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IT for Gov 2017

DOSSIER

DOSSIER NACHHALTIGKEIT Ist Geiz noch geil – oder zahlt sich der ganzheitliche, nachhaltige Ansatz aus? Sourcing in Asien ist längst Normalität. Auch für Schweizer Anbieter. Wer Outsourcing betreibt, sollte dies aber mit Verantwortungsgefühl und Qualitätsbewusstsein tun. Denn nicht alles, was nur ein Mausklick entfernt ist, erfüllt die Anforderungen von Schweizer Kunden. Das Angebot ist längst nicht mehr regional oder national – sondern global. Die Möglichkeiten sind grenzenlos und nur wenige Mausklicks entfernt. Auf Onlineplattformen kann direkt ab Fabrik – meist in Asien – gekauft werden. Die Neugier und die Verlockung sind gross. Sind wir doch privat pausenlos konditioniert durch Schnäppchen- und Sonderangebote. Im heimischen Briefkasten und durch Remarketing auf Websites und in Apps wird unser Kaufentscheid subtil beeinflusst. Die volle Aufmerksamkeit gilt dabei dem Produktpreis. Warum nicht gleich online in Fernost bestellen? Die Bewertungen versprechen nur Gutes, und der Initialpreis scheint attraktiv. Unterschiedliche Kulturen und Werte Das soziale Gewissen und die Umsetzung des geltenden Rechts sind in unserer Gesellschaft hoch verankert. Wir respektieren sozialverträgliche Arbeitsbedingungen, Markenrecht, Schutz von geistigem Eigentum und die Vorschriften bezüglich Verwendung von Chemikalien. Direkt ab asiatischer Rampe gekaufte Produkte sind für die lokalen Märkte konzipiert, meistens für ein vielfach tieferes Einkommen. Es zählt jeder Cent, es wird an allen Ecken und Enden gefeilscht und gespart. Produzenten kupfern von führenden Marken ab, Neuheiten und Innovationen werden kopiert, und es wird keine Rücksicht auf rechtliche Gegebenheiten in Europa genommen. In einer mittelgrossen chinesischen Stadt gibt es mehr Schweizer Kreuze zu sehen als im Wallis und Berner Oberland zusammen. Einfach in gedruckter und gestickter Form auf T- Shirts, Trolleys und Rucksäcken. Bei uns gesetzlich verboten, wenn nicht die Swissness-Vorlagen vollumfänglich erfüllt sind. Gesundheitsgefährdende Substanzen Bei den verarbeiteten Materialien steht der Schutz des Verbrauchers im Vordergrund. In der europäischen REACH-Verordnung (Nr. 1907/2006) wird die Verwendung von Chemikalien detailliert geregelt. Auf der SVHC-Liste (Substances Of Very High Concern) werden Zulassungen und Beschränkungen für bedenkliche Substanzen definiert. Aktuell 174 Stoffe – unter anderem krebsverursachende, mutagene und reproduktionstoxische Inhalte. Die Verwendung von sauberen Werkstoffen ist mit einem umfassenden Testaufwand verbunden. Die Bestandteile müssen laufend durch unabhängige Labors analysiert und attestiert werden. Der Autor Ruedi Nauer, CEO, Dicota Schweiz Soziale Werte Soziale Nachhaltigkeit findet längst nicht bei allen asiatischen Produzenten Anwendung. Der Aufbau, die Umsetzung und Weiterentwicklung einer kontrollierten, nachhaltigen Partnerschaft mit Schlüssellieferanten bedarf personeller und finanzieller Ressourcen. Die Mitgliedschaft in einer unabhängigen Organisation, die mit Audits vor Ort die hohen Ansprüche an Arbeitsplätze und -umstände sicherstellt, ist für führende Marken eine Selbstverständlichkeit. Ein Beispiel dafür ist die Business-Social-Compliance-Initiative (www.bsci-int.org) mit ihrem Code of Conduct, der 11 wichtige Punkte zum Schutz der Arbeitnehmerrechte abdeckt. Blick fürs Detail, Schweizer Qualitätsverständnis Hochwertig ausgelegte Produkte weisen eine erhöhte Nutzungsdauer auf und reduzieren damit die nachfolgenden Kosten: geringere Anzahl an Defekten, weniger Abfall, tiefere Logistik- und Prozesskosten. Zudem schätzen User – die Kundinnen und Kunden – eine durchdachte Lösung und die damit verbundene Effizienz im Arbeitsalltag. Die Rolle des Fachhandels Der Fachhandel bietet ausser Kundennähe und Flexibilität den beschaffenden Stellen zusätzliche Mehrwerte. Das Verständnis der Kundenprozesse ist gross – im Dialog wird eine individuelle Lösung konfiguriert, welche die gesamten Prozesskosten berücksichtigt. Der Spezialist steht in allen Phasen des Produktlebenszyklus an Ihrer Seite. Schlussfolgerung Der Preis muss stimmen. Aber nicht um jeden Preis. Das unterscheidet nachhaltig ausgerichtete Marken von asiatischen Trittbrettfahrern auf der Suche nach Schnäppchenjägern. Der Fachhandel und die beschaffenden Stellen tragen ebenfalls eine hohe Verantwortung. Im offenen, fairen und ganzheitlichen Austausch auf Augenhöhe entstehen sozial und ökologisch nachhaltige Lösungen, die sich langfristig auch finanziell auszahlen. 40

