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Netzwoche 04/2018

16 People Live « Wir

16 People Live « Wir müssen verstehen, wohin die Reise der Menschen geht » Seit Oktober 2017 ist Harald Rotter Herr über die IT an der Universität St. Gallen. Im Interview spricht er über die Herausforderungen der ersten Monate, die Digitalisierung der Hochschulen und darüber, warum er als CIO manchmal hartnäckig sein muss. Interview: Oliver Schneider « Man begegnet der IT an der HSG auf Augenhöhe, was in der Privatwirtschaft oftmals nicht der Fall ist. » Harald Rotter, Leiter Ressort Informatik, Universität St. Gallen Sie sind seit vier Monaten Leiter der Informatik an der Universität St. Gallen. Wie haben Sie sich bisher eingearbeitet? Harald Rotter: Die ersten Monate waren von vielen Gesprächen und Meetings geprägt. Die Technik selbst hatte für mich nicht höchste Priorität, sondern der Kontakt mit Stakeholdern auf den verschiedenen Ebenen der Universität. Mir war ganz wichtig zu sehen, wie das Ressort Informatik von aussen wahrgenommen wird. Denn unsere IT läuft sehr stabil und ich habe ein sehr gutes Team, das sie betreut. Dazu kamen Gespräche mit meinem Führungsteam über unser Tagesgeschäft. Wie gefällt es Ihnen an der HSG? Ich fühle mich sehr wohl auf dem Campus. Er ist ein cooler Arbeitsplatz und von der Grösse her genau richtig. Die Wege sind kurz und wo möglich auch sehr pragmatisch. Man begegnet der IT auf Augenhöhe, was in der Privatwirtschaft oftmals nicht der Fall ist. Dort ist die IT oft nur der Kostenblock. Das heisst für uns aber auch, dass wir jeden Tag unsere Dienstleistungen zur vollsten Zufriedenheit der Kunden erbringen müssen. Was sind Ihre Aufgaben als CIO? Ein wichtiger Part ist die Interaktion mit all den verschiedenen Bereichen und Personen. Wir haben an der HSG ganz verschiedene Anspruchsgruppen. Diese Menschen müssen bei ihren Bedürfnissen abgeholt werden. Wir müssen verstehen, wohin ihre Reise geht. Ausserdem wollen wir ein Bindeglied zwischen all den verschiedenen Bereichen sein. Wie bei jedem Unternehmen laufen in unserer IT alle Fäden zusammen. Ich verstehe meine Aufgabe darin, diese Fäden zusammenzuholen, mich mit den Leuten auszutauschen und so ein Gefühl dafür zu bekommen, was sie von uns brauchen und wie wir sie mit State-of-the- Art-Technologie darin unterstützen können. Sie waren lange in der Privatwirtschaft tätig. Wie weit unterscheidet sich die Arbeit bei der Universität St. Gallen von den bisherigen Stationen Ihres Arbeitslebens? Ich war vorher bei inhabergetriebenen Firmen, sogenannten patronatsgeführten Firmen. Dort kamen Entscheidungen anders zustande. Ich führte zwar auch mit vielen Fachabteilungen Gespräche, aber zuletzt kam das Go oder No-Go vom Besitzer. Daran haben sich alle Abteilungen ausgerichtet. An der Universität haben wir demokratische Entscheide. Wir müssen verschiedene Gremien ins Boot holen und informieren. Es gibt ein Rektorat, ein Projektboard, einen Senat und einen politisch besetzten Uni-Rat sowie verschiedene operative Steuerungsgremien. Da gibt es nicht das eine Wort, das ich aus der Privatwirtschaft kenne. Wie gehen Sie damit um? Konkret heisst das für mich, dass wir viele einzelne Bereiche abholen und für Projekte gewinnen müssen. Obwohl wir eine Wirtschaftsuniversität sind, haben wir eigenständige Institute und Bereiche, deren Richtungen und Vorstellungen durchaus auseinandergehen können. i ZUR PERSON Als Leiter des Ressorts Informatik ist Harald Rotter für die operative und strategische Weiterentwicklung der Informatik an der Universität St. Gallen zuständig. Bevor er diese Aufgabe an der HSG im Oktober 2017 übernahm, war der 41-jährige Österreicher CIO des Kunststoffproduzenten Plaston, stellvertretender Geschäftsführer beim IT-Dienstleister Citius sowie Deputy Head of IT bei Eugster/Frismag, einem Hersteller von Haushaltsgeräten. Harald Rotter machte einen MAS in Business Information Management und wohnt in St. Gallen. Er ist ausserdem Prüfungsexperte Informatiker/in EFZ beim Kanton Thurgau sowie Mitglied der Fachgruppe ITSM Praxis beim Verband Swiss-ICT. Ihr Vorgänger prägte die IT der Universität St. Gallen acht Jahre lang. Mit welchen Herausforderungen waren Sie bei der Stabübergabe konfrontiert? Christoph Baumgarten ging im Juni und ich fing im Oktober an. Insofern gab es keine direkte Stabübergabe. Jede Entscheidung und jedes Ergebnis eines Vorgängers hat seine Vergangenheit. Die grösste Herausforderung ist es, diese Vergangenheit zu verstehen. Ich bin kein Mensch, der sich eine Wertung erlaubt, wenn er den Weg zum Ergebnis nicht kennt. Christoph Baumgarten hat seine Reise unter jenen Bedingungen beschritten, die ihm zur Verfügung standen, und es ist schwierig, frühere Entscheidungen 04 / 2018 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

