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Netzwoche 08/2018

Thomas Zwahlen

Thomas Zwahlen organisierte das DEF zum ersten Mal. Regierungsrätin Carmen Walker Späh: «Packen wir die Digitalisierung mit Zuversicht und Mut an!» Joachim Buhmann forscht an der ETH Zürich an neuronalen Netzen. Mensch und Maschine im Wettstreit um die digitale Zukunft Das Digital Economic Forum 2018 hat ganz im Zeichen der künstlichen Intelligenz gestanden. Experten aus Wirtschaft und Forschung zeigten dem Publikum ihre Sicht auf das Thema. Die Referenten waren sich über Möglichkeiten und Risiken der digitalen Disruption nicht immer einig. Autor: Oliver Schneider Machine Learning, neuronale Netze und selbstlernende Algorithmen – der intelligente Computer stand im Zen trum der Aufmerksamkeit am vierten Digital Economic Forum (DEF), das am 24. April in Zürich über die Bühne ging. Rund 200 Besucher folgten der Einladung der Veranstalter, wie Gastgeber Thomas Zwahlen, der das DEF zum ersten Mal organisiert hatte, zum Auftakt sagte. Begrüsst wurden die Besucher von Regierungsrätin Carmen Walker Späh, die das Forum im Namen der Zürcher Behörden eröffnete. Zürich sei ein idealer Ort, um über digitale Herausforderungen zu diskutieren, sagte Walker Späh. Die Stadt sei eine wichtige Grösse in der ICT-Branche und führend bei der Digitalisierung. Hier gebe es ausser zwei Hochschulen und zahlreichen Unternehmen auch Platz für Innovationen wie den Blockchain-Hub «Trust Square». Die Digitalisierung biete allerdings nicht nur Chancen, sie löse auch Anpassungsdruck und Unbehagen aus. Unternehmen müssten ihre Geschäftsmodelle überdenken. Arbeitnehmer stünden vor der Aufgabe, sich weiterzubilden. Die Politik sei gefordert, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Digitalisierung mit Augenmass Als Moderator des Digital Economic Forum fungierte in diesem Jahr Stephan Klapproth. Mit Witz und Anekdoten aus der IT-Geschichte führte der ehemalige Sprecher der Nachrichtensendung «10 vor 10» durch die Veranstaltung und verlor dabei auch ihr Motto nicht aus den Augen: die digitale Disruption verstehen und nutzen. Hinweise, wie sich dies umsetzen lässt, gab Stephan Sigrist, Leiter des « Computer aus – Gehirn an! » Stephan Sigrist, Leiter des Think Tanks W.I.R.E. Artikel online auf www.netzwoche.ch Webcode DPF8_89811 Think Tanks W.I.R.E. Die Digitalisierung schaffe viele neue wirtschaftliche Möglichkeiten, sie werfe aber auch Probleme auf, die von der Gesellschaft behandelt werden müssten. Dabei gehe es nicht um neue Technologien, sondern um die Anpassung an Strukturen. Der digitale Wandel sei 2018 nicht mehr eine Vision, sondern längst eine Normalität, mit der man sich auseinandersetzen müsse. Unser Grundproblem mit der Digitalisierung besteht darin, dass wir bereits in einer Vorstellung über die digitale Zukunft festsitzen, wie Sigrist sagte. Überall werde wie ein Mantra wiederholt, dass alles digital disruptiert werde. Doch dieses mythische Verständnis greife zu kurz, auch weil Prognosen zur Technik der Zukunft meist sehr zu wünschen übrig liessen. Stattdessen forderte Sigrist einen «neuen Lösungsansatz im Umgang mit der digitalen Zukunft». Dieser umfasse einen ganzheitlichen, nüchternen Blick. Unter dieser Perspektive werde etwa deutlich, dass die herrschende Angst vor der Automatisierung übertrieben sei, denn nicht alles werde digitalisiert. Auch könne digitale Technologie nicht per se alle Probleme lösen. Sie liefere vielmehr das Fundament, auf dem über die Anwendungen zum Vorteil von Gesellschaft und Wirtschaft nachgedacht werden könne. Zum Abschluss seines Referats plädierte Sigrist für eine «Aufklärung des 21. Jahrhunderts», in der Menschen und die Gesellschaft im Zentrum von Innovation stünden und es auch mal heisse: «Computer aus – Gehirn an». Auf der Suche nach den IT-Stars von morgen Lukas Sieber will als Mitbegründer der Plattform «Mindfire» der KI-Forschung neuen Schwung verleihen. Denn 08 / 2018 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Moderator Stephan Klapproth (l.) unterhielt sich mit Andrew Garrihy, Chief Marketing Officer Consumer Business Western Europe von Huawei, über KI und Smartphones. «noch ist nichts an KI intelligent», sagte er. Mindfire soll einst Talente aus der KI-Foschung zusammenbringen und so die Frage beantworten, was Intelligenz eigentlich sei. Mindfire setzt dazu auf die Blockchain. Eine Technologie, mit