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Fintech & Insurtech

FINTECH Bild: Grassetto

FINTECH Bild: Grassetto / GettyImages.com Von bankzentristischen Modellen hin zu überlappenden Netzwerken Während in den EU-Ländern die PSD2-Regulierung umgesetzt wird, haben Schweizer Banken noch Zeit, ihre Schnittstellen für Drittanbieter zu öffnen. Schon bald kann Open Banking über die Zukunftsfähigkeit der Finanzinstitute entscheiden. Es beinhaltet weitaus mehr als die PSD2-Minimalanforderungen. Zur Illustration von Open Banking wird häufig das Bild eines offenen Datentresors verwendet: Der grösste Schatz der Banken, die Daten ihrer Kunden, sollen nun plötzlich geteilt werden – und zwar ausgerechnet mit potenziellen Mitbewerbern. Regeln dafür, wie Banken die Daten über Schnittstellen mit anderen Unternehmen austauschen sollen, hat die Europäische Union in der Richtlinie PSD2 definiert. Sie gilt nicht für die Schweiz und beschreibt ohnehin nur einen Minimalstandard – und: Nicht für die Gesetzgeber, sondern für ihre Kunden sind die Finanzinstitute gefordert, sich auf den Open-Banking-Weg zu machen. Die Kunden können mit dem Begriff «Open Banking» vielleicht nichts anfangen, auf jeden Fall aber wissen sie, was sie wollen: ein Banking, das ihrer digitalisierten Lebenswelt entspricht. Über kurz oder lang wird sich die Plattformökonomie die Finanzindustrie vollkommen einverleiben. Aus Sicht des Der Autor Richard Dratva, Board of Directors Vice President & Chief Strategy Officer, Crealogix Konsumenten verschwimmen dann die Grenzen zwischen Technologiekonzernen, Universal- und Spezialbanken sowie Drittanbietern in einem offenen Ökosystem. Kundendaten – das digitale «Lebensmittel» Um diese Zukunft mitzugestalten, bedarf es in vielen Fällen einer grundlegenden Transformation und eines Abschieds vom herkömmlichen Konkurrenzdenken, denn Open Banking ist kei- 26 Fintech & Insurtech