People Live 17 herzuleiten, wenn der Vorgänger nicht mehr da ist. Ich habe aber ein sehr gutes Team, das mich unterstützt und oftmals diese Herleitungslücke auch schliessen kann. Welche Projekte stehen demnächst im Ressort Informatik an? Wir wollen 2018 die Effizienz steigern und den administrativen Overhead zurückfahren. Wir werden unsere tägliche Arbeit, unsere Richtlinien und Frameworks anschauen und versuchen, etwas Ballast abzuwerfen. Ich finde, wir haben in den vergangenen Jahren – aus welchen Gründen auch immer – etwas viele Formalismen aufgebaut. Diese gilt es jetzt mit den Betroffenen und der Führungsebene zu reduzieren. Wenn ein Prozess passt, dann lassen wir ihn so. Wenn er aber nicht mehr passt, streichen wir ihn oder machen ihn einfacher. Die Universität St. Gallen ist ein Unternehmen mit mehr als 8500 Studenten und fast 3000 Mitarbeitern. Was muss die IT einer solchen Institution leisten können? Wir haben verschiedene Projekte am Laufen und müssen pro Jahr rund 14 600 Ticketanfragen bewältigen. Dazu kommen mehr als 28 000 Telefonanrufe am Service Desk sowie fast 2500 betreute Endgeräte. Diese Zahlen reflektieren ganz gut, was wir leisten müssen. Dazu kommt eine besondere Herausforderung. In der Privatwirtschaft ist die IT darauf ausgerichtet, beispielsweise Produktionsprozesse zu unterstützen. Wir sind viel heterogener aufgestellt. Forschung hat teilweise andere Anforderungen an eine IT als Studium und Lehre oder eine Bibliothek. Daraus resultieren verschiedene Plattformen und Systeme, die allesamt stabil laufen und in die Umgebung passen müssen. Wissenschaftler und Studierende haben hohe Ansprüche an die Mobilität. Wie begegnen Sie diesen Anforderungen bei der IT? Auf dem Campus haben wir flächendeckendes WLAN. Das ist eine Herausforderung, weil die HSG verschiedene Standorte in der Stadt hat. Wir nutzen ausserdem den Authentifizierungsdienst «Eduroam» und stellen Mitarbeitenden Notebooks zur Verfügung. Für jemanden, der sein eigenes Gerät verwenden möchte, sieht unser Bring-yourown-Device-Modell so aus, dass wir dem Nutzer einen VPN-Client installieren und prüfen, ob auf dem System die Sicherheit gewährleistet ist. Mit wenigen Ausnahmen sind damit unsere Systeme erreichbar und die Mobilität gewährleistet. Harald Rotter, Leiter Ressort Informatik, Universität St. Gallen Wie überzeugen Sie Ihre Anwender, wenn Sie neue Lösungen oder Dienste einführen wollen? Man muss hier drei Dinge trennen. Erstens kommen die Wünsche oftmals aus einem bestimmten Fachbereich und betreffen nicht die ganze Uni. Dann gibt es praktisch keine Akzeptanzprobleme, weil die Leute die Lösungen brauchen. Zweitens haben wir unsere Studenten-Administration selbst entwickelt. Das heisst, die benötigten Features www.netzwoche.ch © netzmedien ag 04 / 2018