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Netzwoche 08/2018

28 Web Studie

28 Web Studie Gemeinwohl-Atlas Schweiz: Doodle sticht Facebook aus Eine Studie der Universität St. Gallen und der Handelshochschule Leipzig hat erstmals den Gemeinwohlbeitrag der Digitalwirtschaft unter die Lupe genommen. Dabei zeigte sich, dass Schweizer Digitalunternehmen einen grösseren Beitrag leisten als internationale Digitalunternehmen. DIE AUTOREN Die konsequente Ausrichtung am Gemeinwohl ist daher in einem zunehmend komplexer werdenden Umfeld, das von stärkerer Digitalisierung geprägt sein wird, ein wichtiger Wegweiser für die strategische Ausrichtung von Unternehmen. Carolin Hermann Verantwortliche für Unternehmensprojekte am Center for Leadership and Values in Society der Universität St. Gallen Timo Meynhardt Managing Director des Center for Leadership and Values in Society der Universität St. Gallen und Inhaber des Dr. Arend Oetker Lehrstuhls für Wirtschaftspsychologie und Führung an der HHL Leipzig Graduate School of Management Katarina Stanoevska-Slabeva Titularprofessorin und Managing Director am Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement Die fortschreitende Digitalisierung bringt fundamentale Veränderungen mit sich und wirft Fragen auf gesellschaftlicher und politischer Ebene auf. Der Umgang mit personenbezogenen Daten, der zunehmende Einsatz von künstlicher Intelligenz und Algorithmen bei der Verarbeitung verhaltensbezogener Daten, schüren nicht nur Ängste bei Arbeitnehmern, sondern führen zu einer allgemeinen Verunsicherung in der Bevölkerung. Allerdings ist weder Fortschrittsfeindlichkeit noch Technikeuphorie angebracht. Um Transparenz und Vertrauen zu schaffen und der Benachteiligung gesellschaftlicher Gruppen entgegenzuwirken, müssen Politik und Gesellschaft mit einbezogen werden. Allen voran ist dies auch eine Aufgabe von meist noch relativ jungen Unternehmen mit digitalen Geschäftsmodellen wie etwa Doodle oder Facebook. Die Diskussion dazu hat auch innerhalb der Branche begonnen: Stichwort: «Zuckerbergs Zweifel» («Der Spiegel», 14/2017). Hier kommt die Frage nach den Auswirkungen aufs Gemeinwohl ins Spiel. Dabei geht es um die allen gemeinsame Infrastruktur, die es dem Einzelnen ermöglicht, sein Leben zu gestalten, in Gruppen aktiv zu werden und sich dabei zu entwickeln. Das Gemeinwohl wird durch Unternehmen gefördert, wenn Menschen die Erfahrung machen, dass die Produkte und Dienstleistungen positiv auf die Gesellschaft einwirken und das Miteinander stärken. Beitrag der Firmen fürs Gemeinwohl Handlungen von Unternehmen müssen über die Interessen einzelner Stakeholdergruppen hinausgehen und die Gesellschaft als Ganzes involvieren, um gemeinsam nicht nur sozial verträgliche, sondern gemeinwohlförderliche Lösungen zu finden. Dies gilt mit Blick auf die Digitalwirtschaft ganz besonders, weil ein Mehr an Digitalität im Alltagsleben zu einer Veränderung von Lebensverhältnissen und damit der sozialen Infrastruktur führen kann. Doch wie sieht das die Bevölkerung selbst? Der Gemeinwohl-Atlas, eine Studie zum Gemeinwohlbeitrag von Unternehmen und Organisationen in der Schweiz, versucht genau diesen Austausch zu fördern und schafft dafür eine Datenbasis. Die bevölkerungsrepräsentative Befragung, die im Zeitraum zwischen Mai und Juni 2017 in der deutsch-, französisch- und italienischsprachigen Schweiz mit 14 500 Befragten durchgeführt wurde, verfolgt das Ziel, den Gemeinwohlbeitrag von Unternehmen und Organisationen in der Schweiz aus Sicht der Be- i ÜBER DIE STUDIE Die Gemeinwohl-Atlas-Studie ist ein Projekt des Centers for Leadership and Values in Society der Universität St. Gallen in Kooperation mit der Handelshochschule Leipzig. 2017 wurden 106 Unternehmen und Organisationen in der Schweiz von einer bevölkerungsrepräsentativen Stichprobe im Hinblick auf ihren Gemeinwohlbeitrag bewertet. Mit 14 500 Befragten stellt die Studie schweizweit die grösste Befragung zum Gemeinwohlbeitrag von Unternehmen und Organisationen in der Schweiz dar. Die Ergebnisse der dritten Gemeinwohl-Studie sind unter www.gemeinwohl.ch abrufbar. Die Befragten bewerteten Organisationen und Unternehmen nach Sicherstellung ausreichender Bekanntheit. In der Gemeinwohl-Atlas-Studie 2017 wurden zum ersten Mal neben internationalen digitalen Unternehmen auch nationale berücksichtigt. In der Schweiz liegen innerhalb der