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Digital Transformation 2018

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BUSINESS « Der starke

BUSINESS « Der starke Franken erhöhte den Druck auf die Firmen, effizienter zu werden » Die Themen Digitalisierung, Innovation, Cybersecurity und Privatsphäre haben massgeblich an Relevanz gewonnen. SRF- und Eco-Moderator Reto Lipp teilt im Interview seine Einschätzungen zu diesen Trendthemen. Die digitalen Entwicklungsschübe haben alle Lebensbereiche erfasst. Industrie 4.0 ist in aller Munde. Die Digitalisierung aller Arbeits- und Lebensbereiche erfordert integrierte und robuste Strategien und Prozesse. Ist die Schweizer Wirtschaft genügend robust und resilient dafür? Reto Lipp: Die Schweizer Wirtschaft ist gut aufgestellt, um die Herausforderungen der Digitalisierung zu meistern. Gerade der starke Franken erhöhte den Druck auf die Firmen, effizienter zu werden. Das hat viele Firmen dazu gebracht, diese Veränderungen offensiver anzugehen oder zumindest die neuen Chancen gerade auch im IT-Bereich neu auszuloten. Wenn man unter Druck ist, sucht man oft neue Wege. Und das ist in den letzten Jahren auch wirklich geschehen. Die Schweiz schafft es in einem neu entwickelten Index über «Digitale Innovationsfähigkeit» nur auf Rang 8 unter 35 OECD-Ländern. In anderen Innovationsrankings belegt die Schweiz fast immer Spitzenplätze. Weshalb bei der Digitalisierung nicht? Das wundert mich nicht – die Schweiz ist sehr innovativ in der Grundlagenforschung. ETH und Universitäten bringen wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse hervor, da sind wir weltweit spitze. Weniger gut aufgestellt ist die Schweiz, wenn es darum geht, diese Erkenntnisse in marktreife Produkte umzusetzen. Die Kommerzialisierung von neuen Erkenntnissen geht eher langsamer voran als in anderen Ländern. Die Umsetzung von wissenschaftlichen Erkenntnissen in Produkte muss sich beschleunigen. Da helfen natürlich auch Start-ups, die sich vermehrt und erfolgreich im Umfeld von ETH und Universitäten ansiedeln oder von ehemaligen Studenten gegründet werden. PERSÖNLICH Reto Lipp (Jahrgang 1960) hat in Zürich Wirtschaft studiert und ist seit über 30 Jahren Wirtschaftsjournalist. Er leitete unter anderem den Finanzteil der «Handelszeitung» und war später Chefredaktor des Finanzmagazins «Stocks», das auf seine Initiative hin im Jahr 2000 gegründet worden war. Nach einem Abstecher als Kommunikationsfachmann zum UBS Wealth Management (2006) kehrte er in die Medien zurück und moderiert seit 2007 das Wirtschaftsmagazin «Eco» beim Schweizer Fernsehen. Der Autor Das Interview mit Reto Lipp führte Fridel Rickenbacher. Er ist Mitglied der Redaktion des Verbandes swissICT und Mitbegründer und Partner der MIT-Group. Die Darwin’sche Evolutionstheorie «Survival of the fittest» oder «Fressen oder gefressen werden» ist en vogue im Zeitalter der Digitalisierung. Was heisst das für die Schweizer Wirtschaft? Das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft sind die KMUs, nicht die Grossbetriebe. Sie sorgen für die meisten Arbeitsplätze. Viele dieser KMUs waren in den letzten Jahren aber angesichts der Frankenstärke stark gefordert. Gerade in der Industrie haben viele Firmen ungenügende Renditen erzielt oder sogar Defizite erwirtschaftet. Ein Teil der Firmen hat auch auf Kosten der Substanz gelebt. Das geht eine Weile gut, aber langfristig ist das natürlich nicht haltbar, da dann oft das Geld für echte Innovationen oder neue Produktionsmethoden fehlt. Das gipfelt dann in einer Abnahme der Wettbewerbsfähigkeit und letztlich geht dann auch die Zukunftsfähigkeit verloren. Werden nicht die Chancen und Gewinne rund um die Digitalisierung und Automatisierung zugunsten der Shareholder und Stakeholder und vielfach zulasten der Arbeitnehmer, zum Beispiel mittels Entlassungen, ausgetragen? Das wird noch viele Diskussionen auslösen, denn natürlich kommen die Gewinne der Digitalisierung in erster Linie jenen zugute, die über die Kapitalbereitstellung dafür gesorgt haben, dass die entsprechenden Prozesse in den Firmen eingeleitet und die entsprechende Soft- oder Hardware gekauft wurden. Wenn also in den Fabrikhallen vor allem Roboter stehen, dann wird der Gewinn daraus natürlich eher den Aktionären zugute kommen als den Arbeitern, die unter Umständen eh nur noch in verminderter Zahl vorhanden sind. Der Staat – also letztlich wir alle – müssen die Diskussion führen, ob man diese Gewinne nicht anders verteilen kann. Denn es kann nicht sein, dass am Schluss der Staat über die Arbeitslosenkassen die Modernisierung der Firmen bezahlt und die Unternehmensspitzen den Gewinn privatisieren. 14 DIGITAL TRANSFORMATION

