Aufrufe
vor 4 Monaten

Netzwoche 02/2018

30 XXXXXXXXXXX

30 XXXXXXXXXXX XXXXXXXXXXXX Filmproduktion benötige. «Wenn man keine hohen Ansprüche an seine Filmmusik hat, könnte man die Aufgabe wohl einer KI anvertrauen», sagt Bisig. Genau dann sei es aber keine Kunst, ergänzt Hideki Nakazawa. Der Künstler und Kunsthistoriker aus Japan arbeitet derzeit an einer Ausstellung zum Thema Kunst, KI und Ästhetik. Auch Schimpansen könnten ein Gemälde malen, argumentiert der Künstler. Aber wenn ein Schimpanse male, weil er wisse, dass er dafür eine Banane erhalte, sei es keine Kunst. Erst wenn er male, weil er malen wolle, sei es Kunst. Kunst um der Kunst willen. Das nächste Problem am Horizont Sollte eine KI jedoch irgendwann tatsächlich Kunst um der Kunst willen produzieren, könnte der Mensch bereits vor dem nächsten Problem stehen. Schon jetzt seien die Handlungen einer KI für den Menschen nur schwer nachzuvollziehen, sagt Nakazawa. Als Beispiel nennt er die KI Alphago Zero von Google. Diese meisterte das japanische Brettspiel Go und besiegte im Mai 2017 Ke Jie, den besten menschlichen Go-Spieler. Anschliessend übertrumpfte Googles Alphazero im Schach die bisher beste Software Stockfish – mit 28 Siegen, 72 Remis und 0 Niederlagen. Die unterlegene Software Stockfish, die auch schon einige Siege gegen renommierte menschliche Spieler erringen konnte, wird von vielen Profis zu Trainingszwecken genutzt. Die Art, wie diese KIs spielten, könnte vom Menschen gar nicht mehr verstanden werden, sagt Nakazawa. Genau so sei es auch, wenn eine KI ein Kunstwerk um der Kunst willen kreieren würde: für den Menschen unverständlich. Zumindest auf den ersten Blick. Die Professoren Bisig und Nakazawa verweisen auf den Eiffelturm. Bei seiner Errichtung 1889 sei der eiserne Turm als industrielle Leistung angesehen worden – nicht als ein ästhetisches Werk. Der Mensch habe zunächst eine Wertschätzung für den industriellen Koloss entwickeln müssen. Was wäre dann die Rolle des Menschen, sollte er sich je an von KI geschaffene Kunst gewöhnen? «Konsument», antwortet Bisig sogleich. Tatsuo Unemi, Dekan an der SOKA-Universität in Tokio, sieht jedoch noch mehr auf den Menschen zukommen. Die Rolle des Menschen wäre dann vergleichbar mit der eines Kurators oder des Leiters einer Kunstschule. Weg von der direkten Erschaffung von Kunst und mehr hin zu einer lenkenden, führenden Rolle für die kreative KI, welche die Kunst kreiert. Kaufmann von Starmind will noch einen Schritt weiter gehen. «Ich bin absolut davon überzeugt, dass wir eines Tages künstliche Menschen bauen können», sagt er. Der Mensch werde einer neuen künstlichen Spezies Leben einhauchen. Eine künstliche Intelligenz in einem künstlichen Hirn in einem künstlichen Wesen. «Für mich ist das der natürliche Gang der Evolution.» Für den Menschen sei es wichtig, sich dieser Entwicklung anzupassen. «Wir müssen quasi Cyborgs werden und eine Symbiose mit der Technologie eingehen, damit wir überhaupt eine Chance haben in dieser hochtechnologisierten Welt», sagt Kaufmann. Ein neues Menschenbild werde entstehen «und das ist eine gute Entwicklung!», sagt er. «Andernfalls würden wir als Spezies wohl irrelevant werden.» Wohin die Reise geht Vielleicht werden wir in Zukunft wirklich mit unserer Technologie verschmelzen. Vielleicht werden wir die Kuratoren einer Kunstschule voller emsiger KIs sein. Oder vielleicht stehen wir nur fragend vor deren Werke, die wir nicht verstehen. Doch es mag auch sein, dass wir bloss darauf warten, dass eine Vision Gestalt annimmt, die nie mehr als ein Traum beziehungsweise ein Albtraum in den Köpfen vieler war. Eines jedoch ist gewiss: Das nächste Mal, wenn eine Studie KI-Bestseller und KI-Popsongs prophezeit oder Medien davon ausgehend Panik verbreiten, sollte man sich wohl sogleich die Frage stellen: Wie intelligent ist die künstliche Intelligenz eigentlich schon? Tatsuo Unemi, Dekan an der SOKA-Universität in Tokio (l.), Hideki Nakazawa (auf dem Bildschirm rechts), Künstler und Kunsthistoriker, und Daniel Bisig, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Computermusik und Sound-Technologie der ZHDK. « Schon jetzt