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Netzwoche 05/2018

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26 Best of Swiss Web

26 Best of Swiss Web Titelgeschichte Offenheit, Agilität, Vertrauen: Das brauchen Webprojekte heute Die Digitalisierung verändert die Entwicklung von Webprojekten. Komplexität, Technik und agile Entwicklungsmethoden stellen Auftraggeber und Agenturen vor neue Herausforderungen. Die Redaktion fragte beide Seiten, wie sie heute zusammenarbeiten, damit Projekte zum Erfolg führen. Autoren: Oliver Schneider, Marcel Urech « Gerade in einem agilen Umfeld ist eine enge Zusammenarbeit zwischen Kunde und Team ein Muss. » Nina Braschler, Senior Principal Project Manager bei Namics Artikel online auf www.netzwoche.ch Webcode DPF8_84643 Die Redaktion hat Auftragnehmer und Auftraggeber von Webprojekten zu Kommunikation und Kooperation befragt. Jung von Matt/Limmat, Liip, Namics sowie Coop, Migros, Sunrise und Graubünden Tourismus antworteten. Zusammenarbeit bedinge Vertrauen und Kommunikation auf Augenhöhe, sagt Nina Braschler, Senior Principal Project Manager bei Namics. Die Agentur integriere Kunden in Projektteams, damit sie stets den Überblick behalten. «Gerade in einem agilen Umfeld ist eine enge Zusammenarbeit zwischen Kunde und Team ein Muss.» Auch Jenny Zehnder, Verantwortliche für Marketing und Kommunikation bei Liip sagt, dass Projekte auf Vertrauen beruhen. Kommunikation, Teamarbeit und offener Austausch seien für die Entwicklung digitaler Produkte unabdingbar. «Nur so kann eine gemeinsame Vision entstehen, für die sich alle im Projekt involvierten Personen einsetzen.» Roman Hirsbrunner, CEO von Jung von Matt/Limmat, sagt: «Wir lieben Kunden, die das Bedürfnis haben, Neues auszuprobieren und unsere Überzeugung teilen, dass man Grosses nur gemeinsam erreichen kann.» Zusammenarbeit basiere auf Respekt, Offenheit und Spass. Die grössten Herausforderungen der Zusammenarbeit Verfügbarkeit und Transparenz sind laut Namics Herausforderungen. Der Kunde nehme wichtige Funktionen ein, zum Beispiel die Rolle des Product Owner. Das verlange Commitment. Diskussionen gebe es, wenn die Kultur nicht dem digitalen Zeitgeist entspreche – etwa wenn eine Fehlerund Feedback-Kultur fehle. Laut Liip ist es wichtig, Erwartungen zu managen. Der Auftragnehmer müsse den Mut haben, Risiken früh anzusprechen. Arbeiten Auftraggeber und Auftragnehmer enger zusammen als früher? Nicht zwingend, sagt Namics. Man habe schon immer eng kooperiert. Auch Liip erkennt eine Korrelation zwischen Zusammenarbeit und Projekterfolg. Entwicklungsmethoden mit kurzen Iterationen seien förderlich. Laut Jung von Matt/Limmat ist die Zusammenarbeit noch immer nicht eng genug. «Die offenen Fragestellungen von heute und morgen bedingen einen sehr viel engeren Austausch als früher.» «Der digitale Wandel stellt nicht nur Industrien und Geschäftsmodelle vor neue Herausforderungen», schreibt Namics. Firmen müssten flexibler werden. Dass einige Berührungsängste mit Methoden wie Scrum haben, sei nicht verwunderlich. Auftraggeber würden oft Sicherheiten vertraglich festlegen wollen, schreibt Liip. Auftragnehmer stellten hingegen Freiheit und Flexibilität in den Vordergrund. Erfolg hat, wer die gleiche Sprache spricht Wie stellen Agenturen sicher, dass Auftraggeber und Auftragnehmer die gleiche Sprache sprechen? «Das war und ist eine der grössten Herausforderungen», sagt Namics. Oftmals versteckten sich hinter Aussagen auch nicht ausgesprochene Erwartungen. Empathie und die Ansprache von Problemen sollen helfen, wie auch eine Wiederholung der Ergebnisse vor allen Beteiligten und das schriftliche Festhalten von Vereinbarungen. Bei Liip sind Personen, die einen Deal abschliessen, meist im Projekt dabei. So sprächen nicht nur die Projektleiter die gleiche Sprache. Jung von Matt/Limmat legt Wert darauf, dass man über Chancen und Gefahren spricht. Beim Stakeholder-Management müssten Agenturen dazulernen. Oft entscheide nicht der Inhalt über den Erfolg, sondern wie gut man Konzepte intern verankern könne. Man habe darum die Funktion Client Director eingeführt. Kommunikation im agilen Umfeld sei transparent und direkt, sagt Namics. Agile Methodik löse Probleme, bevor sie auftreten. Ein gutes Gefäss sei die Retrospektive: Meetings, um gemeinsam die Zusammenarbeit zu optimieren. Laut Liip verlieren Konzeptpapiere an Bedeutung. Vielen Auftragnehmern fehle es in agilen Projekten an Sicherheit. Es sei aber meist möglich, Bedürfnisse kurzfristig anzupassen. Eine konstante Neupriorisierung bringe alle weiter und mache Projekte schneller und erfolgreicher. Oft sind mehrere Agenturen und Auftraggeber am Projekt beteiligt. Das führe meist zu besseren Lösungen, sagt Hirsbrunner. Rollen, Zuständigkeiten und Prozesse müssten aber klar sein. Dass man manchmal Unterstützung benötige, sei