«Die soziale Nachhaltigkeit ist in unserer Unternehmensphilosophie fest verankert» Der Computertaschen-Anbieter Dicota mit Sitz in Pfäffikon SZ sourct mit einem eigenen Büro in Hongkong. Dies bringt eine grosse Verantwortung mit sich, denn Dicota setzt sich bei seinen Lieferanten dafür ein, dass auch bei den Produzenten in Fernost europäische Werte hinsichtlich Sozialpartnerschaften eingehalten werden. Interview: Marc Landis DOSSIER NACHHALTIGKEIT Welche Aufgaben werden am Schweizer Hauptsitz der Dicota-Gruppe übernommen? Ruedi Nauer: Im Hauptquartier der Gruppe in Pfäffikon SZ sind ausser Finanz-/IT-Verantwortlichkeiten die internationalen Marketingaktivitäten konzentriert, insbesondere das Produktmarketing und das Onlinemarketing. Die lokale Vertriebsmannschaft betreut die Kunden vor Ort und deckt mit zwei Account Managern alle Schweizer Regionen ab. Da bei uns die soziale Nachhaltigkeit in der Unternehmensphilosophie fest verankert ist, bilden wir mit Freude und Engagement Lernende aus und bieten Praktikanten praxisnahe Aufgaben im Rahmen eines Zwischenjahres. Wie sind Sie international aufgestellt? Mit unseren Tochtergesellschaften in Deutschland, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Hongkong sind wir an den für uns wichtigen Standorten vertreten. In Baden-Württemberg kümmern wir uns um unsere deutschen Kunden sowie um das Produktmanagement. Aus unserem Office in Dubai bauen wir aktuell auch den Marktanteil in der Golf-Region erfolgreich aus. In Hongkong ist unser Team mit zehn Kolleginnen und Kollegen für die Bereiche Design/Entwicklung, Logistik, Qualitätssicherung und -management sowie Lieferantenentwicklung tätig. Wo produziert Dicota seine Produkte? Seit der Gründung von Dicota im Jahr 1992 findet der Grossteil der Produktion in Fernost statt, und auch an einigen europäischen Standorten. In enger Partnerschaft mit unseren Schlüssellieferanten stellen wir die bekannte Dicota-Qualität sicher. Dabei sind uns die schweizerischen Werte und Ansprüche hinsichtlich Langfristigkeit, Verbindlichkeit und Zuverlässigkeit sehr wichtig. Umso mehr freut es mich, dass wir mit unseren Hauptproduzenten seit 20 Jahren erfolgreich zusammenarbeiten dürfen. und ist für uns allerdings keine Option, weil wir als Markenhersteller aktiv Verantwortung übernehmen. Die Interaktion mit den Lieferanten vor Ort lohnt sich für uns in vielerlei Hinsicht. Wir stellen nicht nur die Qualität sicher, sondern überprüfen auch die sozialen Arbeitsbedingungen und sind laufend am Puls des Geschehens. Die Umsetzung des Code of Conducts der Business-Social-Compliance-Initiative (BSCI) ist dabei die Basis für die kontinuierliche Weiterentwicklung unserer Supply Chain sowie die Wahrnehmung der für uns in Europa selbstverständlichen Werte hinsichtlich Sozialpartnerschaften. Wie stellen Sie bei Dicota sicher, dass Ihre Lieferanten die entsprechenden Gesetze und Verordnungen im Zusammenhang mit gesundheitsgefährdenden Substanzen einhalten? Die laufende Kontrolle der verarbeiteten Materialien ist ein weiterer wichtiger Punkt. Dabei arbeiten wir eng mit unabhängigen Labors zusammen, insbesondere mit SGS und Intertek, um die konsequente Einhaltung der europäischen REACH-Verordnung sicherzustellen. Wir verarbeiten ausschliesslich saubere Rohstoffe, die nicht gesundheitsgefährdend sind. Der grossen Verantwortung gegenüber den Endanwendern sind wir uns bewusst und nehmen diese vollumfänglich wahr. Was sind Ihre Beweggründe, als KMU-Betrieb ein Office in Hongkong zu unterhalten? Die Nähe unseres Hongkong-Teams zu den Fabrikationsstandorten und die tägliche Kontrolle vor Ort am Produktionsband sind für uns mit hohen Kosten verbunden. Eine Zusammenarbeit mit einem Agenten oder eine anonyme Bestellung über eine Internetseite scheinen da auf den ersten Blick kostengünstiger. Das war Ruedi Nauer, CEO, Dicota Schweiz 41