ne Einbahnstrasse. Indem eine Bank die Daten ihrer Kunden – wenn diese es wünschen – Dritten zugänglich macht, verliert sie zwar die Hoheit über diese Daten, aber auf der anderen Seite kann die Bank selbst die Daten anderer Institute nutzen. Das Bild einer Welle veranschaulicht, inwiefern alle Unternehmen im Finanzsektor von Open Banking profitieren: Die Daten fliessen ab und kehren in veränderter Form – als Daten anderer Kunden oder um neue Informationen angereicherte Datensätze – zurück. Die Herausforderung besteht darin, sie auf eine Weise zu nutzen, die der Strategie der jeweiligen Bank entspricht, und die es ihr ermöglicht, ihren eigenen Platz im digitalen Finanz-Ökosystem zu finden und zukünftig auszubauen. Reichweite mit digitalen Angeboten erweitern Gelungen ist das der St. Galler Kantonalbank (SGKB). Sie hat ihre Digitalisierungsstrategie schon weit vorangetrieben und setzt unter anderem Crealogix-Technologie ein. Sie integriert über offene Schnittstellen (Public APIs) modulare Funktionalitäten in ihr Kernbankensystem. Indem sich so neue Anwendungen schnell und mit geringem Aufwand implementieren lassen, kann die SGKB kurzfristig neue Services einführen, um veränderte Kundenanforderungen zu adressieren. Das stärkt die Kundenbindung. Da diese Services eher auf jüngere Konsumenten, die sogenannten Millennials, abzielen, verjüngt die Bank so auch ihren Kundenstamm. Falk Kohlmann, der das Digital Banking bei der SGKB verantwortet, verdeutlicht, wohin die Reise geht: «Anstelle von bankzentristischen Modellen werden wir vielleicht im Laufe der Zeit zu überlappenden Netzwerken kommen.» Unterschiedliche Anbieter verbinden ihre Produkte über offene Schnittstellen miteinander und treten sowohl als «Systemlieferant» sämtlicher Finanzdienstleistungen eines Kunden als auch als Zulieferer im «Hoheitsgebiet» anderer Banken oder Technologieanbieter auf. Wenn auch Open Banking die Digitalisierung voraussetzt, so ist sie nicht mit Digital Banking gleichzusetzen. Vielmehr verschmelzen On- und Offline-Angebote sowie Kontaktkanäle zu einem ganzheitlichen hybriden Banking, das der Kunde nach seinen persönlichen Präferenzen gestaltet. Durch die physische Präsenz sind Banken reinen Technologieunternehmen in dieser Hinsicht hierzulande überlegen. Zugute kommt ihnen dabei, dass die Gesellschaft zunehmend für Gefahren wie Datenmissbrauch sensibilisiert ist. Finanzinstitute legen seit jeher grossen Wert darauf, mit den Finanzinformationen ihrer Kunden sicher umzugehen, und geniessen daher einen Vertrauensvorsprung gegenüber Technologieunternehmen und anderen Akteuren. Aus dieser Vertrauensposition heraus können sie sich zum Orchestrator wandeln, der eigene und fremde Produkte bedarfsgerecht zusammenstellt. Denn mittelfristig will der Kunde nicht mit einer unüberschaubaren Vielfalt von Produkten allein gelassen werden. Er sucht eine Instanz, die nach aussen als zentraler Finanzdienstleister auftritt, ihn entlastet, Komplexität reduziert und ihm umsichtig weitere Produkte mit individuellem Mehrwert anbietet. Auf diese Weise entsteht ein finanzielles Ökosystem für die Kunden. «WIR BRAUCHEN OPEN BANKING AUCH IN DER SCHWEIZ» Drei Fragen an Richard Dratva, Board of Directors Vice President & Chief Strategy Officer, Crealogix Interview: Marc Landis Sie haben erläutert, was Open Banking ist und kann. Immer wieder lesen und hören wir, dass sich die Anforderungen des Marktes ändern. Was erwartet der Kunde genau und wie könnte ein modernes Banking-Angebot konkret aussehen? Richard Dratva: Es klingt banal, aber bekanntlich kostet es die meiste Kraft, etwas mühelos aussehen zu lassen: Banking soll so einfach sein wie einen Film auf Netflix anzuschauen, etwas bei Amazon zu bestellen und sich per Facebook oder Whatsapp zu verabreden. Ich will einem Freund meinen Anteil für den Wochenendtrip überweisen – eine Berührung des Smartphone-Touchscreens sollte genügen. Oder nehmen Sie die Anlagenberatung: Viele Menschen möchten sich nicht mehr auf den Berater allein verlassen. Es gibt ihnen Sicherheit, die Angebote auf einer geschützten Plattform mit Vertrauten zu teilen, bevor sie investieren. Je nach Art der Beziehung mit den konkreten Summen, die Einblick in die persönlichen Finanzen gewähren, oder allgemein gehalten als Diskussionsgrundlage im Freundeskreis. All das darf nur eines nicht sein: kompliziert! Welchen Beitrag leistet Crealogix zu diesem neuen digitalen Banking? Wir machen alles möglich – oder doch zumindest vieles! Zum einen haben wir unser Angebot in skalierbare Module gegliedert und mit Public APIs versehen. Als leicht verdauliche Häppchen lassen sie sich vielfältig kombinieren und in das eigene Banking-Angebot integrieren. Zum anderen versetzen wir Finanzinstitute mit unserem Digital Banking Hub in die Lage, eigene Microservices sowie modulare Produkte von uns und von anderen Anbietern effizient und vor allem sicher zu orchestrieren und dem Kunden über eine attraktive und einheitliche Benutzeroberfläche zur Verfügung zu stellen. Im EU-Raum ist die Regulierung PSD2 oft die treibende Kraft hinter Open-Banking-Projekten. Brauchen wir sie hier in der Schweiz wirklich? Wegen des Brexits sind britische Banken nicht an PSD2 gebunden. Dennoch hat die nationale Wettbewerbsbehörde eine sehr weitreichende Open-Banking-Initiative gestartet und wirbt dafür mit dem Slogan: «Making banks work harder for you». Wir alle ruhen uns gerne auf dem erreichten Status quo aus, doch eigentlich wissen wir: Das reicht nicht aus! Warum? Weil nicht nur die GAFA, also Google, Apple, Facebook und Amazon, sondern auch Alibaba, Tencent und Unternehmen, die wir heute noch gar nicht kennen, auf Marktanteile unserer Banken schielen. Um Ihre Frage klar zu beantworten: Ja, wir brauchen Open Banking auch in der Schweiz, wenn wir morgen noch als nationale und globale Player eine Rolle spielen wollen. FINTECH Fintech & Insurtech 27