kein Problem, sagt Namics. Die Umsetzung mit mehreren Parteien sei herausfordernd. Die Inte gration in ein agiles Team und Tools wie Jira und Wiki würden aber helfen. Laut Liip steigert jede zusätzliche Partei die Komplexität eines Projekts. Selbst mit der Illusion idealer Kommunikation gebe es viele Abhängigkeiten. Für Namics lauern die 05 / 2018 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Illustration: sergiibobliakh / fotolia.com grössten Gefahren in sich konkurrierenden Projektzielen. Etwa bei sportlichen Deadlines, obwohl eine neue Technologie zum Einsatz komme. Das berge die Gefahr, dass weder der Kunde noch die Agentur genügend Zeit habe, um Erfahrungen zu sammeln. «Die Gefahren sind die gleichen wie früher», schreibt Jung von Matt/Limmat: Falsche Zielvorstellungen, fehlendes Know-how, Teamfit und fehlerhaftes Erwartungsmanagement. In einer sich schnell verändernden Welt mit heterogenen Aufgabenstellungen sei es wichtig, gemeinsam Zeit und Hirn in das «How» zu investieren und sich nicht nur mit dem «What» auseinanderzusetzen. Liip weist darauf hin, dass auch Fixed-Scope- und Fixed-Price-Verträge gefährlich seien. Sie würden nicht mehr Sicherheit schaffen, sondern Komplexität und Kosten erhöhen. Agenturen müssen die Kunden der Kunden verstehen Gemäss einer 2017 durchgeführten Umfrage der Entwicklerplattform «Stackoverflow» ist die Kundenzufriedenheit für Entwickler das wichtigste Mass, um ihre Leistung zu messen. Wir haben Schweizer Firmen nach ihren Erfahrungen bei der Umsetzung von Webprojekten befragt. Clemens Bartlome, Leiter Produkt- und Erlebnismarketing bei Graubünden Tourismus, sieht als Voraussetzung für eine gute Partnerschaft, dass die Agentur die Anforderung des Auftraggebers erfüllt und qualitativ hochstehende Arbeit leistet. Für die anderen Firmen ist eher die Art der Zusammenarbeit wichtig. Coop wünscht sich eine «partnerschaftliche und gegenseitig befruchtende» Kooperation. Für Sunrise steht Vertrauen und enge Zusammenarbeit im Vordergrund. Die Agentur müsse die Kunden des Unternehmens kennen und den Auftraggeber inspirieren können. Für Migros sind Nachhaltigkeit und Effizienz wichtig. Austausch verhindert Kulturkonflikte Coop und Migros sehen eine Herausforderung darin, trotz Kostendruck und mehr technischer Möglichkeiten mit den Agenturen ein schlüssiges Produkt zu schaffen. Auftragnehmer müssten heute flexibel auf wechselnde Kundenanforderungen reagieren können, fordert Migros. Sunrise sieht vor allem bei der Agilität Nachholbedarf. Viele Agenturen würden noch mit «alten Offline-Regeln» arbeiten, was genaue Briefings bedinge. «Es fehlt die Innovationskraft, die aber gerade den Mehrwert bietet», schreibt Sunrise. Eine Herausforderung besteht in den unterschiedlichen Unternehmenskulturen. Bartlome bringt die Sache auf den Punkt: «Die Agentur ist dem Kunden verpflichtet und der Kunde dem Endkonsumenten.» Auftraggeber wünschen sich Entwickler, die kulturell zu ihnen passen und die gleiche Sprache sprechen. Sunrise berücksichtige diesen Aspekt bereits bei der Auswahl der Agentur. Damit diese ein Verständnis für die Bedürfnisse der Endkunden entwickeln können, lädt der Telko die Entwickler ein, Zeit mit der «Frontline» zu verbringen – etwa mit dem Kundenservice. Coop nimmt die kulturellen Unterschiede generell nicht als Problem wahr. Durch einen regelmässigen Austausch, klare Verantwortlichkeiten und Verständnis der gemeinsamen Aufgaben könne die Kooperation bewerkstelligt werden. Enge Kooperation als Voraussetzung für Erfolg Bei der Frage, ob Agenturen heute enger mit den Auftraggebern zusammenarbeiten, gehen die Meinungen auseinander. Graubünden Tourismus sieht keine solche Tendenz. Die anderen Befragten sagen, dass die Bande zwischen den Partnern stärker geknüpft seien als früher. Für Migros und Sunrise ist eine enge Zusammenarbeit im digitalen Bereich zwingend, um auf Veränderungen reagieren und mit der Komplexität umgehen zu können. «Wir sind darauf angewiesen, dass unsere Agenturen mit der Dynamik Schritt halten», schreibt Migros. Auch zum Thema Full-Service-Agentur oder Spezialisten gibt es verschiedene Ansichten. An spezialisierten Agenturen schätzen die Unternehmen, mehr Kontrolle bei der Umsetzung zu haben. Dadurch steige zwar der Aufwand zur Koordination, doch könne man aus mehr Diversität auch ein Mehr an Schubkraft für das Projekt herausholen, schreibt etwa Sunrise. Wichtiger als die Entscheidung zwischen Full-Service- oder Spezialagentur war für die befragten Unternehmen, passende Partner zu finden, eine effiziente Zusammenarbeit zu realisieren und sich über die Ziele des Projekts im Klaren zu sein. « Die offenen Frage stellungen von heute und morgen bedingen einen sehr viel engeren Austausch als früher. » Roman Hirsbrunner, CEO von Jung von Matt/Limmat www.netzwoche.ch © netzmedien ag 05 / 2018