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INSURETECH Wer sich

INSURETECH Wer sich bewegt, zahlt weniger Prämien Welche Versicherungen bieten Apps an, die sportliche Aktivitäten belohnen? Und was ist am Vorwurf dran, dass Krankenkassen bloss an Nutzerdaten interessiert sind und Menschen diskriminieren, die den Anforderungen der Geschäftsmodelle nicht genügen? Autor: Marcel Urech Der Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte Adrian Lobsiger hat im Juni Helsana verklagt, weil die Versicherung mit der App Helsana+ gegen das Datenschutzgesetz verstos se. Die Stiftung für Konsumentenschutz und sieben weitere Schweizer Organisationen hatten schon im März kritisiert, dass die Helsana+-App das Solidaritätsprinzip missachte, auf dem die obligatorische Krankenpflegeversicherung aufbaue. Die App ermöglicht es Grundversicherten, Daten beim Sport zu erfassen und mit Helsana zu teilen. Die Krankenkasse gibt dafür Prämienrabatte. «Dadurch werden Kranke und solche, die keinen Sport treiben können, technisch nicht versiert sind oder Wert auf Privatsphäre legen, diskriminiert», kritisiert die Stiftung für Konsumentenschutz. «Helsana würde eine Klärung durch das Bundesverwaltungsgericht und gegebenenfalls das Bundesgericht unterstützen», so der Versicherungskonzern. Helsana+ hat rund 70 000 Nutzer, wie das Unternehmen schreibt. Helsana honoriere aber nicht bloss sportliche Aktivitäten, sondern auch Vorsorge, Treue und gesundheitsbewusstes Verhalten. Die Versicherung betont, dass die Teilnahme freiwillig sei und jeder mitmachen könne. Zudem bezahle wegen Helsana+ niemand tiefere Prämien. Es handle sich bloss um Barauszahlungen aus freien Mitteln der Zusatzversicherung. Die Prämien der Grundversicherung hätten damit nichts zu tun. Auch der Vorwurf, dass die Krankenkasse mit der App bloss an Nutzerdaten herankommen wolle, sei falsch. Helsana+ sammle keine Daten zur Anzahl gemachter Schritte, dem Puls oder den verbrannten Kalorien. Die Fotos, welche die Nutzer für den Nachweis hochladen, würden nach drei Jahren automatisch oder auf Anfrage des Kunden manuell gelöscht. Helsana gebe auch keine Daten an Dritte weiter. Das Unternehmen sagt, dass «das ganze Kollektiv» davon profitiere, wenn Wenige gesünder lebten und dadurch tiefere Kosten verursachten. Fast alle Versicherungen bieten Apps an Wie sieht es bei der Konkurrenz aus? Die Krankenkassen Assura, Atupri, Concordia, CSS, EGK, Groupe Mutuel, KPT, ÖKK, Sanitas, Swica, Sympany und Visana geben Auskunft. Nur Assura, Concordia und ÖKK bieten keine Apps an. Assura teilt mit, dass man kein Bonusprogramm plane. Concordia hält sich bedeckt und macht keine weiteren Angaben. ÖKK verspricht, im vierten Quartal 2018 eine App zu lancieren. Sie werde etwa Leistungsabrechnungen, Policen und eine Franchisen-Übersicht bieten. Die App soll es ausserdem ermöglichen, Rechnungen zu übermitteln und nachzuverfolgen. Rabatte, die von der Aktivität (Intensität und Grad der Regelmässigkeit) der Nutzer abhingen, seien aktuell keine geplant. Das bedeute aber nicht, dass ÖKK dieses Modell ablehne, jedoch müssten alle Versicherten davon profitieren können. Einige Krankenkassen bieten mehrere Apps an: Bei CSS, Helsana, Sanitas und Swica sind es drei, bei Atupri und Group Mutuel zwei. EGK, KPT, Sympany und Visana offerieren je eine App. Alle, die eine App anbieten, ermöglichen es ihren Kunden, Rechnungen zu übermitteln. Diese Funktion ist heute Standard. Atupri weist darauf hin, dass man in Maxyourhealth eine Chat-Beratung anbiete. CSS hat als einzige der befragten Firmen eine Zahnputz-App für Kinder im Angebot. Die Versicherung integrierte in Medicine 2.0 zudem einen Barcodescanner für Medikamente. Die App Sanitas Medgate erlaubt auch Telemedizin. Sport und Bewegung sollen von Krankenkassen über einen Fitnesstracker belohnt werden. Bild: filadendron / iStock.com Wer aktiv ist, wird belohnt Belohnen die Unternehmen ihre Kunden für Sport und Bewegung? Sanitas antwortet auf diese Frage, dass keine ihrer Apps die Prämie beeinflusse. Bei der Active-App erhalten die Nutzer beim Erreichen des Tagesziels aber eine Münze im Wert von 30 bis 40 Rappen, die sie bei Partnern einlösen können. CSS bietet seit Juli 2016 das Programm Mystep für einige Geräte von Fitbit, Garmin und Polar an. Für 7500 Schritte pro Tag gebe es 20 Rappen, ab 10 000 Schritte 40 Rappen, pro Jahr maximal 146 Franken. Aktuell würden 16 024 Personen mitma- 30 Fintech & Insurtech

