche mit schulischen Defiziten. Während der Vorlehre arbeiten sie drei Tage pro Woche in einem Betrieb, zwei Tage sind sie an der Berufsfachschule. So sammeln sie bereits nach der Schule praktische Erfahrungen und können sich in der Arbeitswelt bewähren. Seit diesem Jahr gibt es auch die Vorlehre Integration (siehe Seite 4) für anerkannte Flüchtlinge und vorläufig aufgenommene Personen. Dieses Angebot hat medial viel Beachtung gefunden. Leistungsschwächere Jugendliche könnten auch über eine zweijährige berufliche Grundbildung ins Berufsleben einsteigen. Wird diese Option noch zu wenig genutzt? Ninck: Ja, weil dieser Weg noch zu wenig bekannt ist. Wir müssen mehr informieren, bei Eltern und Unternehmen. In einigen Branchen – beispielsweise im Gesundheitswesen – wird die zweijährige Grundbildung aber bereits intensiv genutzt. Zurecht: Sie führt zu einem ersten Berufsabschluss und ermöglicht den Übertritt in eine verkürzte drei- oder vierjährige Grundbildung. Es ist besser, über eine zweijährige Lehre einzusteigen und sich zu steigern, als in einer drei- oder vierjährigen Lehre zu scheitern. In den nächsten Jahren kommen geburtenstärkere Jahrgänge ins Erwerbsalter. Was bedeutet das für die Brückenangebote? Ninck: Den Lehrbetrieben bietet diese Entwicklung die Möglichkeit, mehr Lehrstellen zu besetzen. In vielen Branchen besteht Nachholbedarf. Ich hoffe, dass sie Brückenangebote Der Kanton Bern führt verschiedene Brückenangebote, welche sich an unterschiedliche Zielgruppen richten. • Berufsvorbereitendes Schuljahr (BVS): Das BVS wird in den drei Schwerpunkten «Praxis und Allgemeinbildung», «Praxis und Integration» sowie «Plus» (spezifischer Förderbedarf) angeboten. • Vorlehre: Die Vorlehre wird für drei Zielgruppen angeboten. «Standard» für Jugendliche und junge Erwachsene, «25Plus» für Erwachsene ohne Berufs - abschluss, «Integration» für anerkannte Flüchtlinge und vorläufig aufgenom - mene Personen. • Motivationssemester (SEMO): Das SEMO «Standard» und das «SEMO Plus» richten sich an Jugendliche und junge Erwachsene mit erhöhtem Förder- und Coachingbedarf. Weitere Infos: www.erz.be.ch/brueckenangebote diese Chance nutzen. Ansonsten müssen die Brückenangebote wieder vermehrt die Funktion übernehmen, Schulabgänge - rinnen und -abgängern eine Anschluss - lösung zu gewährleisten. Wir können mit diesem Instrument – wenn nötig – flexibel auf Schwankungen im Lehrstellenmarkt reagieren. Unsere Empfehlung gilt aber unverändert: Jugendliche sollten wann immer möglich direkt in die Lehre einsteigen. 1 / Januar 2019 Seite 3

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