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FILMFEST MÜNCHEN MAGAZIN 2019

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CINEMERIT AWARD –

CINEMERIT AWARD – RALPH FIENNES L.A. Times. „It makes them more expansive, it creates extra space around them. There’s something almost phallic about it.“ Seine Macht demonstrierte der echte Göth genüsslich, wenn er morgens immer wieder vom Balkon seiner Villa aus, die das Konzentrationslager Plaszow nahe Krakau überragte, KZ-Häftlinge wahllos niederschoss. Spielberg stellt diese Angewohnheit schonungslos eins zu eins in einer Szene nach: Fiennes tritt auf den Balkon, sein nackter Bauch schwappt über den Gürtel, so nachlässig, wie er dann mit Menschenleben umgeht. Dass Fiennes auch Machtmenschen sympathischer Art spielen kann, hat er im Lauf seiner Karriere bewiesen. In seinem dritten Regiewerk nurejew – the white crow (2019), das im Rahmen der CineMerit-Verleihung am Montag, den 1. Juli, im Carl-Orff-Saal erstmals in Deutschland gezeigt wird, nimmt sich Fiennes der wahren Geschichte des sowjetischen Ballett-Stars Rudolf Nurejew an und spielt dabei selbst Nurejews Mentor, den berühmten Ballettmeister Alexander Iwanowitsch Puschkin. Bedächtig wandert dieser Puschkin durch den Übungssaal der Leningrader Choreographischen Schule und korrigiert mit sanfter, aber bestimmter Stimme die Positionen seiner Schüler. Fiennes stellt ihn mit stocksteifer Haltung dar, das Kreuz durchgedrückt, der Bauch eine gespannte, väterliche Wölbung. KOPFMENSCHEN Puschkin erscheint als wohlwollender Trainer, der seine Schüler klug und mit ruhiger Hand in Szene setzt. Der junge Rudolf Nurejew, gespielt vom ukrainischen Ballett-Star Oleg Iwenko in seiner ersten Filmrolle, ist hingegen leicht reizbar und verhält sich gegenüber seiner Umwelt mit einer Arroganz, die sich aus dem Wissen um die eigene Genialität speist. Fiennes’ atmosphärisch dichtes Biopic konzentriert sich dabei auf eine zentrale Episode in Nurejews Leben: Gemeinsam mit anderen Mitgliedern des Leningrader Kirow-Balletts hält Nurejew sich Anfang der 1960er Jahre, mitten im Kalten Krieg, für ein Gastspiel in Paris auf. Als angehender Star des Ensembles wirft er sich ehrgeizig in die Proben, nutzt aber immer wieder die Pausen, um sich die Stadt, ihre Museen, ihre Kunst anzusehen. Bei einem Streifzug durch den Louvre lässt sich Nurejew von der Plastizität antiker Statuen fesseln, bleibt mit seinem Blick an Théodore Géricaults Gemälde „Das Floß der Medusa“ hängen, das die Leiden nach einem Schiffbruch festhält. Die Inszenierung der expressiven Körper wird zur Inspiration für seine eigene Kunst. In Schwarz-Weiß-Rückblenden erzählt Regisseur Fiennes zudem von der Jugend Nurejews, von den instabilen Familienverhältnissen, in denen er *MO 1.7. 18.00 UHR CARL-ORFF-SAAL SA 6.7. 18.00 UHR RIO 1 aufwuchs, und seiner letztlichen Hinwendung zum Tanz als Möglichkeit, sich selbst auszudrücken, jenseits des elterlichen Einflusses. Fiennes selbst studierte zunächst Malerei am Chelsea College of Art and Design, bevor er sich der Schauspielkunst zuwandte. Geboren wurde er 1962 in einem kleinen Dorf nahe Ipswich in der nordenglischen Provinz Suffolk als ältester Sohn einer später siebenköpfigen Familie. Die kreative Ader zieht sich durch alle Generationen: Bruder Joseph ist spätestens seit shakespeare in love (1998) ebenfalls ein stark gefragter Schauspieler und Schwester Sophie eine Regisseurin, die u.a. mit dem Philosophen Slavoj Žižek zwei sehr unterhaltsame Dokumentarfilme über die Psychoanalyse und das Kino gedreht hat. Und auch Fiennes Eltern hatten künstlerische Ambitionen: Seine Mutter Jennifer war Schriftstellerin; sein Vater Mark ein Farmer, der sich zunehmend seiner eigentlichen Passion, der Fotografie, zuwandte. Fiennes, der in der Schule als gebildeter, zurückhaltender Außenseiter galt, spielte dort schon Theater. Nach einem Jahr Kunststudium bewarb er sich 1982 an der Royal Academy of Dramatic Art in London, sprach mit einem Hamlet- Monolog vor und wurde auf Anhieb genommen. Während der Ausbildung fiel er als hochbegabter und emsiger Schü- NUREJEW – THE WHITE CROW Vereinigtes Königreich, Frankreich 2018 • Regie Ralph Fiennes • Buch David Hare Darsteller Oleg Ivenko, Ralph Fiennes, Louis Hofmann, Adèle Exarchopoulos, Sergei Polunin • Länge 127 Min. • *OmeU/OmdU 22

