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CINEMERIT AWARD — EMMA

CINEMERIT AWARD — EMMA THOMPSON Emma Thompson ist der einzige Mensch, der einen Oscar für die Beste Hauptrolle und einen Oscar für das Beste Drehbuch gewonnen hat. Nicht Charlie Chaplin, Orson Welles oder Woody Allen. Sondern Emma Thompson. Das ist trefflich für eine clevere Frau, die für Kinokunst und Gleichberechtigung steht. Sie wuchs in einer Schauspielerund Autorenfamilie auf. Während ihres Studiums der Englischen Literatur in Cambridge trat Emma Thompson der berühmten Footlights Theatergruppe bei, der schon die Monty Pythons entsprungen waren. Als erstes weibliches Mitglied dieser Keimzelle des britischen Humors sammelte sie Bühnen- und Improvisationserfahrung. Einige Jahre schulte sie ihre Kunstfertigkeit in Theater und Fernsehen weiter, dann folgten schon die großen Filmrollen. Die Oscars waren nicht mehr weit. SO 1.7. 11.00 UHR FILMMUSEUM Ihren ersten Academy Award gewann Emma Thompson für wiedersehen in howards end. Als Margaret Schlegel trauert sie um die verstorbene Freundin Ruth Wilcox. Deren Familie verschweigt Ruths letzten Wunsch, dass Margaret das geliebte Landhaus Howards End erben soll. Der Unterschied zwischen den freidenkenden, kulturliebenden Schlegels und der konservativen Familie Wilcox markiert die Strenge der viktorianischen Zeit – gerade für moderne Frauen. In der Hoffnung auf diesen, später oscarprämierten Part als Margret Schlegel verfasste Emma Thompson Anfang der Neunziger einen Brief an Regisseur James Ivory. „Ich schrieb ihm, dass ich genau wusste, wer Margaret Schlegel war, und dass ich auch wusste, wie ich sie spielen würde. So etwas habe ich nie zuvor gemacht und auch nie wieder danach.“ SA 7.7. 16.30 UHR MÜNCHNER FREIHEIT 4 Regisseur James Ivory blickt in wiedersehen in howards end gerne auf die sprechenden Details der Standesgesellschaft: ein halb zerfledderter Regenschirm, der die vielen hellen Stofflagen eines Damenrocks nicht vor der strömenden Nässe schützen kann. Ein überbordend gedeckter Kuchentisch, voll mit Törtchen, genug für eine Jagdgesellschaft – zum Verzehr für drei Personen. Und Emma Thompson als Margaret, die ihre Tränen der Enttäuschung eher mit einem Spiegel teilt, als sie vor ihrem Ehemann preiszugeben. Sie ist Schwester und hingebungsvolle Ehefrau, aber auch eine politische Frau mit gesellschaftskritischen Ansichten. „Es gibt einige große Unterschiede zwischen den Frauen von damals und uns heute. Das Wahlrecht wäre einer davon. Obwohl wir inzwischen sehen können, dass das Wahlrecht nicht unbedingt die Ergebnisse gebracht hat, die Margaret Schlegel sich gewünscht hätte: zum Beispiel, dass Frauen die Machtstrukturen mit ihrer Stimme umkrempeln, so dass sie gleichberechtigt werden. Die Machtstrukturen sind so unveränderlich wie sie immer waren. Mir scheint, in manchen Fällen ist die Lage sogar elender als zuvor.“ Emma Thompson hält sich nicht mit Kritik zurück, wenn es um Ungerechtigkeit geht. Lieber wird sie aktiv. Als Präsidentin der Helen Bamber Foundation setzt sie sich für Opfer von Folter und Grausamkeit ein. Geerbt hat sie die Position von ihrer guten Freundin Helen Bamber, einer berühmten britischen Psychologin und Menschenrechtsaktivistin. Um den Einsatz für Schwache dreht sich auch Emma Thompsons neues Projekt. Im Film kindeswohl, nach Ian McEwans Roman, verkörpert sie eine Familienrichterin am Obersten Gericht von London – eine Frau, die über das Leben und Wohlergehen von Kindern wacht, wenn deren Eltern es versäumen. Wie der 17-jährige Adam, dessen Eltern eine lebensrettende Bluttransfusion verweigern, weil sie Zeugen Jehovas sind. Innere Anspannung, Grübeln, Bedenken: Keine kommuniziert so viel Emotion mit so zarter Mimik wie Emma Thompson. Man kann in ihrem Gesicht lesen, wie gut sie zuhört. Und vielleicht sogar, was sie gerade denkt. 22 WIEDERSEHEN IN HOWARDS END HOWARDS END Vereinigtes Königreich 1992 • Regie James Ivory • Buch Ruth Prawer Jhabvala • Darsteller Emma Thompson, Helena Bonham Carter, Anthonny Hopkins, Vanessa Redgrave • Länge 142 Min. • OF „Fiona May, meine Figur im Film, hat wohl den wichtigsten Job auf der Welt. Dennoch wird Familienrecht als der arme Cousin des Strafrechts betrachtet! Ich habe viele Stunden mit Richterinnen in Familiengerichten verbracht, und was dabei sehr deutlich wurde, ist, dass jede Frau im Justizsystem besser sein muss als ihre männlichen Kollegen. Sie muss

