Aufrufe
vor 2 Monaten

Netzwoche 12/2017

  • Text
  • Unternehmen
  • Schweiz
  • Schweizer
  • Netzmedien
  • Webcode
  • Digitalisierung
  • Gesellschaft
  • Nationalrat
  • Citrix
  • Hana

12

12 Business Nachgefragt «Wir sind uns bewusst, dass es diesen Konflikt mit Abacus gibt» Abraxas und des Verwaltungsrechenzentrum St. Gallen (VRSG) wollen fusionieren, wie die beiden Unternehmen am 15. Juni verkündeten. Daraus entsteht ein neues Unternehmen mit 800 Mitarbeitenden. Abraxas-CEO Reto Gutmann erklärt im Interview, warum sich die Firmen zu diesem Schritt entschieden haben und welche Vorteile es bringen wird. Interview: Marc Landis Wie haben die Mitarbeitenden reagiert, dass Abraxas und VRSG fusionieren wollen? Reto Gutmann: Mein Eindruck war, dass die Mitarbeitenden die Notwendigkeit und die Hintergründe gut verstehen, warum wir das machen. Was bedeutet die Fusion für Sie als designierter CEO des fusionierten Unternehmens? Ich finde es eine tolle Geschichte. Wir werden der führende IT-Anbieter für die öffentliche Hand. Wir bauen eine geballte Kraft auf, die Signalwirkung haben wird. Es bedeutet aber auch viel Arbeit. Wird es nach der Fusion Entlassungen geben? Nein, es ist ganz klar nicht geplant, Leute zu entlassen. Natürlich wird sich im einen oder anderen Bereich die Frage der Synergien stellen. Da müssen wir uns nichts vormachen. Wir gehen aber davon aus, dass sich diese Fälle mit natürlicher Fluktuation erledigen werden. Darum auch unser Commitment, das wir an der Informationsveranstaltung gaben, dass jeder, der bereit ist, sich zu verändern, in der neuen Firma einen Platz haben wird. Reto Gutmann, CEO von Abraxas. Wie muss man sich die Fusion im Detail vorstellen? Es gibt zwei Schritte: Wir gründen die Abraxas VRSG Holding als technisches Vehikel, mit dem wir die ganzen Transaktionsprozesse abwickeln. Damit werden wir aber nicht am Markt auftreten. Das Ziel ist dann, möglichst schnell Anfang des nächsten Jahres mit der fusionierten Gesellschaft loszulegen, die auch unter einem neuen Brand auftreten wird. Die Portfolios von Abraxas und VRSG ergänzen sich ja recht gut. Wo genau sehen Sie Synergiepotenzial zwischen den beiden Firmen? Mit der neuen Firma haben wir bei den Prozessen vom Bürger über die Gemeinde bis hin zum Bund alle Kompetenzen durchgängig im eigenen Haus. Beide Firmen sind bereits punktuell in diesen Bereichen tätig. Mit der Fusion können wir mit unseren Lösungen die öffentliche Hand aber erstmals wirklich auf ganzer Linie unterstützen. Was bedeutet die Fusion von Abraxas und VRSG für den Streit zwischen Abacus und den Gemeinden, die IT-Dienstleistungen vom VRSG beziehen? Wir sind uns bewusst, dass es diesen Konflikt mit Abacus gibt. Und es ist klar ein Thema, um das wir uns nach Abschluss der Angebotsfrist kümmern werden. Sie werden CEO des fusionierten Unternehmens sein. Was macht dann VRSG-Geschäftsführer Peter Baumberger? Er wird einerseits als stellvertretender CEO das Integrationsprojekt leiten. Wir rechnen damit, dass dieses Projekt bis zu drei Jahre laufen wird. Und andererseits wird er Ansprechpartner für die Gemeinden bleiben. « Wir bauen eine geballte Kraft auf, die Signalwirkung haben wird. » Reto Gutmann, CEO, Abraxas Mit der Fusion konsolidieren Sie auch ein Stück weit den Markt. Was versprechen Sie sich davon? Die Kompetenzen von Abraxas und VRSG ergänzen sich gut. Jeder profitiert vom anderen und wir können damit unseren Kunden mehr Dienstleistungen aus einer Hand anbieten. Das nützt den Kunden. Abraxas und VRSG haben gemeinsame Kunden, die heute natürlich noch getrennt betreut werden. In Zukunft werden solche Kunden nur noch einen Ansprechpartner haben. Artikel online auf www.netzwoche.ch Webcode DPF8_45688 12 / 2017 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Business Nachgefragt 13 «Die abnorme Monopolsituation in St. Gallen wird ausgebaut» Abacus-CEO Claudio Hintermann sieht den Zusammenschluss des VRSG und Abraxas äusserst kritisch. Seine Firma befindet sich seit Längerem in einem gerichtlichen Streit mit dem VRSG. Sein Vorwurf: Es habe keine fairen öffentlichen Ausschreibungen