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SERIE Sport damals...

SERIE Sport damals... von Uwe Wetzner Zwischen Harburger Olymp und Frankreich Das bewegte Leben Reinhold Jackstells Profifußballer in Frankreich: Reinhold Jackstell (stehend, Vierter von links) im Trikot des RC Lens (Foto: RC Lens) Acht Jahre sind keine lange Zeit. Jedenfalls nicht nach dem Ende eines Zweiten Weltkriegs, der die Länder Europas in Trümmern und tiefe Wunden in den Überlebenden hinterlassen hat. Es ist alles andere als selbstverständlich, im Sommer 1953 den Schritt zum ehemaligen „Erzfeind“ nach Frankreich zu wagen. Es ist gerade ein Jahr vergangen, seitdem mit der Gründung der „Montan-Union“ der erste Schritt des europäischen Integrationsprozesses getan worden ist. Kohlebergbau und Stahlerzeugung, die Schlüsselindustrien der damaligen Zeit. Es passt in dieses Bild, dass Reinhold Jackstell in Lens anheuert, dem Zentrum des nordfranzösischen Steinkohlebergbaus. Der 30jährige spricht noch kein Wort Französisch, als er sich dem ortsansässigen Erstligisten Racing Club anschließt. Reinhold Jackstell ist am 2.August 1923 in Harburg geboren und um den Mopsberg herum aufgewachsen. Auf dem „Harburger Olymp“, wie das weitläufige Gelände zwischen dem Alten Friedhof und dem heutigen Stadtpark mit dezentem Selbstbewusstsein von Einheimischen genannt wird. Es sind nicht die für norddeutsche Verhältnisse durchaus beeindruckenden 60 Höhenmeter, die zur Verleihung dieses Ehrentitels geführt haben. Vielmehr hat die damals noch innerstädtische Brachfläche einen festen Platz in den Geschichtsbüchern des deutschen Fußballs. Seit Mitte der 1920er Jahre sind hier junge Bengel zu Straßenfußballern und anschließend zu wahrhaften Zungenschnalz- Artisten geformt worden: die Dörfels mit den Altvorderen Richard und Friedo sowie den nachgeborenen Gert und Bernd oder Rudi Noack und Rudolf Greifenberg. Hier wird auch Reinhold Jackstell mit dem „Plünnenball“ großgezogen – von einem Fußballlehrer namens Rudi Noack, für viele der bis heute größte hamburgische Künstler am „Rundstück“. Gerade mal 16jährig, debütiert Jackstell beim damaligen norddeutschen Zweitligisten Rasensport, wechselt dann zum Lokalkonkurrenten Borussia. Beilage 3

Wie bei so vielen dieser harburgischen Fußball-Legenden ist seine Kunstfertigkeit an der Kugel mindestens ebenso ausgeprägt wie seine „Eigenwilligkeit“, wie es im bundesrepublikanischen Mief der End-1950er Jahre heißt. 1949 wagt Jackstell den Sprung über die Elbe und wechselt zum damaligen norddeutschen Zweitligisten Altona 93. Überhaupt sollte sich der Drang, neue Welten kennenzulernen, zu einem bestimmenden Charakterzug Jackstells entwickeln. Mit dem AFC schafft er im Sommer 1950 die lang ersehnte Rückkehr in Norddeutschlands Fußball- Oberhaus. Für den AFC und seinen Halbstürmer eine Achterbahnfahrt sondergleichen. „Es ist schwer zu erkennen, ob mangelndes Selbstvertrauen oder ein Schuss von Phlegma Jackstell daran hindert, sein volles Leistungsvermögen zu erreichen“, verpasst ihm der „Sport“ im März 1951 nach der 3:6-Niederlage beim HSV einen ausgewachsenen Einlauf. Es sollte nicht der einzige bleiben. „Und wenn nicht Jackstell im Torschuss eine geradezu staunenswerte Unsicherheit entwickelt hätte, wäre ein noch höheres Ergebnis für Altona möglich gewesen“, raunzt das Fachblatt Ende April angesichts eines 6:1-Kantersiegs gegen Göttingen 05, zu dem der Adressat immerhin den ersten und letzten Treffer beigesteuert hat. Diese Bewertungen dürften Jackstell nur noch beiläufig berührt haben, seine Gedanken kreisen bereits in der Ferne. Im Sommer 1951 wechselt er zu den gerade in die Oberliga Süd aufgestiegenen Stuttgarter Kickers, vor mehr als einem halben Jahrhundert noch der „blaue Adel“, einen Tick vornehmer, finanzkräftiger und noch ein bisschen feiner als der VfB Stuttgart, finanziert von der jüdischen Kaufmannschaft der Gegend. Zu Beginn der 1950er Jahre bereits eine mehr oder weniger elegante Art der Geldverschwendung. Den Kickers gelingt es nicht mehr, an die guten Oberligazeiten zwischen 