härter arbeiten, mehr Kontrolle über ihre Umgebung haben, mehr Opfer bringen. Fiona bewältigt ihren Beruf, aber, wie der Film zeigt, zu einem hohen Preis. Sie schafft es, weil „es zu schaffen“ das ist, was Frauen nun mal tun. Eine der Fragen, die der Film aufwirft ist, welchen Preis Menschen bezahlen, die unter solchem Stress arbeiten. Braucht das Rechtssystem ein Umdenken?“ In ihrem sehr offen erzählten Tagebuch zu den Dreharbeiten von sinn und sinnlichkeit, das unter dem Titel „Hinter den Kulissen von Sinn und Sinnlichkeit“ auch in Deutschland veröffentlicht wurde, sorgte Emma Thompson sich um die konfuse, schwierige Situation für Frauen. Heute, 20 Jahre nach dem Dreh, ist das Problem noch gewachsen: „Ich beobachte die Jugend, die permanent umgeben ist von sexualisierten Bildern und in Internet-Pornografie ertrinkt. Das sind Inhalte, über die sie keinerlei Kontrolle haben, und ich bin dankbar, dass ich selbst damit nicht fertig werden muss. Aber meine Tochter und ihre Freunde müssen es. Das ist manchmal erschreckend. Da sind Machtsysteme an der Arbeit, die Emma Thompson als Elinor in sinn und sinnlichkeit. Ihre Adaption des Jane-Austen-Romans gewann den Oscar für das Beste Drehbuch. unsere Jugend auf Arten gefährden, die wir uns niemals hätten vorstellen können.“ Wie schon ihr Vater schreibt Emma Thompson auch für Kinder. Mit den ursprünglich französischen Stop-Motion- Filmen das zauberkarussell und dougal and the blue cat schrieb Eric Thompson in den Sechziger- und Siebzigerjahren kluge und witzige Unterhaltung für die Kinderzimmer des Königreichs. In dieser Tradition steht auch Emma Thompsons Arbeit als Autorin. Indem sie Fortsetzungen zu den berühmten „Peter Hase“-Büchern der 1943 verstorbenen Beatrix Potter schrieb, hat Thompson in Großbritannien etwas gewagt, was die Briten nur von sehr wenigen akzeptiert hätten – schließlich ist „Peter Rabbit“ so etwas wie Kulturerbe des Landes. Auch die inzwischen Kult gewordenen Filme um eine zauberhafte nanny basieren – wie so viele Projekte der Emma Thompson – auf einer literarischen Vorlage. Sie entwickelte die Idee der Buchreihe mit der Figur „Nurse Mathilda“, einem Mary-Poppins-ähnlichen, magischen Kindermädchen, zu inzwischen zwei Kinoerfolgen mit sich selbst in der Titelrolle weiter. Hierbei gelang es ihr, ein weites Spektrum an weiblichen Figuren zu kreieren, frei von allen Geschlechterklischees. „Es ist wichtig, dass wir uns daran erinnern, dass keine menschliche Eigenschaft einem Geschlecht vorbehalten ist. Mutig sind nicht nur Männer und verletzlich nicht nur Frauen. Wir sind uns – wie Montaigne schon sehr früh gesagt hat – sehr viel ähnlicher, als wir uns unähnlich sind, egal, welches Geschlecht wir haben. Heute hat man deutlich mehr Auswahl an sexuellen Identitäten, was mir hochgradig nützlich und viel präziser erscheint. Wie ich mich gebe, als weiße, weibliche Cisgender-Existenz ist massiv verzerrt worden von der aufgezwängten Rolle durch die patriarchalen Systeme politischer, sozialer und religiöser Art. Ich habe keine Ahnung, wer ich wirklich bin, wer ich wäre, hätten mich diese Systeme nicht so stark beeinflusst. Man ist so begierig, dazu zu passen; man wird so sehr ermutigt zu gefallen.“ eine zauberhafte nanny ist sicherlich ein Statement gegen die festgefahrenen Strukturen. Für die nächste Generation erzählt der Film, dass Mädchen ebenso CINEMERIT AWARD — EMMA THOMPSON 23

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