« Digitalisierung wird ganz sicher den einen oder anderen Job kosten. » Reto Lipp, SRF- und Eco-Moderator BUSINESS Im Rahmen der Digitalisierung wird alles vernetzt und digitalisiert. Ist die Wirtschaft im Hinblick auf sicherheitstechnische Aspekte darauf ausreichend vorbereitet? Ich glaube, dass es hier noch viele Defizite gibt. Vernetzungen bringen natürlich ein grosses Potenzial an ökonomischen Gewinnen – nur leider öffnen sich auch Tür und Tor für Sicherheitslücken. Viele Firmen gehen diese sehr offensiv an, andere sind noch nicht so weit. Insgesamt dürfte man eher davon sprechen, dass die Schweizer Unternehmen mittelmässig sensibilisiert sind. Denn wir dürfen nicht vergessen: Die meisten sicherheitsrelevanten Probleme entstehen nicht durch Maschinen, sondern die Schwachstelle ist oft der Mensch, meist aus Nachlässigkeit. Man muss nur einmal den Umgang mit Passwörtern beobachten und dann weiss man, dass Sicherheitslücken meist beim Mensch beginnen – ich nehme mich da nicht aus. Die Schweiz hat im Bereich Cyber Security Nachholbedarf. Die Notwendigkeit einer nationalen Strategie zum Schutz der Schweiz vor Cyberrisiken (NCS) wurde erkannt. Wie kann die Wirtschaft dieses Bestreben unterstützen? Natürlich haben die meisten Firmen inzwischen begriffen, wie anfällig die modernen Technologien auf Sicherheitsrisiken und Sicherheitslecks sind. Der neueste Datendiebstahl bei Swisscom hat vor Augen geführt, wie stark heute die Zukunft einer Firma davon abhängt, im Sicherheitsbereich keine Kompromisse zuzulassen. Eine Firma kann heute angesichts der Gefahren einen derartigen Reputationsschaden durch ein Datenleck erleiden, dass sie sich davon nicht mehr erholt. Damit sind Cyberrisiken definitiv auf der Stufe der gesamten Geschäftsleitung angekommen. Es gibt aber leider auch immer noch viele Firmen, die glauben, sie könnten sicherheitsrelevante Themen einfach an die Informatikabteilung abschieben. Dabei müsste sich das gesamte Management mit diesen Themen befassen – auch damit, wie man im Falle einer Cyberkrise reagiert. Hier sind Checklisten und Notfallübungen auf Geschäftsleitungsebene durchaus angebracht. Datenpannen oder Hacks bei Unternehmen zeigen teilweise Kommunikationsdefizite auf, verursachen Reputationsschäden und mitunter auch massive Verluste an der Börse. Braucht es Neubewertungen von Unternehmen je nach Risiko und Exposition? Unter Berücksichtigung von vorhandenen Cyber Security Policies in den Unternehmen? Die Anleger haben die Cyberrisiken leider noch nicht so gross auf ihrer Agenda – sehr zu Unrecht, denn Reputationsschäden wirken sich heute direkt auf den Börsenkurs aus. Innerhalb von Sekunden können Milliardenschäden entstehen – wenn nicht richtig kommuniziert. Leider stecken auch globalisierte Milliarden-Konzerne oft noch in den Kinderschuhen, wenn es um Kommunikation geht. Und gerade die Exposition von Cyberrisiken ist kommunikativ äusserst anspruchsvoll. Krisenkommunikation beginnt nicht erst in der Krise, sondern muss präventiv geschult DIGITAL TRANSFORMATION 15