der Sieber als Executive Director North America der Greater Zurich Area in den letzten Jahren oft in Kontakt kam. Sein Job, Firmen zum Umsiedeln in die Schweiz zu bewegen, sei im harten Standortwettbewerb normalerweise nicht einfach, sagte Sieber. Bei Blockchain-Start-ups sehe das allerdings anders aus. Die Zahl entsprechender Anfragen sei geradezu explodiert, das globale Medieninteresse am Crypto Valley quasi Gratiswerbung für den IT-Standort Schweiz. Dazu komme, dass die Schweiz ein Bild von sich vermittle, das sehr gut zu den Versprechen der Blockchain wie Dezentralisierung und Eigenverantwortung passe. «Die Welt wurde high auf Blockchain und Crypto», sagte Sieber. Doch davon dürfe man sich nicht zu stark beeindrucken lassen: «Ich kann Ihnen versichern, das meiste davon ist Schrott.» Ausserdem sei die Technologie langsam, sperrig und bringe noch relativ wenig Nutzen. Die Kunst bestehe deshalb darin, aus dem Rauschen diejenigen Anwendungen der Blockchain zu finden, die wirklich einen Mehrwert generierten. Allerdings stünden wir aktuell noch ganz am Anfang und seien vom produktiven Einsatz womöglich noch Jahrzehnte entfernt. Machine Learning aus China und Zürich Mit Andrew Garrihy war der Chief Marketing Officer Consumer Business Western Europe von Huawei Gast am Digital Economic Forum. Garrihy stellte den chinesischen Hersteller vor und zeigte, wo er aktuell mit und an KI arbeitet. Ziel von Huawei sei es, KI-Anwendungen zu entwickeln, die den Menschen einige der vielen tausend Entscheidungen abnehmen könnten, die sie jeden Tag treffen müssten. Realisiert hat Huawei diesen Anspruch gemäss Garrihy in seinen Smartphones mit einem eigenen Neural-Processing- Chip. Mit dessen Hilfe könnten die Handys Objekte auf Bildern erkennen. Dies helfe nicht nur beim Fotografieren mit der Smartphone-Kamera, es versetze das Gerät auch in die Lage, als Gehirn eines selbstfahrenden Autos zu fungieren. In die Welt der KI-Forschung ging es mit Joachim Buhmann, Vorsteher des Institute for Machine Learning an der ETH Zürich. Buhmann verdeutlichte den Zusammenhang zwischen Algorithmen, Big Data und neuronalen Netzen. Bei letzteren sei der Clou, dass sie sich mittels Daten selbst trainieren und verbessern könnten. Wie das konkret funktioniert, zeigte Buhmann anhand eines Beispiels aus der Medizin. Im Umgang mit Patienten werde eine riesige Menge unterschiedlichster Daten produziert. Die Herausforderung bestehe darin, aus diesen Daten das für die Behandlung relevante Wissen zu extrahieren. Bislang geschehe dies über die Ärzte – gewissermassen aus schlecht gewarteten und wenig zuverlässigen Datenbanken, wie Buhmann sie nannte. Mit sich selbst verbessernden Algorithmen werde der Computer künftig nützliches Wissen besser schaffen können, als es menschliche Mediziner heute können, ist Buhmann überzeugt. Das gelte auch für andere Disziplinen, bei denen sich menschliche Denkvorgänge durch KI abbilden liessen. Auch die Wissenschaft selbst sei davor nicht gefeit, der selbst forschende Computer also nur noch eine Frage der Zeit. Themen und Networking als Stärken Das Digital Economic Forum 2018 (DEF) bot verschiedene Sichtweisen auf die künstliche Intelligenz. Gastgeber Zwahlen wollte mit dem Schwerpunkt auf die Referate einen stärkeren roten Faden in die Veranstaltung bringen, wie er sagte. Es gehe ihm darum, Forschung, Bildung und Praxis zusammenzubringen. Die Rückmeldungen seien «ausserordentlich positiv» gewesen, sagte Zwahlen nach der Veranstaltung. Die Schärfung auf Informatikthemen und die Digitalisierung würden wahrgenommen und geschätzt. Mit der Networkingmöglichkeit sei das DEF auch dem Anspruch gerecht geworden, den Menschen ins Zentrum zu stellen. «Die Organisation als Ganzes und vor allem die Verpflichtung von hochkarätigen Referenten in der kurzen zur Verfügung stehenden Zeit seit der Übernahme des DEF war herausfordernd», so Zwahlen weiter. «Dank der Unterstützung meines Boards ist uns das aber in hoher Qualität gelungen.» Das nächste DEF findet laut Veranstalter am 9. Mai 2019 statt. Inhaltlich werde es wieder das Spektrum von Forschung über Entwicklung bis zur Praxis abdecken. Der Anlass wird laut Zwahlen wieder in der Stadt Zürich durchgeführt. « Die Welt wurde high auf Blockchain und Crypto. » Lukas Sieber, Co-Founder von Mindfire und Executive Director North America, Greater Zurich Area www.netzwoche.ch © netzmedien ag 08 / 2018