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Berufsbildungsbrief 1/2022

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Lehrvertragsauflösungen

Lehrvertragsauflösungen 90 Prozent aller Lernenden kommen ans Ziel Jeder vierte Lehrvertrag wird vorzeitig aufgelöst. Das geht aus der neuesten Erhebung des Bundesamts für Statistik hervor. Ein detaillierter Blick auf die Zahlen zeigt jedoch: Die Lage ist weniger dramatisch, als die Schlagzeile vermuten lässt. ROLF MARTI Im Sommer 2016 begannen 53’600 Lernende eine berufliche Grundbildung. Sie waren von 14’000 Lehrvertragsauflösungen betroffen – eine Quote von 26 Prozent. Klingt dramatisch, ist es bei genauerer Betrachtung aber nicht. Erstens liegt die Zahl der Betroffenen bei 21 Prozent, weil 4 Prozent der Lernenden zwei oder mehr Vertragsauflösungen verzeichnen. Zweitens treten 80 Prozent erneut in eine Lehre ein. Insgesamt kommen so 90 Prozent aller Lernenden zum angestrebten Berufsabschluss. Männer sind von Lehrvertragsauflösungen stärker betroffen als Frauen (23% bzw. 19%). Stärker betroffen sind auch im Ausland geborene Lernende (29%) sowie in der Schweiz geborene ausländische Lernende (25%. Schweizer Lernende: 20%). Die höchsten Auflösequoten verzeichnen die Berufsfelder «Friseurgewerbe und Schönheitspflege», «Elektrizität und Energie», «Sport» und «Gastgewerbe» (über 30%). Besonders tief ist die Quote in den Berufsfeldern «Forstwirtschaft», «Wirtschaft und Verwaltung», «Chemie und Verfahrenstechnik» sowie «Tiermedizin» (unter 15%). Die Ausbildungsberatung hilft Zu den Gründen für die Lehrvertragsauflösungen macht die Statistik keine Angaben. Eine ältere Studie 1 aus dem Kanton Bern zeigt, dass meist mehrere Ursachen zur Trennung führen. Berufsbildende nennen als wichtigste Ursache ungenügende Leistungen in Schule und Lehrbetrieb sowie mangelnde Leistungsbereitschaft. Lernende führen ungenügenden Leistungen in der Schule und Konflikte im Lehrbetrieb an. Schliesslich kann eine falsche Berufswahl oder eine falsche Wahl des Lehrbetriebs zur Trennung führen. Mit einer Lehrvertragsauflösung gehen auf beiden Seiten Enttäuschungen einher. Für Lernende stellt sie eine besondere He rausforderung dar. Sie müssen den Rückschlag verdauen, sich neu orientieren und eine neue Lehrstelle finden. Einige Auflösungen liessen sich vermeiden, würden die Parteien rechtzeitig miteinander reden. In anderen Fällen ist es richtig, getrennte Wege zu gehen. Wichtig ist, dass die Trennung in einem für beide Seiten fairen Prozess erfolgt. Die Ausbildungs - beratung des Kantons Bern steht den Parteien in beiden Fällen mit Rat und Tat zur Seite (siehe Beitrag nebenan). 1 Lehrvertragsauflösungen, ihre Ursachen und Konsequenzen (2006) 1 / Januar 2022 Seite 6