sind die Handlungen einer KI für den Menschen nur schwer nachzuvollziehen. » Hideki Nakazawa, Künstler und Kunsthistoriker 02 / 2018 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Technology Titelgeschichte 31 « Menschen sind Small-Data-Maschinen » Mit jeder neuen Generation werden Computer schneller und schneller. Aber werden sie dadurch auch intelligenter? Das eine habe mit dem anderen nichts zu tun, sagt Pascal Kaufmann, Gründer von Starmind. Im Interview erklärt er, warum. Interview: Coen Kaat Gibt es überhaupt so etwas wie eine künstliche Intelligenz (KI)? Pascal Kaufmann: Was gemeinhin als künstliche Intelligenz bezeichnet wird, ist oft nur ein Derivat menschlicher Intelligenz. Erzeugnisse des menschlichen Geistes, die ein Programmierer in den Source Code verpackt hat. Diese Erzeugnisse bringen selbst jedoch nichts wirklich Neues hervor. Es sind eigentlich schnelle Rechenmaschinen, die eine isolierte, regelbasierte Aufgabe sehr schnell lösen können. Wie etwa das auf das Spiel «Go» spezialisierte Alphazero von Google. Derartige Maschinen sind extrem performant. In dem Bereich, für den sie entwickelt wurden, schlagen sie jeden Menschen. Ich glaube aber, dass es neben der Leistung noch eine weitere Achse braucht. Denn es mangelt ihnen an Kompetenz. Noch keine Maschine dieser Welt kann auf einem 10x10-Spielbrett Schach spielen, wenn sie gelernt hat, sich in einem üblichen 8x8- Schachbrett zurechtzufinden. Was meinen Sie mit Kompetenz? Kompetenz bedeutet für mich, dass man sich etwa fragt, was man eigentlich mit einem Paar Schuhe alles machen kann. Die Antwort der Maschine lautet natürlich, dass man sie anziehen kann. Ein Mensch kommt aber auch auf andere Ideen. Er könnte etwa sagen, dass man mit Schuhen auch Nägel einschlagen kann oder dass man ein kleines Schiffchen daraus bauen könnte. In dieser Fähigkeit, zu generalisieren und bestehendes Know-how auf unbekannte Situationen zu transferieren, zeigt sich die Intelligenz des Menschen. Eine KI, die performant und kompetent ist, könnte eine Aufgabe sehr schnell lösen, aber zugleich auch verstehen, worum es dabei geht. Ich will aber einen Schritt weiter gehen. Ich will Maschinen bauen, die neuartige Probleme lösen können, die sie vorher noch nie gesehen haben. Ist Intelligenz nicht eine Frage der Geschwindigkeit, der Rechenleistung? Es ist ein Irrglaube, zu denken, dass alles plötzlich intelligent wird, wenn der Rechner nur schnell genug ist. Es ist ja nicht so, dass Menschen extrem schnell rechnen können. Im Gegenteil: Menschen sind eher Small-Data-Maschinen. Und abgesehen davon sind Computer schon lange schneller als einzelne Hirnzellen. Hirnzellen feuern etwa im Bereich von 10 bis 20 Hertz – der Computerchip in einem iPhone hingegen im Bereich von Milliarden Hertz. Bloss weil Computer schneller werden, werden diese nicht auch automatisch klüger. Das Hirn könnte ja auch eine Art Superorganismus sein. Ein Gebilde aus Milliarden von verknüpften Hirnzellen, deren Zusammenarbeit ähnlich funktioniert wie ein Fischschwarm oder eine Ameisenkolonie. Wie weit sind wir davon entfernt, eine echte menschenähnliche künstliche Intelligenz zu kreieren? Es kommt nicht darauf an, wie intensiv man nach Kartoffeln gräbt, als vielmehr, wo man nach Kartoffeln gräbt. Aus meiner Sicht graben wir derzeit an der falschen Stelle. Rund 95 Prozent der Investitionen in KI stecken die Forscher in schnellere Computer. Diesen Weg könnte man wohl noch ewig verfolgen, ohne einen wirklichen, qualitativen Durchbruch zu erzielen: Das Wesen der Intelligenz oder das Bewusstsein sind bis heute noch unentdeckte Welten, vielleicht die letzten grossen Geheimnisse, die es zu lüften gilt. Einige wenige Projekte verfolgen einen anderen Ansatz. Wenn wir diese fördern, haben wir vielleicht schon in kurzer Zeit einen Durchbruch. Vielleicht sogar schon in den nächsten fünf bis zehn Jahren – wenn wir am richtigen Ort forschen! Artikel online: www.netzwoche.ch ▸ Webcode DPF8_78039 « Das Wesen der Intelligenz oder das Bewusstsein sind bis heute noch unentdeckte Welten. » Pascal Kaufmann, Gründer von Starmind www.netzwoche.ch © netzmedien ag 02 / 2018