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Netzwoche 05/2018

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18 People Live Alle

18 People Live Alle sprechen über Digitalisierung, wie weit ist es auch für die « Die ETH kann den Bedarf an Informatikern nicht allein decken » Die ETH Zürich leistet einen wichtigen Beitrag zur Digitalisierung der Schweiz. Im Interview erklärt ETH-Präsident Lino Guzzella, worin die Chancen, aber auch die Risiken der technologischen Entwicklung liegen. Um den ICT-Fachkräfte mangel zu bekämpfen, fordert er ein gesamtschweizerisches Engagement. Interview: Christoph Grau « Vielleicht fehlte uns in der Vergangenheit auch das ‹Frechheits›-Gen, um mutiger zu sein und gross zu denken. » Lino Guzzella, Präsident, ETH Zürich ETH ein Thema? Lino Guzzella: Digitalisierung ist nicht neu. Sie hat schon vor Jahrzehnten eingesetzt, als man Steuerungen von Maschinen und Anlagen durch digitale Computer ersetzte. Oder denken Sie etwa an die Beiträge von Informatikpionieren wie Niklaus Wirth, der Anfang der 70er-Jahre an der ETH die Programmiersprache Pascal und später mit Lilith einen Vorläufer des Personal Computer entwickelte. Die ETH befasst sich schon seit Langen mit digitalen Technologien. Heute hat die Digitalisierung mit der zunehmenden Vernetzung aber eine neue Qualität erreicht. Sie ist ein Querschnittsthema, das sich wie ein roter Faden durch alle ingenieurs- und naturwissenschaftlichen Disziplinen hindurchzieht. Wie will die ETH die digitale Zukunft der Schweiz aktiv mitgestalten? Es steht ausser Zweifel, dass digitale Technologien und deren wachsende Vernetzung tiefgreifende Veränderungen in Wirtschaft, Gesellschaft, ja in allen Bereichen unseres Lebens hervorrufen werden. Als eine der besten technischen Hochschulen treiben wir diesen Wandel voran und sind gleichzeitig auch davon betroffen. Unser Beitrag besteht darin, dass wir bestens qualifizierte Menschen ausbilden und über unsere Forschung und den Wissenstransfer der Schweiz helfen, die Chancen der digitalen Zukunft zu packen. Dabei legen wir grossen Wert darauf, dass unsere Studierenden nicht einfach fachlich top sind, sondern den Fortschritt kritisch reflektieren und in einem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang sehen können. Wo sehen Sie die grössten Gefahren durch die Digitalisierung für die Schweiz? Jeder technische Wandel birgt Chancen und Gefahren. Ich sehe zwei Gefahren für die Schweiz: Das Schweizer Modell mit einem starken Mittelstand, der an der Wohlstandsmehrung teilhat, ist unbedingt beizubehalten, wenn wir nicht Gefahr laufen wollen, dass sich ein digitaler Graben auftut zwischen den Gewinnern und Verlierern der Entwicklung. Zweitens besteht eine gewisse Gefahr, dass wir die Zeichen der Zeit nicht rechtzeitig erkennen und stattdessen den Wohlstand der Vergangenheit verwalten. Wir müssen aber sehen: Es gibt ein Zeitfenster, in dem wir als Gesellschaft und Volkswirtschaft agieren können, um später nicht reagieren zu müssen. Wenn wir dieses Zeitfenster ungenutzt verstreichen lassen, verspielen wir die Basis unseres Wohlstands. In einem Interview forderten Sie, dass Informatik zur fünften Landessprache werden sollte. Warum? Die jungen Menschen, die heute als «Digital Natives» aufwachsen, sollen die informationstechnischen Grundlagen hinter den Geräten und Apps verstehen, die sie täglich verwenden. Digitale Techniken werden sie ein Leben lang begleiten. Da ist es wichtig, dass man mehr als einfach Word und Powerpoint bedienen kann. Ein – stufengerechtes – Informatikverständnis verhilft zur technischen Mündigkeit. Wir wollen dazu beitragen, dass die künftigen Generationen nicht einfach Getriebene der technologischen Entwicklung sind, sondern diese gestalten und mitbestimmen können. Das ist ein Bildungsauftrag. Als eine der grössten Ausbildungseinrichtungen leistet die ETH einen grossen Beitrag zur Deckung des ICT-Fachkräftebedarfs. Macht die ETH genug, oder könnte es noch mehr sein? Unsere Absolventinnen und Absolventen sind sehr gefragt auf dem Arbeitsmarkt, und die Tatsache, dass in den letzten Jahren immer mehr ICT-Firmen in Zürich eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilungen aufgebaut haben, hat sicher auch damit zu tun. Google ist wohl das bekannteste Beispiel, aber auch Microsoft, Oracle, Facebook und Apple sind in Zürich präsent. Wir versuchen vor allem auch mehr junge Frauen für ein Informatikstudium zu gewinnen und neue Schlüsselkompetenzen zu fördern, indem wir seit Herbst 2017 mit der EPFL zusammen zum Beispiel ein Masterstudium in Datenwissenschaft anbieten. Aber die ETH kann den Bedarf an Informatikerinnen und Informatikern nicht alleine decken. Welche weiteren Akteure sehen Sie in der Pflicht, um dem Fachkräftemangel zu begegnen? Es braucht Anstrengungen auf allen Ebenen, in der Berufsbildung, in Fachhochschulen und anderen Universitäten, 05 / 2018 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

19 Lino Guzzella, Präsident, ETH Zürich damit wir in den nächsten Jahren mehr ICT-Fachkräfte ausbilden können für die KMUs, die grossen Firmen, aber auch für den öffentlichen Sektor. Welchen Beitrag können digitale Technologien für die Verbesserung von Forschung und Lehre leisten? Die Digitalisierung bringt nicht nur neue Lerntechnologien und -umgebungen, sondern verleiht auch der Didaktik neue Impulse. Mobile Geräte mit Applikationen sind auch aus dem Studienalltag nicht mehr wegzudenken. Die klassische Unterrichtszeit kann vermehrt dafür genutzt werden, das selbstständig erworbene Wissen in Übungen und Projekten zu testen. Die ETH hat ein eigenes Kompetenzzentrum, das die einzelnen Professoren in der Lehrentwicklung und dem Einsatz entsprechender Technologien unterstützt. Wie profitiert die Schweizer Wirtschaft von der Forschung an den ETHs? Von einer guten Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft profitieren beide Seiten. Wir haben einen gesetzlichen Auftrag, dies zu tun, sowohl mit grossen Firmen wie auch mit Schweizer KMUs. Es gibt hunderte Kooperationen zwischen unseren Professorinnen und Professoren und der Industrie. Um nur ein Beispiel zu neh- www.netzwoche.ch © netzmedien ag 05 / 2018