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IT for Health 2 / 2019

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E-HEALTH KONKRET «

E-HEALTH KONKRET « Unser Gesundheitswesen hinkt im internationalen Vergleich hinterher » Das Schweizer Gesundheitswesen ist noch längst nicht so digital, wie es sein könnte, sagt Heinz Brand, Bündner SVP-Nationalrat und Präsident des Krankenkassen-Verbands Santésuisse. Woran das liegt und wie man es ändern könnte, verrät er im Interview. Interview: Oliver Schneider Was bedeutet E-Health für Sie persönlich? Heinz Brand: Dass ich als Bürger und Patient kein Papier mehr zusammensuchen muss, dass ich alles digital einsehen und erledigen kann – und vor allem, dass alle wichtigen Daten rasch und verlässlich abrufbar sind, wenn es sie braucht. Was sind denn die Vorteile der Digitalisierung? Es gibt zwei entscheidende Vorteile. Der eine ist die Verfügbarkeit von Gesundheitsdaten, die für alle Mitbehandelnden relevant sind. Das ist ein medizinischer Vorteil. Der andere ist der Abbau von Aufwand bei den Kassen und den Leistungserbringern. Das ist ein administrativer Vorteil. Beide sollten Effizienz und Qualität im Gesundheitswesen steigern. Ist all dies bereits Realität? Nein, das ist alles überhaupt noch nicht so. Wenn Sie heute zum Arzt gehen, müssen Sie immer wieder alles durchbuchstabieren. Sie müssen Ihre Röntgenbilder, MRI-Bilder und so weiter in einem portablen Format mitnehmen. Da sind wir noch weit von E-Health entfernt. « Wenn Sie heute zum Arzt gehen, müssen Sie immer wieder alles durchbuchstabieren. » Heinz Brand, Präsident, Santésuisse Und was bedeutet E-Health für Santésuisse als Verband der Schweizer Krankenversicherer? Die Vorteile der Digitalisierung müssen konsequent genutzt werden. Diese Vorteile betreffen vor allem die Qualität und die Effizienz. Eine Studie hat letztes Jahr für Deutschland ein Effizienzpotenzial von 12 Prozent ausgerechnet. Auch wenn es bei uns möglicherweise tiefer ist: Das Potenzial ist jedenfalls gross. Vor dem Hintergrund der anstehenden Kostenschübe durch die demografische Alterung, den medizinischen Fortschritt und die Sonderwünsche, die gerade aktuell wieder auf dem Tisch liegen, müssen solche Einsparungen unbedingt realisiert werden. Sie würden sogar noch Qualitätsfortschritte bringen. ZUR PERSON Heinz Brand ist SVP-Nationalrat für den Kanton Graubünden und seit 2015 Präsident von Santésuisse, dem Verband der Schweizer Krankenversicherer. Er wurde am 6. September 1955 in Huttwil (Bern) geboren. Nach dem Abschluss der Handelsmatura an der Kantonsschule Chur studierte er an der Universität Zürich Rechtswissenschaften und schloss dort 1983 mit dem Lizenziat ab. 2011 wurde er in den Nationalrat gewählt. Später wurde er Mitglied der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit. Brand ist seit 1982 mit seiner Frau Silvia Brand-Ciocco verheiratet. Gemeinsam haben sie eine Tochter Laura. Zu seinen Hobbys gehören Skifahren, Langlaufen, Mountainbiken, Kochen, Lesen, Kunst und Architektur. Was kann digitale Technik sonst noch leisten? Für die Qualität von Diagnose und Behandlung birgt Digitalisierung grosses Potenzial. Beispielsweise ist die Maschine in der Radiologie deutlich genauer und schneller als das menschliche Auge. Andere Länder nutzen das bereits, zum Beispiel die USA. Auch wer eine genetische Analyse will, benötigt sehr grosse Rechenleistungen. Dies im Sinne einer individualisierten Diagnostik und Behandlung, Stichwort personalisierte Medizin. Mit Wearables und mobilen Applikationen kommt die Forschung weiter, zudem lassen sich Diagnosen viel genauer und schneller erstellen. Wo stehen Schweizer Krankenversicherungen heute beim Thema Digitalisierung? Die Krankenversicherer investieren laufend in die Digitalisierung. Ich denke an die Kontrolle von rund 120 Millionen Rechnungsbelegen pro Jahr. Da braucht es weitgehend automatisierte IT-Prozesse. Dank der guten Rechnungskontrolle, die zu einem guten Teil durch IT-Programme vorgenommen wird, werden fehlerhafte Rechnungen viel schneller und besser erkannt als früher. So sparen die Prämienzahler jährlich 3 Milliarden Franken. Wo profitieren die Krankenversicherungen am meisten von E-Health? Wenn nicht jeder Arzt und jedes Spital alle Daten wieder von Neuem erheben oder physisch herumschicken muss, werden viele unnötige, oft belastende Untersuchungen und Fehler vermieden. Funktioniert das alles digital, können wir einiges an Kosten, Aufregung und Leid vermeiden. 10