Unternehmen Apps Anzahl Nutzer (laut Anbieter) Hauptfunktionen Datenspeicherung Assura keine – – – Atupri Maxyourhealth keine Angabe Gesundheitscoach, Chat-Beratung MyAtupri-App 6000 Kundenportal, Rechnungen scannen Schweiz Concordia keine – – – CSS MyCSS Medicine 2.0 Zahnputz-App 352000 136000 13000 Kundenportal, Rechnungen scannen Barcodescanner für Medikamente, Gesundheitslexikon Zähneputzen (für Kinder) Luzern, Lausanne EGK Meine EGK 19 300 Groupe Mutuel Helsana Gmapp Ignilife Helsana+ Helsana Scan Helsana Trails 45000 30000 70000 105000 35000 Gesundheitscoach, Fitnesstracking, Gesundheitslexikon, Rechnungen scannen Kundenportal, Rechnungen scannen Fitnesstracking, Gesundheitscoach Bonusprogramm Rechnungen scannen Fitnesstracking keine Speicherung von Nutzerdaten Schweiz Europa (nur Daten im Zusammenhang mit der App-Nutzung, keine Nutzerdaten) KPT KPTnetApp 70000 Kundenportal, Rechnungen scannen Schweiz ÖKK kommt Q4/2018 – Kundenportal, Rechnungen scannen keine Speicherung von Nutzerdaten Sanitas Sanitas Active Sanitas Medgate 35000 7000 Fitnesstracking Telemedizin Schweiz Sanitas Portal 156000 Kundenportal, Rechnungen scannen Swica Swica Benecura Swica Benevita keine Angabe 21 500 Gesundheitslexikon, Ärzte-Suche Fitnesstracker, Gesundheitscoach, Bonusprogramm Schweiz Rechnungs-App 77 500 Rechnungen einscannen Sympany MySympany 60000 Kundenportal, Rechnungen scannen Schweiz Visana Visana-App 37000 Kundenportal, Rechnungen scannen keine Angabe INSURETECH chen. CSS schreibt, dass Mystep freiwillig sei und nur Versicherten mit bestimmten Zusatzversicherungen zustehe. Das Programm sei nicht auf die Grundversicherung anwendbar. Beim Bonusprogramm Benevita von Swica könnten Kunden profitieren, wenn sie einen Fragebogen ausfüllen. Eine Trackeranbindung sei nicht notwendig. Visana plant, eine Gesundheitsplattform einzuführen. Sie soll die Eigenverantwortung und einen gesunden Lebensstil der zusatzversicherten Kunden belohnen. Groupe Mutuel teilt mit, die Philosophie «Wer sich bewegt, zahlt weniger» lieber beim Sponsoring von Laufsport-Events umzusetzen. Die Versicherten könnten an solchen Veranstaltungen in der Regel zur halben Anmeldegebühr teilnehmen. Sympany schreibt, dass sich ihre App auf das Kerngeschäft konzentriere. Man biete keine Schrittzähler oder Ähnliches an und sammle auch keine solchen Nutzerdaten. Auch KPT bietet keine Gesundheits-App mit Belohnungssystem an. Es sei aktuell auch keine geplant. Auf der Website gebe es aber Tipps zu Themen wie Ernährung, Bewegung und Fitness. Atupri nutzt das Modell ebenfalls nicht. Atupri biete dafür Tipps zum Thema Gesundheit an und arbeite mit der Schweizer Gesellschaft für Ernährung und den Gesundheitsbotschaftern Nicola Spirig und Niklaus Jud zusammen. EGK verzichtet ebenfalls auf Schrittzähler & Co. Man habe mit Vituro allerdings eine interaktive Gesundheitsplattform im Angebot, heisst es vonseiten des Unternehmens. In Zukunft seien keine Rabattmodelle geplant, die mit Bewegung oder einem gesünderen Verhalten gekoppelt seien, die via App gemessen werden. Die Kontrolle der Bewegungsdaten über Apps und Bewegungstracker sei sowieso enorm schwierig. Nutzerdaten und Geschäftsmodelle Kritiker behaupten oft, dass Krankenkassen bloss an Nutzerdaten interessiert seien und Menschen, die den Anforderungen der Geschäftsmodelle nicht genügten, diskriminieren. Alle befragten Unternehmen wehren sich vehement gegen diese Unterstellung. Und wo lagern die Unternehmen ihre Daten? Fast alle geben an, diese in der Schweiz zu halten. Visana macht dazu keine Angaben. Helsana erklärt, die Daten in Europa, aber nicht in der Schweiz zu lagern. Man speichere allerdings sowieso keine Nutzerdaten, sondern nur Daten, die im Zusammenhang mit der Nutzung der Apps stünden. Der Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte hält trotzdem an seiner Kritik an Helsana fest. Die teilweise Rückerstattung von Prämien an ausgewählte Grundversicherte und die Vermischung von Daten der Grund- und Zusatzversicherung seien rechtswidrig. Helsana müsse seine App Helsana+ rechtskonform anpassen. Auch die Stiftung für Konsumentenschutz sagt, dass es richtig sei, dass der Datenschützer gegen Helsana vorgehe. Das Bundesamt für Gesundheit müsse aktiv werden und seine Aufgabe als Hüterin des Grundsatzes der Solidarität in der Grundversicherung wahrnehmen. Das letzte Wort wird in diesem Fall wohl ein Gericht haben. Artikel online: www.netzwoche.ch ▸ Webcode DPF8_105759 Fintech & Insurtech 31