ler auf, der ausgiebig für seine Rollen recherchierte und selbst Verse aus dem Elisabethanischen Zeitalter glänzend verinnerlichen konnte. Nach seiner Ausbildung und ersten Engagements in kleineren Theaterproduktionen landete Fiennes 1987 am Londoner Royal National Theatre, ein Jahr später bei der Royal Shakespeare Company. Seine Filmkarriere begann mit einem 62-sekündigen Auftritt als Freund einer ermordeten jungen Frau in der britischen TV-Serie prime suspect (mit Helen Mirren als eine der ersten Fernseh-Kommissarinnen überhaupt). Im selben Jahr wurde er in gleich zwei romantischen Hauptrollen besetzt: In dem Fernsehfilm a dangerous man: lawrence after arabia spielte er T.E. Lawrence, eine Rolle, von der er schon als Teenager geträumt hatte. Neben diesem Nachklapp zu David Leans großem Kino- Epos hatte er in einer Neuverfilmung von wuthering heights einige melodramatische Szenen mit Juliette Binoche zu bestreiten. Binoche sollte er ein paar Jahre später am Set von der englische patient (1996) wiederbegegnen. Seine Karriere hatte sich indes stark weiterentwickelt. Auf der verzweifelten Suche nach einem Darsteller für den SS-Offizier Amon Göth in schindlers liste schaute sich Steven Spielberg tatsächlich diesen kleinen britischen Fernsehfilm über T.E. Lawrence an. Er ließ Fiennes daraufhin vorsprechen. „After seeing take one, I knew he was Amon”, erzählt Spielberg in einem Interview. „His eyes had a sexual evil. It’s all about subtlety: there were moments of kindness that would move across his eyes and then instantly run cold.” Nach schindlers liste war Fiennes ein begehrter Hauptdarsteller. In Robert Redfords quiz show (1994) spielte er ebenfalls eine historische, aber wesentlich harmlosere Figur: Als Kandidat einer TV-Show wurde Charles Van Doren Ende der 1950er zum Liebling der Fernsehnation, ließ sich aber die Antworten auf die Fragen vorab schon geben. So kam es zu einem der größten Skandale in der Geschichte des US-Fernsehens. Fiennes’ Augen werden dabei nicht abrupt kalt, sondern wandern verstohlen zur Seite, wenn es etwas zu verbergen gilt. Fiennes lässt auch sein Publikum immer wieder darüber im Dunkeln, was sich eigentlich im Innern seiner Figuren abspielt. Oder mit den Worten von Angela Bassett, mit der er 1995 den Action- Thriller strange days drehte: „He is this beautiful house, but there are a couple of rooms that are locked and you can’t go in.” Auch der ungarische Graf und Archäologe Lászlo Almásy, den Fiennes in der englische patient spielte, öffnet sich der von Juliette Binoche gespielten Krankenschwester nur allmählich. Nach einem Flugzeugabsturz kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs hat der Graf schwere Verbrennungen erlitten. Für die Szenen im Krankenbett bekam Fiennes täglich in fünfstündiger Arbeit eine Maske aufgelegt, die sinnbildlich für die inneren Deformationen des Grafen steht. Er tut so, als ob er unter Amnesie leide, hat aber die Vergangenheit vor Augen, würde sie nur allzu gerne vergessen. In Rückblenden enthüllt sich die Vorgeschichte: Gemeinsam mit einem Freund leitet der Graf eine archäologische Expedition in der ägyptischen Wüste. Fiennes stellt ihn als gefühlskontrollierten Abenteurer dar, der nur einmal euphorisch wird, als er die legendäre „Höhle der Schwimmer“ entdeckt. Zurückhaltung hat ja schon immer bedeutet, dass der Kopf den Emotionen im Weg steht, dass da jemand seine, auch dunklen, Gefühle deckelt. Zurückhaltung kann man also als leidvolle Hemmung empfinden – oder als Fähigkeit zur Gefühlskontrolle, die im Grunde jeder gute Schauspieler haben sollte. Dass der Graf Interesse an der Frau eines anderen hat, hält er lange Zeit stoisch unter Verschluss. Dann tanzt er mit ihr und sie, Katherine (Kristin Scott Thomas), fragt ihn, wieso er sie auf einen Markt in Kairo verfolgt habe. Auf seine Erklärung, dass er sich um sie als Frau gesorgt habe, kann sie nur lachen. „Following me is predatory, isn’t it?“ Der Graf schweigt und beide tanzen in gespannter Umarmung weiter. Ähnlich entstellt wie der Graf nach seinem Flugzeugunfall erscheint Lord Voldemort, den Fiennes ab der vierten Episode der Harry-Potter-Filmreihe bis 2011 spielte. Sein Voldemort ist eine SO 30.6. 15.00 UHR FILMMUSEUM CORIOLANUS Vereinigtes Königreich 2011 • Regie Ralph Fiennes Darsteller Ralph Fiennes, Gerard Butler, Vanessa Redgrave, Brian Cox, Jessica Chastain • Länge 123 Min. • OF • FSK 16 DI 2.7. 14.30 UHR MÜNCHNER FREIHEIT 4 THE INVISIBLE WOMAN Vereinigtes Königreich 2013 Regie Ralph Fiennes • Buch Abi Morgan Darsteller Felicity Jones, Ralph Fiennes, Kristin Scott Thomas, Tom Hollander, John Kavanagh • Länge 111 Min. • OF • FSK 0 SO 30.6. 11.00 UHR FILMMUSEUM THE ENGLISH PATIENT USA, Vereinigtes Königreich 1996 Buch & Regie Anthony Minghella Darsteller Ralph Fiennes, Kristin Scott Thomas, Juliette Binoche, Willem Dafoe Länge 162 Min. • OF • FSK 12 CINEMERIT AWARD – RALPH FIENNES 23

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