«Wir moderieren, beraten, unterstützen und vermitteln» Das Mittelschul- und Berufsbildungsamts (MBA) vermittelt als neutrale Fachstelle bei Konflikten zwischen Lernenden und Lehrbetrieben – beispielsweise bei (drohenden) Lehr - vertragsauflösungen. Im Gespräch: Ausbildungsberaterin Barbara Reb samen und Ausbildungsberater Thomas Bütikofer. ROLF MARTI Es gibt gute Gründe, die Auflösung eines Lehrverhältnisses zu erwägen. Wann sollten sich Lehrbetriebe und Lernende an die Ausbildungsberatung wenden? Rebsamen: Wenn Unklarheiten zum Auf - lösungsprozess bestehen, rechtliche Unsicherheiten auftauchen oder Konflikte drohen. Auskünfte zum Prozess und zur rechtlichen Situation erteilen wir am Telefon oder per E-Mail, bei Konfliktsituationen gehen wir vor Ort oder bitten die Parteien ins Amt. Welche Rolle übernimmt die Ausbildungsberatung in einer Konfliktsituation? Bütikofer: Wir vermitteln als neutrale Fachstelle – egal, ob wir vom Lehrbetrieb oder von den Lernenden bzw. deren Eltern beigezogen werden. Unsere Rolle besteht darin, eine für beide Seite akzeptable Lösung zu finden. Das bedeutet: Wir moderieren, beraten, unterstützen und vermitteln. Hat eine der Lehrvertragsparteien gesetzliche Vorschriften verletzt, so informieren wir die Parteien im Rahmen unserer Aufsichtspflicht. Barbara Rebsamen Wo liegen die Herausforderungen für die Ausbildungsberaterinnen und -berater, wenn sie bei einer drohenden Lehrvertrags - auflösung beigezogen werden? Bütikofer: Die Parteien haben oft unterschiedliche Erwartungen. Insbesondere Lernende und Eltern erhoffen sich, dass wir ihre Interessen vertreten. Also müssen wir zuerst einmal unsere Funktion erklären respektive unsere Rolle erläutern. Dann sind Konfliktsituationen häufig emotional aufgeladen. Die Parteien konfrontieren sich mit Anschuldigungen. Wir müssen also ein lösungsorientiertes Klima schaffen. Abgesehen von der Gesprächsmoderation: Welche Unterstützung bietet Sie an? Rebsamen: Wir zeigen Alternativen zur Lehrvertragslösung auf. Bei ungenügenden Leistungen der Lernenden können beispielsweise ein Stufenwechsel von einer EFZ- in eine EBA-Ausbildung oder die gezielte Förderung durch den Lehrbetrieb oder die Berufsfachschule helfen. Kommt Thomas Bütikofer es doch zur Vertragsauflösung, zeigen wir, wie der Prozess strukturiert werden kann. Bütikofer: Betroffenen Jugendlichen zeigen wir Optionen auf, wie sie eine neue Lehrstelle finden können. Oder wir ve - rmitteln sie an weiterführende Angebote wie die Berufsberatung oder das Case- Management. Den Lehrbetrieben helfen wir nach einer Lehrvertragsauflösung, Stolpersteine zu identifizieren, sodass sie künftig schwierige Situationen rechtzeitig erkennen und im Idealfall Lehrvertragsauf - lösungen vorbeugen können. Welches sind die häufigsten Stolpersteine? Rebsamen: Die Gründe für eine Lehrvertragsauflösung sind vielfältig. Am häufigsten handelt es sich um Konflikte zwischen den Lehrvertragsparteien, gesundheitliche Einschränkungen oder Nichterreichen der Bildungsziele. Manchmal wurden auch Fehler bei der Selektion gemacht und Lernende angestellt, welche die Anforderungen des Berufs nicht erfüllen. Hat die Ausbildungsberatung bei Lehrvertragsauflösungen keine Entscheidungsbefugnis? Bütikofer: Nein. Der Lehrvertrag ist ein befristeter Einzelarbeitsvertrag mit einigen Besonderheiten. Wir haben die Aufsicht, entscheiden aber nicht. Kommt es zu keiner Einigung, können sich die Parteien an die Schlichtungsbehörde wenden. Infobox Während der Probezeit kann der Lehrvertrag von beiden Parteien mit einer Frist von sieben Tagen gekündigt werden. Danach ist jederzeit eine Auflösung in gegenseitigem Einvernehmen möglich. Das Auflösungsdatum wird von den Parteien vereinbart, es gibt keine Kündigungsfrist. Aus wichtigen Gründen kann der Lehrvertrag auch einseitig aufgelöst werden. • Ausbildungsberatung kontaktieren: Link • Merkblatt MBA: Download • Merkblatt SDBB: Download 1 / Januar 2022 Seite 7

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