gegeben. Hintermann findet daher deutliche Worte. Interview: Marc Landis « Die abnorme Monopolsituation in St. Gallen wird nicht nur zementiert, sondern ausgebaut. » Claudio Hintermann, CEO, Abacus Wie schätzen Sie die Fusion von Abraxas und VRSG ein? Claudio Hintermann: Es ist ein Befreiungsschlag des VRSG, der sich in den letzten Jahren immer mehr verschuldete und damit rechnen musste, dass die Gerichte die jahrzehntelange Praxis, IT-Projekte nicht auszuschreiben, wahrscheinlich stoppen würden. Welche Auswirkungen wird die Fusion Ihrer Einschätzung nach für die Softwarebranche in der Schweiz haben? Wenn die Ausschreibungsregeln eingehalten würden, wenig. Aber das wird sicher noch weniger der Fall sein als in der Vergangenheit. «Alles aus einer Hand» bedeutet nun sicher vermehrt freihändige Vergaben, oder dass so ausgeschrieben wird, dass nur noch «eine» Hand infrage kommt. Die abnorme Monopolsituation in St. Gallen wird nicht nur zementiert, sondern ausgebaut. Somit haben wir jetzt in St. Gallen die absurde Situation, dass sich die öffentliche Hand eine 800-Mann-Firma leisten will, die nicht nur die verschiedenen Softwareprodukte, die das VRSG bisher wahrscheinlich weiterhin ohne Ausschreibung im Ausland einkauft, sondern auch die verschiedenen Softwarefirmen, die hier im Kanton produzieren, bewusst ausschaltet. «IT rockt» (Slogan einer Kommunikationskampagne des ICT- Clusters der «St.GallenBodenseeArea», Anm. d. Red.) sollte vielleicht neu «IT bockt» heissen. Keinen Bauer im Kanton St. Gallen behandelt man so schlecht wie uns. Denn niemand würde sich trauen, einem Bauern zu verbieten, die Milch im eigenen Kanton zu verkaufen und dies mit der Ausrede, es müsse alles aus einer Hand kommen ... und man wolle keine Schnittstellen. i ZUR EINORDNUNG VRSG-Geschäftsführer Peter Baumberger hat in einem Interview Teile der Anschuldigungen von Abacus-CEO Claudio Hintermann relativiert. Insbesondere bestreitet Baumberger die Absichten, ein Monopol bilden zu wollen. Ausserdem wirft er Hintermann vor, bei den Kosten Äpfeln mit Birnen zu vergleichen. Denn das VRSG verkaufe ein ganzes Dienstleistungspaket und nicht nur Softwarelizenzen wie Abacus. Artikel online Das Interview mit Peter Baumberger lesen Sie auf www.netzwoche.ch Webcode: DPF8_45923 Haben Sie Bedenken? Ja, sicher … Wir bekommen jetzt VRSG hoch zwei. Die Kantone und Gemeinden sind Aktionäre bei einem IT- Dienstleister und Softwareintegrator, der Produkte ohne Ausschreibungen vielfach im Ausland einkauft und so verpackt, dass niemand anders mitofferieren kann. Das Ausschreibungsgesetz wird zur Farce. Gute Integratoren wie diese Abraxas/VRSG gibt es schon genügend auf dem freien Markt. Es ist unverständlich, dass sich der Kanton und die Gemeinde St. Gallen, im eklatanten Interessenkonflikt, einen Integrator mit 800 Mitarbeitenden leisten, die jetzt schon allein nicht wirklich wirtschaftlich handeln und einen Wettbewerb nicht zulassen. Und jetzt wird das Ganze «too big to fail». Das Risiko, dass die St. Galler und Zürcher Steuerzahler in ein paar Jahren ein noch grösseres Konstrukt werden retten müssen, ist real, bleiben doch viele Protagonisten dieselben. Welche Auswirkungen wird die Fusion für die hängigen Gerichtsprozesse von Abacus haben? Der Prozess ist davon nicht betroffen. Abacus will mit der Klage erreichen, als Marktführer in der Schweiz wenigstens bei sich zuhause im Kanton mitspielen zu dürfen. Aber wir sind zu gut und zu günstig. Somit will man keinen fairen Wettbewerb. Nach fast 2 Millionen Franken Prozesskosten – nur um zu erreichen, dass wir überhaupt im eigenen Kanton offerieren können – enden wir mit einem noch grösseren Monopolisten, der sich wie das VRSG wahrscheinlich genauso wenig an Regeln halten wird, weil er im offenen Wettbewerb zu teuer ist, wenn nicht sogar von der öffentlichen Hand subventioniert. Seit der Gründung von Abacus waren wir stolz, eine St. Galler Firma zu sein. Das fällt mir im Moment äusserst schwer. Artikel online: www.netzwoche.ch ▸ Webcode DPF8_45804 Claudio Hintermann, CEO von Abacus. www.netzwoche.ch © netzmedien ag 12 / 2017