Branche Doodle, Local.ch und Comparis.ch ganz vorn (Grafik rechte Seite). Artikel online: www.netzwoche.ch ▸ Webcode DPF8_90435 08 / 2018 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Web Studie 29 völkerung transparent zu machen. Dabei wird der Gemeinwohlbeitrag einer Organisation anhand von vier Dimensionen ermittelt. Auf einer Skala von 1 (lehne ab) bis 6 (stimme zu) wird dabei erfasst, inwieweit eine Organisation zum Gemeinwohl in vier Dimensionen beiträgt: Aufgabenerfüllung («leistet im Kerngeschäft gute Arbeit»), Lebensqualität («trägt zur Lebensqualität in der Schweiz bei»), Zusammenhalt («trägt zum Zusammenhalt in der Schweiz bei») und Moral («verhält sich anständig»). Diese vier Gemeinwohldimensionen bilden den Rahmen für die Bewertung. Dabei erfolgt keine Einschränkung dessen, was als gesellschaftlich wertvoll angesehen wird, um der Vielfalt der individuellen Erfahrungswelten gerecht zu werden. Das Urteil, wer zum Wohl der Gesellschaft beiträgt und wodurch, sollte allein von der Einschätzung der Bevölkerung abhängen. BEITRAG DER IT-UNTERNEHMEN ZUM GEMEINWOHL IN DER SCHWEIZ 2017 1. Doodle > Median = 4,29 2017 2. local.ch > 3. Comparis.ch > 4. jobs.ch > 5. ricardo.ch > Gemeinwohl Aufgabenerfüllung 4,71 5,29 – 4,62 4,99 – 4,57 5,00 – 4,47 4,81 – Zusammenhalt 4,22 4,22 3,89 3,92 Lebensqualität 4,25 4,28 4,52 4,41 Moral 5,11 4,97 4,86 4,76 Die Sorge ums Gemeinwohl ist hoch in der Bevölkerung und hat im Laufe der letzten Jahre zugenommen. 6. Anibis.ch > 7. Google > 4,30 – 4,29 – 4,82 4,71 3,66 3,76 3,93 3,92 4,80 4,77 8. Microsoft > 4,13 3,96 4,83 3,42 4,16 4,09 Insgesamt machen die Ergebnisse der Gemeinwohl-Atlas- Studie deutlich, dass es multinationale Firmen wie Google, Facebook und IBM schwerer als Schweizer Digitalunternehmen haben, zum Gemeinwohl in der Schweiz beizutragen. So konnte zum Beispiel im Vergleich zu 2015 Facebook seinen Gemeinwohlbeitrag zwar deutlich steigern (+11 Prozent), insbesondere seinen Beitrag zum Zusammenhalt (+13,7 Prozent), bildet aber dennoch das Schlusslicht der digitalen Unternehmen. Auch Google konnte seinen Gemeinwohlbeitrag in den letzten Jahren erhöhen, wird jedoch wie Facebook und Microsoft insbesondere in der Dimension Anstand geringer als andere Unternehmen der Branche bewertet. Dies lässt sich über alle Altersgruppen hinweg beobachten. Hohe Bekanntheit und Präsenz im Alltag übersetzt sich demnach nicht unbedingt in Wertschätzung in der Bevölkerung. Mehrheit um Gemeinwohl besorgt Setzt man die Besten der Branche ins Verhältnis zu anderen Sektoren, NGOs und Vereinen, so erreichen deren Werte keine Spitzenergebnisse, aber sie finden sich im oberen Drittel. Generell differenziert die Bevölkerung sehr genau und misst dem Thema eine grosse Bedeutung bei. Die Sorge um das Gemeinwohl ist hoch in der Bevölkerung und hat im Laufe der letzten Jahre zugenommen. 73 Prozent der Befragten geben an, dass sie besorgt seien, dass dem Gemeinwohl in der Schweiz zu wenig Beachtung geschenkt werde – dies sind 12 Prozent mehr als 2015. Gleichzeitig sehen 92 Prozent der Befragten Unternehmen in der Verantwortung, zum Gemeinwohl beizutragen 9. Autoscout24 > 10. IBM > 11, Facebook > Für die vier Kerndimensionen errechnet sich die Verteilungskurve, die als «Violin Plot» bezeichnet wird, durch Interpolierung der Antwortpunkte für jede Bewertung. Zur Visualisierung des Gemeinwohl-Beitrags werden die einzelnen Werte in Punkte umgerechnet und mittels der Methode der Kerndichteschätzung und unter Anwendung des Epanechnikow-Kerns in eine Kurve übertragen. Je grösser die Abweichung der Linie des gesamten Gemeinwohl-Beitrags von der jeweiligen Dimensionsfläche ist, umso mehr weicht die betreffende Dimension von der Gesamtbewertung der Organisation ab. Quelle: www.gemeinwohl.ch und dabei ein hohes Potenzial für digitale Unternehmen. (Gemeinwohlbeitrag IT: 4,51; Potenzial, das bei IT-Unternehmen gesehen wird, zum Gemeinwohl beizutragen: 4,81). In Anbetracht dieser Ergebnisse sollten Unternehmen mit digitalem Geschäftsmodell eine Vorreiterrolle einnehmen und sich aktiv in einen Dialog mit Politik und Gesellschaft einbringen, um Skepsis gegenüber digitalen Innovationen entgegenzutreten und den gesellschaftlichen Fortschritt zu fördern. 4,07 3,87 4,06 – 3,95 3,92 3,46 3,12 4,69 4,69 4,63 4,02 3,40 3,24 3,16 3,32 4,01 3,68 3,73 3,05 4,19 4,65 4,26 3,46 www.netzwoche.ch © netzmedien ag 08 / 2018