Aufrufe
vor 6 Jahren

Lokalhelden_HH_Ausgabe3

  • Text
  • Hamburg
  • Saison
  • Hamburger
  • Mannschaft
  • Aurubis
  • Spieler
  • Harburg
  • Trainer
  • Lehmann
  • Verein
  • Www.lokalhelden.hamburg
Sportzeitung für den Hamburger Süden und Umgebung Diesmal im Heft: VT Aurubis Hamburg, Team Buxtehude, SGH Rosengarten-Buchholz, SG Wilhelmsburg 1. Herren, SG Wilhelmsburg, TV Fischbek Handball - 1. Herren, FC Süderelbe, Sport ohne Grenzen e.V., Manni von Soosten, Klub Kosova Hamburg 1977 e.V., FC Türkiye, Dersimspor Hamburg, TuS Finkenwerder, Harburger SC, Harburger TB, Bostelbeker SV von 1922/45 e.V., 1.Damen TG Heimfeld, 1. Herren TG Heimfeld, SV Poseidon Hamburg - Wasserball, Hamburg Ravens, Hamburg Towers, BubbleFootball HH, FC. Viktoria Harburg von 1910 e.V., HNT Flames, HNT - So geht Sport heute, Sparta Futsal HSC, Projekt D. Designagentur

Die Geschichte einer

Die Geschichte einer Ausnahmemannschaft Text: Uwe Wetzner ■ Fotos: Archiv Wetzner Es sieht nicht gut aus an der Winsener Straße. Der holprige, morastige und an vielen Stellen bis auf den Untergrund herunter gespielte Rasen ist dabei noch das kleinste Übel. Viel mehr Sorgen macht man sich im Spätherbst 1955 bei Viktoria Harburg um die Ligamannschaft. Viktorias Aufstiegself: Usko (von links), Gode, Gehrcke, Menk, Meyer, Kreuz, Hartwig, Mohr, Kowahl, Mamminga, Bohl und Trainer Josef Danek.