1947 und 1950 anzuknüpfen. Jackstell jedoch hinterlässt Spuren; in 29 Oberligabegegnungen erzielt er immerhin neun Tore, darunter das am 2. Februar 1952 beim 1:1 im Derby vor 30.000 Zuschauern gegen den ungeliebten VfB. Es dürfen finanzielle Gründe vermutet werden, die Jackstell dazu veranlassen, nach nur einer Spielzeit dem Adel, der sportlich und finanziell zu verarmen beginnt, den Rücken zu kehren. Neues Ziel: der Essener Turnerbund Schwarz-Weiß, im Mund des gehobenen Volkes Schwarz-Weiß Essen, in der Ruhrmetropole die bürgerliche Variante zu Rot-Weiß. Auch in Essen deutet sich die Umkehrung jahrzehntelanger Kräfteverhältnisse gerade an. Schwarz-Weiß hat seine Vormachtstellung verloren, Rot-Weiß ist als amtierender Meister der Oberliga West in die Saison gegangen. Spuren hinterlassen hat der vorzugsweise auf halblinks Eingesetzte aber auch am „Uhlenkrug“: „Jackstell und Islacker (RWE) polierten im Mittelfeld kräftig gegenseitig ihre Schienenbeine“, verewigt der „ETB-Fanclub SWR“ die bleibenden Verdienste Jackstells zumindest im ewigen Duell gegen den großen Stadtrivalen Rot- Weiß. Und nun der französische Ruhrpott. In Frankreich gibt es bereits seit den 1930er Jahren Profifußball. „Die dortigen Verhältnisse haben ihm besser zugesagt als die Halbheiten im deutschen Vertragsfußball“, klärt der „Sport“ seine Leser und Leserinnen anlässlich eines „Heimaturlaubs“ des verlorenen Sohnes 1959 auf. Jackstell ist aber nicht der erste und auch nicht der einzige deutsche Fußballer, Reinhold Jackstell als erfolgreicher Torschütze für Altona 93 (Foto: Sport) der westlich des Rheins sein Geld verdient. Zunächst für eine Saison beim RC Lens, danach zwei Spielzeiten bei Angers SCO und eine bei Stade Francais FC. In 90 Erstligaspielen erzielt er 32 Tore, in 22 Zweitligapartien trifft er zwölfmal. Eine schwere Verletzung an der Achillessehne unterbricht die aktive Karriere Jackstells zunächst für einige Monate. „In sozialer Hinsicht oder bei längeren Verletzungen habe ich nie die geringsten Schwierigkeiten gehabt“, begründet er bei besagtem „Heimaturlaub“ seinen Entschluss, nicht in die Bundesrepublik zurückzukehren. Und er setzt noch einen drauf, erwirbt in Paris das Trainerdiplom und geht in die damalige französische Kolonie Algerien, wo er seit 1958 nacheinander noch für Olympique du Littoral aus Algier, Groupe Sportif D`Orleansville und den Clube Bel-Abbésien in Sidi- Bel-Abbes aktiv ist. Ein ebenso mutiger wie nur schwer nachzuvollziehender Entschluss. In Algerien tobt der Befreiungskampf gegen die französische Kolonialmacht. In Sidi-Bel-Abbes holt ihn die Weltgeschichte ein. Die Stadt im Nordwesten Algeriens in den Ausläufern des Atlas-Gebirges ist als zentraler Stützpunkt der Fremdenlegion ausgewählt worden, dort befindet sich seit 1931 das so genannte Mutterhaus. Mit anderen Worten, ein natürliches Angriffsziel der für ihre Unabhängigkeit kämpfenden Algerier. Während in Algerien der Krieg nicht nur durch die Schlagzeilen tobt, muss sich ein anderes historisches Ereignis in Frankreich seine Aufmerksamkeit geradezu suchen: Der erste „Europapokal der Nationen“. Der inoffizielle Vorläufer der Europameisterschaft wird weitgehend unbeachtet und von einigen „großen Fußballnationen“ ignoriert vom 6. bis 10.Juli in Paris ausgetragen. Erster Europameister wird nach einem 3:0 gegen die CSSR die Sowjetunion. Mit dem Ende des Unabhängigkeitskriegs im Sommer 1962 kehrt auch Jackstell nach Frankreich zurück, um seine aktive Karriere beim SC Challans, AS Gien und CA Pithiviers ausklingen zu lassen. Als Trainer kehrt er dann in die Bundesrepublik zurück und übernimmt Aufgaben beim Kehler FV, dem SV Oberkirch und dem SV Haslach, später erneut in Frankreich in Bischofswil, Schiltigheim und Wolfisheim. Nachdem Jackstell zunächst eine „sehr gute Stellung“ bei der dortigen Landessparkasse erhalten hat, sattelt er beruflich um und arbeitet für den Rest seines Berufslebens als kaufmännischer Angestellter bei der BASF im badischen Willstätt. Reinhold Jackstell stirbt dort am 5. März 2004 an Alzheimer. Beilage 4