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FILMFEST MÜNCHEN MAGAZIN 2019

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DAS HUMANE I M

DAS HUMANE I M CINEVISION – SPONSORED BY MPLC MENSCHEN 14

Im Wettbewerb CineVision sind erste und zweite Werke von Regisseur*innen aus aller Welt zu sehen Der internationale Regie-Nachwuchs ist bekanntlich mutig, denkt um immer neue Ecken und weiß andere Perspektiven einzunehmen. Doch ‚Neuland‘ muss nicht unbedingt das Reiseziel Nummer eins sein. Die aufstrebenden Filmemacher*innen probieren sich nicht nur darin aus, Genrekonventionen aus den Angeln zu heben und Inszenierungen zu schaffen, die es bis dato nie gegeben hat – sie besinnen sich auch auf filmische Traditionen, führen Bestehendes fort. Sie treten in die Fußstapfen von Altmeistern und formen sie zu eigenen Spuren um. In diesem Jahr zieht sich das Hinterfragen der abstrakten Konzepte von ‚fremd‘ und ‚dazugehörig‘ durch einige der CineVision-Award-Anwärter. angelo etwa bettet ein Stück Kolonialgeschichte in feinabgestimmte Tableaux Vivants ein und bebildert mit theatralem Pomp die perverse Faszination am scheinbar Andersartigen. Klassische Stilmittel abstrahieren die Geschichte von erzwungenem Exotismus und fragiler Menschlichkeit. Letztere zeigt sich auch, wenn manta ray in melancholisch-realistischer Art von der Urangst mancher Menschen erzählt, dass ein Eindringling ihnen den persönlichen Besitz streitig machen könnte. Das Fremde wird hier zur Bedrohung – nicht obwohl, sondern weil der Flüchtende das Leben seines Retters adaptiert. Diese Furcht vor dem Außen kann schließlich das Innen erschüttern und Schutzmaßnahmen ad absurdum führen. Etwa, wenn in winter after winter die Invasion des Kriegsfeindes ein Familienoberhaupt dazu veranlasst, seine Söhne ihre eigene Schwägerin schwängern zu lassen, damit die Blutlinie gesichert ist. Oder wenn in the man who surprised everyone eine tödliche Krankheit den Befallenen in eine andere Persönlichkeit zwingt und so die heimische Harmonie gefährdet. Familie, Tradition, Kontrollverlust – diese Motive klingen immer wieder in den Filmen des CineVision Wettbewerbs 2019 an. Mal in der mystischen Welt eines englischen Dorfes zwischen Hexenverfolgung und Puppenspiel (judy and punch), mal in der Ästhetik des Farblosen. So entfaltet canción sin nombre in schwarz-weißen Bildern die Geschichte einer Peruanerin, die sich mit Hilfe eines Journalisten auf die Suche nach ihrem vom korrupten Staat entführten Kind begibt. Die Verzweiflung der kinderlosen Mutter findet ihr Gegenstück in der dreizehnjährigen Selva. Die Protagonistin in ceniza negra sieht sich mit zwei Mutterfiguren konfrontiert: der leiblichen, die ihr als Geist erscheint, und der unliebsamen, in Gestalt der Freundin ihres Großvaters. Aufwachsen, erwachsen und schließlich über sich hinauswachsen: Zu dem werden, was wir sind, ist eine der schwersten Aufgaben. Wieder ist es die Bedrohung durch das Außen, die innere Angst davor, die uns blockiert. Sich selbst zu überwinden, klappt manchmal nur mit Hilfe anderer. Beispielsweise mit der eines charismatischen Sensei, der seinem ängstlichen Schüler die Kunst der Selbstverteidigung (the art of selfdefense) lehrt. Hinter viel Humor steckt da noch mehr Ernst. Wieder werden etablierte Gesellschaftskonzepte hinterfragt: Was erwarten wir von sogenannter ‚Männlichkeit‘? Gestählte Muskeln, Furchtlosigkeit, Death Metal im Auto? Und wie ist dann die moderne Frau gestrickt? Für eine emanzipierte Feministin jedenfalls ist das traditionelle, domestizierte Leben scheinbar tabu. Da bröckelt schon mal eine langjährige Freundschaft, wenn sich eine von beiden Frauen doch dazu hinreißen lässt zu heiraten und somit in den Augen der Anderen ihre Werte verrät (animals). Und auch in the climb wird das Band zwischen zwei Freunden auf die Probe gestellt, wenn einer dem anderen gesteht, eine Romanze mit dessen Verlobter begonnen zu haben – und das, während er ihn gerade mit dem Fahrrad eine Berg-Etappe hochtreibt. Immer wieder wird in den Filmen der neuen Kino-Visionäre das Humane im Menschen herausgefordert. Wie bewahren wir unsere Menschlichkeit in Zeiten der Krise? Eine Frage, die gegenwärtig nicht oft genug gestellt werden kann. Nina Kühne CINEVISION – SPONSORED BY MPLC 15

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