Die ist in Hamburgs zweithöchster Spielklasse offensichtlich überfordert. Sie macht gegen Ende der Hinrunde nicht unbedingt den Eindruck, als könne sie den bereits jetzt drohenden Abstieg aus der Hansa- Staffel der Verbandsliga noch abwenden. Aber das ist längst noch nicht alles. Noch schwerer wiegt, dass ein Aderlass an teilweise langjährigen Spielern zu Saisonbeginn nicht aufgefangen werden konnte. Die Zukunftsaussichten sind vier Jahre nach dem Abstieg aus Hamburgs erster Liga düster. Dort oben geben jetzt der spätere Tabellenzweite HTB und noch die beiden späteren Absteiger Borussia und Rasensport den Ton in Harburg an. Viktoria schafft noch nicht einmal mehr die Augenhöhe mit Normannia und dem SV Rönneburg, die ebenfalls in der Hansa- Staffel spielen. Was tun? Not macht bekanntlich erfinderisch. Die Verantwortlichen kommen auf die geradezu umstürzlerische Idee, die eigenen „Jungmannen“ – heute wäre das die A- Jugend – vorzeitig in den Erwachsenenbereich wechseln zu lassen. Das ist in der Spielordnung des Hamburger Fußball-Verbands so nicht vorgesehen. Aber der HFV-Spielausschuss erteilt eine Ausnahmegenehmigung! Mitten im Spielbetrieb wechseln die Heranwachsenden zu den Männern. Eine unglaubliche Geschichte nimmt ihre Fortsetzung. Die noch nicht einmal Volljährigen mischen nach kurzer Eingewöhnungszeit bis auf den Meister Viktoria Wilhelmsburg die gesamte Staffel auf und werden noch Vize-Meister. Die Ausnahmegenehmigung ist nicht von ungefähr gekommen und die Geschichte hat kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ihren Anfang genommen. Zwischen Trümmer- und Neubaugrundstücken gibt es für Kinder noch genügend Platz sich auszutoben. Die Zeit der Straßenfußballer. Harburg, „dieser ständig sprudelnde Quell“ großer Talente, beginnt wieder zu liefern. Bei Viktoria finden sich Jungs aus der Nachbarschaft zusammen, die harburgische Fußballgeschichte schreiben sollen. Zehn Jahre lang haben sie bei den “Knaben“, “Schülern“ und in der “Jugend“ bereits zusammen gekickt und reihenweise Meisterschaften und Pokalsiege gesammelt. Im Sommer 1955 dann das: Nach Siegen gegen den TSV Wedel (4:3), den SC Sperber (7:0), den HTB (3:2), Teutonia 05 (10:3) und Union 03 (4:1) hilft im Halbfinale des Hamburger Pokals nach einem 3:3 und 1:1 gegen BU das Losglück. Viktoria steht im Finale des in seiner fünften Auflage ausgespielten Wettbewerbs. Dreimal hat der HSV die Trophäe geholt, nun geht es gegen den Titelverteidiger SC Victoria Hamburg. 2.000 (!) Zuschauer und Zuschauerinnen sehen in der Jahnkampfbahn im Stadtpark einen 5:3-Erfolg der von Josef Danek trainierten Harburger Viktoria mit Menck – Garbers, Tangermann – Drewel, Usko, Kowahl – Bohl, Meier, Hartwig, Wulf und Worthmann über die Eimsbütteler Victoria. Danek, zwischen 1938 und 1942 Verteidiger beim HSV, hat ein technisch und spielerisch herausragendes Kollektiv geformt, das in Hamburg bereits einen Namen hat und weiterhin für Furore sorgen wird. Der HFV hat eine Ausnahmegenehmigung für eine Ausnahmemannschaft erteilt. Nach einer weiteren Vize-Meisterschaft gelingt der jungen Mannschaft im Sommer 1958 der Aufstieg in die Amateurliga. Harburg hat neben dem HTB wieder einen zweiten Vertreter in Hamburgs Eliteliga. Viktorias Rechtsaußen Dieter Menck (links) in Aktion gegen den HTB. Nach dem Aufstieg wird Herbert Wojtkowiak als neuer Trainer verpflichtet. Der Oberliga-Rekordtorjäger – 40 Treffer für den HSV in der Saison 1950/51 – arbeitet in der dünnen Luft der Amateurliga mit einem Kader, dessen Durchschnittsalter bei 20 Jahren liegt: Die beiden Torhüter Gohde und Wieczorek, die Verteidiger Krenz und Gehrcke, die Läufer Drewel, Usko und Bohl sowie die Stürmer Menck, Meier, Mamminga, Kowahl, Mohr und Meß. Neu hinzugekommen sind der Verteidiger Comdühr vom SV Rönneburg, die Stürmer Stegenwallner aus dem eigenen Nachwuchs und Rückkehrer Kuch, der sich eine Saison lang als Vertragsspieler beim FC St.Pauli versucht hatte. Die jungen technischen Feingeiste brauchen einige Zeit, um sich an die wesentlich rauere Gangart der Amateurliga zu gewöhnen. Einige Gegner versuchen ganz bewusst, ihre technische und spielerische Unterlegenheit durch gesunde Härte wieder auszugleichen. Auch die frühere Idylle „elf Freunde seid ihr gewesen“ kann den Verlockungen des Männerfußballs nicht dauerhaft widerstehen. So wechselt Peter Wulf, das größte Talent, im Sommer 1957 zum Rothenbaum. Bis 1966 läuft die „hängende Spitze“ hinter Uwe Seeler in 172 Spielen in Ober- und Bundesliga, im DFB- und Europapokal für die Rothosen auf. Doch auch ohne ihn bereitet die Mannschaft viel Freude, besonders beim Kassierer des harburgischen Platzhirsches HTB. Zum ersten Amateurliga-Derby kommen 5.000 Zuschauer und Zuschauerinnen auf die Jahnhöhe. Zuhause an der Winsener Straße ist vierstelliger Publikumszuspruch die Regel. Klar, denn Viktoria ist sportlich konkurrenzfähig, ein siebenter, ein fünfter und ein sechster Platz sprechen für sich. Dem Platzhirsch kann sein Revier aber nicht streitig gemacht werden: Der HTB wird zunächst zweimal hamburgischer Vizemeister und 1961 Meister. Über der Winsener Straße dagegen ziehen sich nach und nach immer mehr dunkle Wolken zusammen. Für den kleinen Verein mit seinen 300 Mitgliedern, davon 220 Kinder und Jugendliche, ist die Amateurliga auf Dauer finanziell schlichtweg eine Nummer zu groß. Nach dreieinhalbjähriger Tätigkeit beendet Herbert Wojtkowiak im November 1961 seine Trainertätigkeit, sein Nachfolger als Spielertrainer wird Paul Komoß. Aber auch der Verzicht der Ligaspieler auf Spesen, auf Essen nach den Spielen und andere Vergünstigungen kann den Niedergang nicht aufhalten. Im Sommer 1962 steigt Viktoria als Schlusslicht aus der Amateurliga ab und kehrt nie wieder in Hamburgs höchste Spielklasse zurück. 27