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IT for Health 01 - 2019

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Illustration: FrankRamspott / iStock.com Wie KI und Apps die Telemedizin ins digitale Zeitalter hieven 14

Wer krank wird, greift heute vermehrt zum Telefonhörer, statt den Gang zum Hausarzt anzutreten. Mit digitaler Technologie verspricht Telemedizin medizinische Beratung rund um die Uhr und überall. Doch wo es viel Potenzial gibt, gibt es auch noch viele offene Fragen. Autor: Oliver Schneider Telemedizin ist das E-Health-Wort der Stunde. Das Thema treibt Versicherer, Softwareentwickler und die medizinische Forschung um. Anfang des Jahres gab Swica bekannt, mit «Sante24» das erste Telemedizin-Zentrum einer Schweizer Krankenkasse mit einer Praxisbewilligung zu eröffnen. Die Tele-Praxis soll Patienten per Telefon beraten, Rezepte für verschreibungspflichtige Medikamente sowie Arbeitsunfähigkeitszeugnisse digital ausstellen, wie die «Handelszeitung» berichtete. Auch eine Überweisung an einen Facharzt sei möglich. Im Nationalrat ist eine Motion von ICT-Switzerland-Präsident Marcel Dobler zur Telepharmazie hängig. Dobler verlangt, dass Schweizer Apotheken nicht-rezeptpflichtige Arzneimittel nach einem Videochat an ihre Kunden liefern dürfen. Und in Deutschland herrscht derweil laut einem Bericht der «Welt» ein Streit darüber, ob sich Arbeitnehmer per Whatsapp ein Arztzeugnis ausstellen lassen dürfen. Ein Hamburger Start-up bietet diesen Service für 9 Euro an. Die Hamburger Ärztekammer sei nicht erfreut, schreibt die «Welt». Sie finde es problematisch, einen Patienten vor einer Krankschreibung nicht persönlich gesehen zu haben. Medizin unabhängig von Ort und Zeit Über Telemedizin wird also viel gesprochen, aber was ist darunter eigentlich zu verstehen? Wie einem Bericht des wissenschaftlichen Dienstes des deutschen Bundestags aus dem Jahre 2011 zu entnehmen ist, liegt die Geburtsstunde der Telemedizin weit vor der Erfindung der ersten modernen Computer. Im Frühling 1876 tüftelte der britische Erfinder Alexander Graham Bell an seinem selbstentwickelten Telefonapparat und schüttete sich dabei aus Versehen Säure über den Anzug. Konfrontiert mit einem medizinischen Notfall, habe Bell den Telefon-Prototyp dazu genutzt, um seinen im Nebenzimmer befindlichen Gehilfen Thomas Watson zur Hilfe zu rufen. Die Telemedizin war geboren. Seit diesem ersten Anwendungsfall hat sich viel getan. Anfänglich ging es wie zu Bells Zeiten um die Diagnostik und Therapie per Telefon, wobei vor allem die Überbrückung von räumlicher Distanz im Vordergrund stand. So konnte die medizinische Versorgung auch in Gegenden gebracht werden, wo sie vorher nicht zur Verfügung stand. Mit dem Aufkommen des Internets, von Apps, Wearables und Video-Chats wurde auch die zeitversetzte Kommunikation zwischen Arzt und Patient möglich. So können heute Patienten etwa von ihrem Smartphone aus Bilder von Hautveränderungen mit einem Arzt teilen. In Zeiten, in denen von einem Mangel an Hausärzten, einer alternden Gesellschaft, Versorgungsengpässen in abgelegenen Gebieten und steigenden Gesundheitskosten die Rede ist, erscheint Telemedizin als Heilmittel für viele Probleme. Sie soll auch in gut erschlossenen Gebieten die Qualität der Versorgung verbessern, Arztbesuche ersetzen, Ängste durch ständig verfügbare Beratung nehmen, die Medizin den Bedürfnissen der Patienten und Ärzte anpassen, nachfolgende Therapien steuern sowie Zeit und damit Kosten einsparen. Die telemedizinische Beratung erfolge in rund 45 Prozent aller Fälle fallabschliessend, das heisst ohne weitere ärztliche Konsultation, rechnet etwa die Krankenkasse CSS auf Anfrage vor. Mitbewerberin Swica geht davon aus, dass die medizinischen Kosten via Telemedizin zirka 50 Prozent günstiger seien, als wenn bei einem Notfall eine Praxis aufgesucht würde. Mehr als eine Hotline Trotz aller Digitalisierung in den vergangenen Jahren: Die Websites von Schweizer Krankenkassen und Anbietern von Telemedizin-Dienstleistungen zeigen, dass auch im Jahr 2019 immer noch der telefonische Kontakt im Vordergrund steht. Ein Patient hat gesundheitliche Probleme und ruft bei einer Hotline an. Dort wird er beraten, direkt am Telefon behandelt oder an die entsprechenden Stellen weitervermittelt. Das Potenzial der Telemedizin reicht aber weit über diesen Fall hinaus, wie etwa Jan Kukleta auf der Website der Spitalgruppe Hirslanden schreibt. Für Kukleta, Chirurg an der Klinik im Park, ist vor allem die Übertragung von Audio- und Videodaten aus dem Operationssaal interessant. Per Videokonferenz könne so die Zweitmeinung eines anderen Spezialisten eingeholt werden. Ebenfalls möglich: Die Schulung von Chirurgen in der Ausbildung direkt während der Operation. Telemedizin findet also nicht nur zwischen Arzt und Patient, sondern auch zwischen Medizinern statt. In Zeiten steigender Gesundheitskosten erscheint Telemedizin als Heilmittel für viele Probleme. Beratung und Behandlung per Video-Chat wird nicht nur im OP, sondern ebenso für den Telemedizin-Anbieter Medgate wichtiger, wie das Unternehmen auf Anfrage schreibt. Als Hub diene hierbei die «Medgate App». Über diese könnten Videokonsultationen durchgeführt sowie Fotos und Sprachnachrichten übermittelt werden. Auch Medi24 setzt ausser auf das Telefon auch auf Video, ein Web-Klinik-Portal sowie auf Mobile-Kommunikation. Der Anbieter unterscheide dabei zwischen synchroner und asynchroner Beratung, schreibt CEO Angelo Eggli. Erstere laufe in Echtzeit als Telefon- oder Videogespräch ab, letztere zeitlich versetzt, etwa per Webportal oder Mobile-Anfrage. Ein eigenes Telemedizin-Modell bieten Schweizer Apotheken unter dem Label «Netcare» an. 25 Krankheiten behandelt der Apotheker direkt in der Apotheke. Dabei wird bei Bedarf per Telefon oder Video ein Arzt zugezogen. E-HEALTH KONKRET 15

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