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Berufsbildungsbrief 1/2020

Berufsbildung und

Berufsbildung und Migration «Schwierig ist der Einstieg für spätmigrierte Jugendliche» Ein Drittel aller Jugendlichen in der Schweiz hat einen Migrationshintergrund. Mit welchen Schwierigkeiten kämpfen sie beim Einstieg in die Berufsbildung? Wie können Lehr - betriebe das Potenzial dieser Jugendlichen erschliessen? Ein Gespräch mit Ursula Scharnhorst* vom Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung EHB. ROLF MARTI Beginnen wir mit drei Behauptungen. Erstens: Jugendliche mit Migrations - hintergrund schneiden in der Lehre überdurchschnittlich gut ab, weil sie motivierter und ehrgeiziger sind. Scharnhorst: Es kommt darauf an, welche Gruppe wir betrachten. Bei den leistungsbesten Jugendlichen, die schon länger in der Schweiz sind oder hier geboren wurden, gibt es bezüglich Leistungsmotivation kein Unterschied zu einheimischen Jugendlichen. Anders bei Flüchtlingen: Viele Ausbildungsverantwortliche berichten von beeindruckenden Lernfortschritten. Wichtig ist, dass sie rasch Zugang zu Bildungsangeboten erhalten, sonst schwindet ihre Motivation. «Unser Bildungssystem macht es möglich, Jugendliche dort abzuholen, wo sie sind und sie Schritt für Schritt zum Abschluss zu fuḧren», sagt Ursula Scharnhorst. BILD: ZVG Zweite Behauptung: Jugendliche mit Migrationshintergrund haben bei der Lehrstellensuche schlechtere Chancen. Scharnhorst: Stimmt. Aufgrund ihres So - zialstatus – soziale Herkunft, bildungsfernes Umfeld – absolvieren sie häufiger die Realschule und bringen daher schlechtere schulische Voraussetzungen mit. Die Weichen werden also früh gestellt. Zudem fehlt vielen ein Netzwerk, das ihnen bei der Lehrstellensuche Türen öffnet. Schliesslich können beim betrieblichen Auswahlverfahren auch gruppenspezifische Zuschreibungen bzw. Vorurteile sowie die soziale Herkunft ihre Chancen schmälern. Dritte Behauptung: Eltern mit Migrationshintergrund bevorzugen für ihre Kinder den allgemeinbildenden Weg, weil sie die Berufsbildung aus ihren Herkunfts - ländern nicht kennen. Scharnhorst: Dieses Phänomen zeigt sich vor allem bei Migrantinnen und Migranten der ersten Generation. Ihnen müssen wir aufzeigen, welche Chancen die Berufsbildung in der Schweiz bietet. Ab der zweiten Generation gibt es bezüglich Richtungswahl – Lehre oder Mittelschule – keine signifikanten Unterschiede mehr. Rund ein Drittel der Jugendlichen in der Schweiz hat einen Migrationshintergrund. Wie gut gelingt es der Berufsbildung, sie in den Arbeitsmarkt zu integrieren? Scharnhorst: Je nach Gruppe unterschiedlich gut und insgesamt nicht gleich gut, wie bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund. Schwierig ist der Einstieg insbesondere für spätmigrierte Jugendliche und junge Erwachsene. Aber auch bei den Abschlüssen sind sie weniger erfolgreich und brauchen länger. Rund 16 Prozent haben keinen Berufs- oder Mittelschulabschluss. Bei Schweizer Jugendlichen sind es 4 Prozent. Eine besondere Herausforderung ist auch die Integration von Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen. Gibt es genügend Angebote, um die beiden genannten Gruppen zu unterstützen? Scharnhorst: Ja. Es gibt viele Grundbildungen mit tieferen Leistungsansprüchen – insbesondere die zweijährigen Attestausbildungen. Sie ermöglichen vielen spätmigrierten Jugendlichen und Flüchtlingen, in die Berufsbildung einzusteigen. Für jene, welche diese Hürde noch nicht schaffen, bieten alle Kantone berufsvorbereitende Brückenangebote mit Schwerpunkt Integration an. Eine wichtige Einstiegshilfe ist die Vorlehre. Neu gibt es für Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene die Integrationsvorlehre. Sie wird zusammen mit verschiedenen Branchenorganisationen an- 1 / Januar 2020 Seite 8

