Aufrufe
vor 2 Jahren

FLUG REVUE 08/2016

  • Text
  • Freeze
  • Berlin
  • Nulleins
  • Boing
  • E
  • X
  • Umweltsatelliten
  • August
  • Flug
  • Deutschland

Raumfahrt

Raumfahrt Erdbeobachtungssatelliten Daten, die die Welt retten Sentinel-1B ist wie sein Zwilling 1A mit einer zwölf Meter langen Radarantenne ausgestattet. Europa baut ein weltweit einzigartiges System von Umweltsatelliten auf. Sie helfen nicht nur, den Klimawandel nachzuvollziehen, sondern überwachen auch Infrastrukturprojekte und Feinstaubwerte. Wer Ende April den Start des Umweltsatelliten Sentinel-1B vom Weltraumbahnhof Kourou verfolgte, bekam das Gefühl, dass es wesentlich schwieriger ist, unbemannte Satelliten ins All zu schießen als Astronauten zur Internationalen Raumstation: Wieder und wieder wurde der Start verschoben, mal passte das Wetter nicht, mal gab es technische Probleme. Aber als Sentinel-1B endlich in seiner Umlaufbahn angekommen war, konnte ihn nichts mehr bremsen: Schon zwei Stunden, nachdem die ESA-Verantwortlichen das Radar eingeschaltet hatten, schickte er das erste Bild: eine Revolution! Zwei Tage nach dem ersehnten Start von Sentinel-1B sitzt Robert Meisner im Erdbeobachtungszentrum der europäischen Raumfahrtagentur ESA im italienischen Frascati über diesem ersten Bild, das man sich nicht wie ein Foto vorstellen darf. Es ist ein schwarzweißes Radarbild, das einiger Bearbeitung bedarf, bevor Laien etwas darauf erkennen können. 25 000 mal 60 000 Pixel, das Datenpaket aus dem Orbit ist mit 1,5 Gigabyte nicht gerade klein. „Schon nach zwei Stunden war es da, das ist ein Rekord für einen Radarsatelliten“, jubelt Meisner, Fernerkundler und Kommunikationsverantwortlicher der Erdbeobachtungsprogramme der ESA. Beim Schwestersatelliten Sentinel-1A habe man Wochen auf das erste Bild warten müssen. Zusammen umkreisen die beiden Satelliten die Erde in 700 Kilometern Höhe. Auch wenn sie deutlich kleiner sind als ihr Vorgänger Envisat – ein Brocken von acht Tonnen mit den Maßen eines Lkw und damals Europas einziger Umweltsatellit, zu dem 2012 plötzlich der Kontakt abbrach –, sind die Satelliten der Sentinel-Missionen auch nicht ganz zart: 2,3 Tonnen wiegt 1B und ist mit einem zwölf Meter langen Radar und zwei zehn Meter langen Solarflügeln ausgestattet. Zusammen sollen die beiden Satelliten pro Tag mehr als zehn Terabyte Daten produzieren. SENTINEL-1 BLICKT DURCH WOLKEN UND DUNKELHEIT Die Radarbilder haben den Haken, dass man sie nicht ganz so einfach interpretieren kann wie Fotos. Dafür hat die Technik andere Vorteile: Radar ist unabhängig vom Licht – es funktioniert auch bei Dunkelheit, Wolken oder Regen. Zudem sind die Radarbilder der Sentinel- Satelliten millimetergenau in Bezug auf Höhenunterschiede. So konnte beispielsweise sowohl die Absenkung von Venedig als auch die der Berliner U-Bahn aus dem All recht exakt und frühzeitig erkannt werden. Auch die Folgen des Erdbebens in Chile haben die Satelliten ver- 80 FLUG REVUE AUGUST 2016 www.flugrevue.de

messen. Und dass sich die Erde in Folge der Fukushima-Katastrophe an manchen Stellen um bis zu zwei Meter in die Höhe verschoben hat, weiß man ebenfalls dank Satellitendaten sehr genau. Meisner bearbeitet die Radardaten und setzt sie zu einem großen Bild zusammen: Das norwegische Inselarchipel Spitzbergen im Arktischen Ozean wird sichtbar, deutlich ist ein Gletscher darauf zu erkennen. Nun ist aus dem grauen Radarbild ein ansehnliches Bild geworden, mit dem die ESA im Internet für ihr Programm werben kann. In der Tat ist ein bisschen Marketing wohl nicht schlecht: Schließlich kostet das gesamte Copernicus-Programm zwischen 2014 und 2020 etwa 4,3 Milliarden Euro. In dessen Rahmen starten insgesamt sechs Sentinel-Missionen als Gemeinschaftsprojekt der ESA und der Europäischen Kommission (siehe Infokasten). VORHERSAGEN BIS AUF DIE EBENE EINZELNER STRASSEN Das Versprechen im Gegenzug: Informationen, die die Welt retten! Das ist durchaus ernst gemeint, schließlich kann man den Start der Erdbeobachtung aus dem All in großem Stil unter anderem als Folge des gestiegenen Umweltbewusstseins der 70er Jahre betrachten. Heute bewahrheiten oder berichtigen die Satellitendaten beispielsweise die Vorhersagen der Klimaforschung: Liegen die Modelle richtig? Nicht immer, wie durchaus Besorgnis erregende Messungen in jüngster Zeit ergaben. So schmilzt das Meereis in der Arktis viel schneller als gedacht. Die Hoffnung: Mit diesen Daten, die verschiedene Dienste auswerten und beispielsweise auf Karten sichtbar machen, könne das Umweltbewusstsein der Menschen besser erreicht werden als mittels abstrakter Computermodelle. Als eines der nächsten Ziele haben sich die Fernerkundler die Konzentration von Gasen wie Ozon vorgenommen. „Mit modernen Methoden können wir Dieses Bild von Sentinel-2A zeigt Bahrein (rechts) und Teile des östlichen Saudi-Arabien. das ‚böse‘ Ozon auf dem Boden vom ‚guten‘ der Atmosphäre unterscheiden“, sagt Meisner. Damit lässt sich nicht nur zeigen, wie effektiv das Ozon unsere Atmosphäre schützt, sondern auch, in welchen Städten Menschen besonders von belasteter Luft umgeben sind. Auch Schwefeldioxid, Stickstoffdioxid und Feinstaubpartikel wollen die Beobachter in möglichst hoher Auflösung dingfest machen. Noch ist das nur auf Stadt-Ebe- Erdbeben in Chile auf dem Radar: Das Regenbogenmuster zeigt, wie sich die Oberfläche verschoben hat. Fotos: Copernicus Sentinel data (2015)/ESA, ESA/Pierre Carril www.flugrevue.de FLUG REVUE AUGUST 2016 81

Kiosk

FLUG REVUE 07/2015
FLUG REVUE 06/2015
FLUG REVUE 05/2015
FLUG REVUE 04/2015
FLUG REVUE 03/2015
FLUG REVUE 02/2015
FLUG REVUE 01/2015
FLUG REVUE 12/2014

RSS-Feed

© Motor Presse Stuttgart GmbH & Co. KG