Warum funktioniert das heute denn noch nicht digital? Diese Frage müssen Sie den Leistungserbringern stellen. Wir haben heute zu viele Leistungserbringer, die noch nicht in der Lage sind, ihre Abrechnungen und sonstige Informationen in einem standardisierten, für einen Austausch geeigneten Format bereitzustellen. Es gibt zu viele nicht kompatible Insellösungen und auch keinen zentralen Speicher. Die Digitalisierung verspricht mehr Effizienz und tiefere Kosten. Was braucht es, damit sich solche Hoffnungen erfüllen? Dass man da endlich vorwärtsmacht. Dänemark ist uns gut 15 Jahre voraus; viele ost- und nordeuropäische Staaten sind viel weiter als unsere Ärzte, von denen noch die Hälfte die Patientengeschichte aufs Papier kritzelt. Die Dänen würden nie mehr umkehren wollen, weil die Vorteile der Digitalisierung einfach zu gross sind. Selbst ein möglicher Datenskandal könnte diesen Benefit nicht mehr infrage stellen, betonen sie. Bei uns wurde der Einsatz des elektronischen Patientendossiers wegen der Obstruktion der Ärztelobby beim damaligen Gesetzesprozess so verwässert, dass derzeit kein Nutzen für die Allgemeinheit zu erkennen ist. Das ist nicht im Sinne der Patienten und der Prämienzahler. 2020 soll das elektronische Patientendossier starten. Ist das Schweizer Gesundheitswesen auf Kurs? Wie gesagt, ist unserer Gesundheitswesen in grossem Rückstand gegenüber anderen Staaten. Wichtige Effizienzgewinne werden so leider nicht realisiert werden können. Das ist nicht im Interesse der Prämienzahler und Patienten. Warum ist die Schweiz so stark im Rückstand? Einerseits liegt das am angesprochenen Generationenproblem bei den Ärzten. Andererseits spielt unser sehr dezentrales Gesundheitswesen eine Rolle. Wir haben keine staatliche Gesundheitsversorgung, bei der alles top-down geregelt ist. Wir haben 26 Gärten, und die müssen irgendwie miteinander verbunden werden. Die lassen sich auch nicht so einfach auf einen Nenner bringen. In jedem Kanton gibt es andere digitale Welten, andere Rahmenbedingungen und andere Lösungen in den Spitälern. Können Sie ein Beispiel nennen? Wir haben vor fast 20 Jahren im Kanton Graubünden versucht, alle Spitäler in ein Netz zu bringen – und sind kläglich gescheitert. In anderen Kantonen gibt es dagegen solche Lösungen. E-HEALTH KONKRET Warum blockieren die Ärzte? Eine gewisse Ärztegeneration ist der Meinung, sie könne so weiterarbeiten wie bisher. Sie wollen die Hoheit über die Patientendaten behalten und sich keinen Vorgaben über Datenerhebung und -speicherung unterwerfen. Jüngere Ärzte sind solchen Fragen gegenüber deutlich offener. Die sind auch bereit, beim Datenaustausch kooperativer mitzuwirken. Was muss die Politik in puncto E-Health tun? Im Zentrum muss immer das Interesse des Patienten stehen. Der Patient soll selbst entscheiden können, welche Daten wem weitergegeben werden. Weiter muss gewährleistet werden, dass die digitalen Daten strukturiert und standardisiert zur Verfügung stehen und auch entsprechend übermittelt werden können. Künftig sollen aber keine neuen Ärzte zugelassen werden, die das elektronische Patientendossier nicht an bieten. Was würden Sie beim Thema E-Health gerne machen, dürfen es aber nicht? Zum einen sollte das elektronische Patientendossier von allen anerkannten Leistungserbringern flächendeckend angeboten werden müssen. Nur so ist es möglich, dass den Patienten die Daten mit geeigneten Apps jederzeit zur Verfügung stehen. Insbesondere in Notfällen ist das unabdingbar. Heinz Brand, Bündner SVP- Nationalrat und Präsident von Santésuisse. Das vollständige Interview finden Sie online www.netzwoche.ch 11

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