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NEUES ESSEN No. 1

  • Text
  • Naturkost
  • Bio
  • Mischfruchtanbau
  • Lebensmittel
  • Demeter
  • Landwirtschaft
  • Gerste
In diesem Buch geht es um Wesentliches: Eine ursprüngliche, erfinderische, hochgesunde, ertragreiche und zukunftweisende Anbauweise von Agrarprodukten, die weit über Bio- und Demeter-Standards hinausgeht und zudem spannend ist wie ein Abenteuerroman, der gleichzeitig in der tiefen Vergangenheit, der prickelnden Gegenwart und dem Unbekannten künftiger Zeiten spielt. ISBN: 978-3-033-02144-0 EAN: 7640110517802 Verlag: NaturKraftWerke® Edition

Antonius Conte: Wenn

Antonius Conte: Wenn alles geerntet ist, fängt das Jahr gleich wieder an, oder? Uwe Wüst: Viele Leute meinen, die Ernte sei stressig. Sie ist jedoch völlig entspannend: Es macht Spass und bringt Freude. Richtig los geht’s nach der Ernte mit den 16-Stunden-Tagen. Warum machst du eigentlich Mischkultur? Damit ist doch in jeder Hinsicht ein extremer Aufwand verbunden. UW: In der hier umgesetzten Landwirtschaft versuchen wir, Pflanzen auf der Mutter Erde anzubauen, die im natürlichen Zustand wild ist. Alles natürlich Wilde – und was die Jäger und Sammler gegessen haben – können wir genauso essen. Aber das will heute kein Mensch mehr. Irgendwann hat sich eine neue Kultur eingeschlichen, vielleicht durch die Kuh. Ich weiss nicht, wer daran schuld war, das spielt auch keine Rolle. Wer Getreide auf der Erde anbaut oder Früchte kultiviert, sollte das so naturnah wie möglich machen. Wild kann die Erde immer sein. Ich denke so: Da wächst etwas, dann stirbt es, dann wächst etwas anderes und stirbt wieder. Die moderne Landwirtschaft wie die Landwirtschaft, die die Menschheit schon seit Langem betreibt, kommt mir als brutaler Raubbau vor. Das war übrigens auch schon in der Bandkeramikerzeit 1 so: Es ging los mit Brandrodungen, und wenn nichts mehr gewachsen ist, sind die Menschen weitergezogen, weil es noch genügend Land gab. Der Boden hat sich regeneriert und wenn nach Jahrzehnten wieder jemand gekommen ist, konnte wieder etwas angebaut werden. So geht es heute nicht mehr. Wir müssen lernen, einen Landbau zu betreiben, der insofern nachhaltig ist, als da immer wieder etwas wächst. Das setzt einen ordentlichen Umgang mit dem Boden und den Pflanzen voraus. Es fällt auf, dass du überhaupt nicht düngst! UW: Wir düngen nicht. Ich habe den Mist von den Rindern, was im Prinzip ein Haufen Stroh ist. Die zwei Rinderherden weiden ganzjährig frei; wir haben keinen Stall auf dem Hof. Die Rinder haben im Winter vier Standweiden, wo sie gefüttert 18

werden. Es gibt Liegeflächen und Futterplätze für die Tiere, und da sammelt sich allerhand an, unter anderem auch Mist. Stroh und Grasreste zum Beispiel fahre ich nicht aufs Getreidefeld, sondern zur Zwischenfrucht 2 . Es wird jetzt um diese Jahreszeit (im Sommer) ungefähr ausgebracht. Dann kommt eine Zwischenfrucht drauf, die nicht geerntet wird. Ist Zwischenfrucht so etwas wie Klee? UW: Nein, nicht Klee, sondern ein «geordnetes Durcheinander» mit ganz vielen verschiedenen Pflanzen, die ich selber sammle und züchte. Dein Saatgut machst du also selber? UW: Genau. Das fängt damit an, dass ich die Samen irgendwoher heraussammle, in Wiesen, Randstreifen oder bestehenden Kulturen. Sobald ich eine witzige Pflanze finde, nehme ich sie in die Zucht. Dieses Jahr hab ich ca. 20 verschiedene Sorten, die wir mit einem Kleindrescher 3 gedroschen haben. Anschliessend ist Nina zu Heidi ge- 1 Bandkeramikerzeit. Die Bandkeramiker sind benannt nach ihrer Technik, Tongefässe ohne rotierende Töpferscheibe herzustellen, indem Tonstreifen spiralförmig aufgebaut und die Stösse anschliessend verstrichen werden. Die Bandkeramikerzeit beginnt in Mitteleuropa um 5500 v. Chr., als dort die Menschen sesshaft wurden und mit Ackerbau und Viehzucht begannen. Man lebte in so genannten Langhäusern, den Vorläufern der Fachwerkhäuser, deren Dächer mit Reed oder Stroh gedeckt waren und die Wände mit Lehm beworfenem Flechtwerk ausgefacht waren. An Tieren hielten die Bandkeramiker den Hund, der schon im Mesolithikum domestiziert wurde, Rind, Schwein, Schaf und Ziege. Die Tiere hielten durch Verbiss die Umgebung der Siedlungen busch- und baumfrei, dass Ackerbau betrieben werden konnte. An Kulturpflanzen kannte man Einkorn, Emmer, Lein, Linse, Erbse und Hanf, später auch Blau- bzw. Schlafmohn, der aus dem heutigen Griechenland stammt. Die Bandkeramikerzeit wurde von der Bronzezeit abgelöst (ab ca. 2500–2000 v. Chr.). 2 Zwischenfrucht. Ackerfrucht, die nicht zu Erntezwecken angebaut wird. Zwischenfrüchte können z.B. Leguminosen (Erbsen, Bohnen, Klee, Luzernen- und Lupinenarten) sein, um der Folgefrucht Nährstoffe zur Verfügung zu stellen. Zwischenfrüchte werden auch eingesetzt, um den Boden zu regenerieren (Aushungern von Schädlingen oder Krankheiten), um in Wasserschutzgebieten Stickstoff zu binden, damit er über Winter nicht ins Grundwasser gelangt, oder einfach um den Boden lebend zu verbauen. Eine Zwischenfrucht wird, nachdem sie ihre Aufgabe erledigt hat, meist umgebrochen und dann die entsprechende Hauptfrucht eingesät. Um die Zwischenfrucht zu töten, gibt es verschiedene Möglichkeiten, die von den Umständen, Pflanzenarten und Zeitpunkten abhängen. In der konventionellen Landwirtschaft werden Zwischenfrüchte untergepflügt (Umbruch) oder mit Herbiziden weggespritzt und anschliessend die Hauptfrucht gesät. Im ökologischen Landbau wird auch häufig untergepflügt, aber auch geschält (mit dem Stoppelhobel) oder einfach umgewalzt, wenn dies die Zwischenfrucht zulässt (z.B. Roggen im Mai). Frostempfindliche Zwischenfrüchte wie Senf frieren im Winter auf natürliche Weise ab. Wieder andere können direkt eingesät werden und die Hauptfrucht überwächst dann die Zwischenfrucht. Wichtig ist, dass die folgende Hauptfrucht nicht durch so genannten Durchwuchs (siehe auch Fussnote 56 «Durch - wuchs» auf Seite 155) beeinträchtigt wird. 19

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