In Kürze Berufsfach- und Berufsmaturitätsschulen Schultage besser koordiniert geboten und bereitet auf bestimmte Berufsfelder vor. Welche Rolle fällt den Lehrbetrieben zu? Was können sie tun, damit Jugendlichen mit Migrationshintergrund der Einstieg ins Erwerbsleben gelingt? Scharnhorst: Sie sollten offen sein und die Ausbildungsplätze nach fairen Kriterien vergeben. Das setzt eine bewusste Strategie voraus. Die Unternehmensführung muss nach innen und aussen klar signalisieren, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund willkommen sind. Müssen die Lehrbetriebe ihre Ausbildungspraxis anpassen, wenn sie Lernende aus anderen Kulturkreisen ausbilden? Scharnhorst: Nein, sie sollten ihre bewährte Ausbildungspraxis beibehalten. Ziel ist, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund in unsere Strukturen hineinwachsen. Klar können zuweilen kulturell bedingte Differenzen auftreten – wenn religiöse Feiertage anstehen, wenn junge Männer Frauen als Vorgesetzte nicht akzeptieren usw. Aber für solche Probleme gibt es erprobte Lösungsstrategien. In der Regel wissen die Betriebe, wie sie mit schwierigen Lernsituationen konstruktiv umgehen können. Sie dürfen dabei ruhig auf ihre Ausbildungskompetenz vertrauen. Ansonsten gibt es gute Informationsund Beratungsangebote (siehe Kasten). Infobox Viele Branchen beklagen einen Fach - kräftemangel. Ist die bessere Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund Teil der Lösung? Scharnhorst: Bis zu einem gewissen Grad. Chancen eröffnen sich insbesondere für Branchen, deren Berufe den sprachlichen und schulischen Voraussetzungen von spätmigrierten Jugendlichen oder von Flüchtlingen entsprechen – Bau, Gastronomie, Logistik u. a. Manchmal braucht es Zeit und etwas Geduld. Aber unser Bildungssystem macht es möglich, Jugendliche dort abzuholen, wo sie sind und sie Schritt für Schritt zum Abschluss einer beruflichen Grundbildung zu führen. Wir haben bisher über Jugendliche gesprochen. Können auch Erwachsene mit Migrationshintergrund für die Berufsbildung gewonnen werden? Scharnhorst: Auch sie können einen Berufsabschluss erlangen und sollten sich über die damit verbundenen Chancen sowie über die möglichen Wege informieren. Wiederum können die Betriebe dabei eine wichtige Rolle übernehmen, indem sie erwachsene Migrantinnen und Migranten motivieren und durch gute Rahmenbedingungen unterstützen. *) Prof. Dr. Ursula Scharnhorst ist Co-Leiterin Forschungsfeld «Lernprozesse und Unterstützung» am EHB. Weitere Informationen und Hilfestellungen zum Thema «Berufsbildung und Migration» sind unter folgenden Links erhältlich: • Tipps für eine faire Auswahl von Lernenden: www.zukunftstattherkunft.ch • Tipps und Merkblätter zu Integrationsmassnahmen am Arbeitsplatz: www.dialog-integration.ch › Arbeiten • Informationen, Argumente und Statements zum Berufsabschluss für Erwachsene: www.berufsbildungplus.ch/bae • Integrationsagenda Schweiz: www.sem.admin.ch › Einreise & Aufenthalt › Integration › Integrationsagenda • SDBB-Merkblatt «Integration»: www.berufsbildung.ch › Themen › Merkblätter (205) • Ausbildungsberatung der Kantone: www.berufsbildungplus.ch (Fusszeile, Adressen kantonale Berufsbildungsämter) Die Berufsfachschulen des Kantons Bern haben auf das Schuljahr 2020/21 folgende Koordination der Schultage beschlossen: • Der Berufsmaturitätsunterricht (BM1 TALS) für die vierjährigen Lehren in den Bereichen Technik, Architektur und Life Science wird neu an allen BM- Schulen an denselben Wochentagen angeboten. • Der Berufsfachschulunterricht für Elektroinstallateure/-innen und Montageelektriker/-innen, Automatiker/-innen, Schreiner/-innen und Zimmerleute sowie Lernende der Autobranche, des Maschinenbaus und der Landtechnik finden neu kantonsweit an denselben Wochentagen statt. Diese Harmonisierung ermöglicht es den üK-Zentren, ihre Kapazitäten besser auszulasten. Zudem werden unnötige Komplikationen vermieden, wenn Lernende während der Ausbildung den Schulort wechseln müssen. Die neuen Schulmodelle für die verschiedenen Berufe werden unter diesem Link vorgestellt. Kosten-Nutzen-Erhebung Ausbildung von Lernenden – eine lohnende Investition Für die meisten Ausbildungsbetriebe in der Schweiz lohnt sich die Ausbildung von Lernenden: Der Nutzen übertrifft mehrheitlich die Kosten. Dies gilt sowohl für die Ausbildung von Lernenden, die ihre berufliche Grundbildung mit einem Eidgenössischen Fähigkeitszeugnis (EFZ) abschliessen, als auch für jene, die ein Eidgenössisches Berufsattest (EBA) machen. Dies zeigt die neueste Kosten-Nutzen-Erhebung des Schweizerischen Observatoriums für die Berufsbildung OBS EHB, die das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI in Auftrag gegeben hat. Download Studie Berufsmaturitätsunterricht BM1 Anmeldung nur noch elektronisch Die Anmeldung zum lehrbegleitenden Berufsmaturitätsunterricht (BM1) liegt in der Verantwortung der angehenden Lernenden bzw. deren Eltern. Die Bestätigung auf dem Lehrvertrag unter Punkt 6 gilt nicht als Anmeldung. Sie zeigt einzig, dass der Lehrbetrieb mit dem Besuch des Berufsmaturitätsunterrichts einverstanden ist, sofern der/die Lernende die Voraussetzungen erfüllt. Die Anmeldung für den Berufsmaturitätsunterricht BM1 ist nur noch elektronisch möglich. Informationen zum Vorgehen erhalten angehende Lernende und deren Eltern bei er abgebenden Volksschule sowie unter www.erz.be.ch/anmeldungsek2. 1 / Januar 2020 Seite 9