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Netzwoche 12/2018

« Nur wenn wir

« Nur wenn wir ‹win-win› denken, können wir in der digitalen Welt überleben » Bühler-CTO Ian Roberts ist der Kopf hinter den Digitalisierungsbestrebungen des Technologiekonzerns und weltgrössten Mühlenbauers Bühler Group. Bühler gibt seit zwei Jahren Vollgas bei der Digitalisierung. Im Fokus stehen dabei Nachhaltigkeit, Effizienz und Transparenz. Im Gespräch erklärt Roberts, warum. Interview: Marc Landis Welches sind aktuell die grössten IT-Herausforderungen für einen CTO eines global agierenden Industriekonzerns wie Bühler? Ian Roberts: Jede Consultingfirma auf der Welt rät Unternehmen, zu digitalisieren. Jede Universität lehrt, dass Unternehmen nun digitalisieren müssen. Und natürlich ist es so: Die Digitalisierung bietet Unternehmen grosse Chancen. Aber die wichtigste Frage lautet: Was möchte ich erreichen, wenn ich digitalisiere? Es geht nicht darum, einfach alles über das IoT miteinander zu verbinden, nur i ZUR PERSON Der Brite Ian Roberts (Jahrgang 1970) ist diplomierter Chemieingenieur und promovierte in Process Engineering an der University of Wales (Grossbritannien). Von 1997 bis 2009 war er in verschiedenen Führungspositionen für Nestlé tätig, unter anderem als interner Management Consultant am Hauptsitz in der Schweiz, als Director of Innovation für Nestlé Mexiko und als Director des Chocolate Centre of Excellence in der Schweiz. Seit 2011 ist er bei Bühler als Chief Technology Officer tätig. Ausserdem ist er Vorstandsmitglied bei Wyss Institute Zürich und IFNC-EPFL. Er erhielt die Auszeichnung Europäischer CTO des Jahres 2016 und ist Mitglied des Institute of Chemical Engineers. Quelle: buhlergroup.com weil es gerade lustig ist. Man muss sehr klar und fokussiert sein und sich ob der Vielzahl von digitalen Möglichkeiten und Lösungen, die es gibt, fragen: Was hilft uns, unsere Mission zu erfüllen, und was hilft uns, unser Geschäft nachhaltig voranzutreiben? Ich glaube, unsere grösste Herausforderung ist nicht, zu verstehen, wie wir Technologie einsetzen, sondern zu verstehen, warum wir sie einsetzen. Denn wenn wir das nicht verstehen, verlieren wir viel Geld. Was bedeutet Digitalisierung für Bühler? Anlässlich der Bühler Networking Days haben wir 2016 rund 600 unserer wichtigsten Kunden zusammengetrommelt, die gemeinsam täglich rund vier Milliarden Menschen ernähren. Wir diskutierten mit ihnen, wie wir bezahlbare nährstoffreiche Nahrung bereitstellen und jederzeit die Nahrungsmittelsicherheit garantieren können. Zudem wollten wir dies nachhaltig tun, mit einer geringeren Last für unseren Planeten, insbesondere auch im Zusammenhang mit Treibhausgasen, Wasserverbrauch etc. Denn unser Hebel ist enorm: 25 Prozent der Treibhaus gase entstehen in der Landwirtschaft, die zugleich rund 70 Pro- 12 / 2018 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

People Live 21 Forschungs- und Entwicklungsabteilung, und darauf zielen unsere digitalen Initiativen ab. Wann haben Sie mit der digitalen Transformation begonnen? Automation gibt es schon lange bei uns. Bei der Digitalisierung haben wir vor zwei Jahren auf den Beschleunigungsknopf gedrückt. Damals haben wir unseren acht Geschäften neun Monate Zeit gegeben, digitale Services zu entwickeln. Das Resultat war phänomenal. In diesen neun Monaten entwickelten die Geschäfte mehr digitale Lösungen, als sie uns präsentieren konnten. Nicht alle waren grossartig, aber einige waren es und mit einigen erwirtschaften wir bereits Erträge. Parallel dazu haben wir unsere Partnerschaft mit Microsoft aufgebaut. Wir entdeckten, dass unsere Firmenkulturen überraschend gut zusammenpassen. Sie hatten Freude daran, gemeinsam mit uns zu lernen. « Mit dem Innovationscampus wollen wir eine Brücke zwischen den ‹Digital Natives› und der älteren Generation schlagen. » Ian Roberts, CTO, Bühler Group zent des Trinkwassers verbraucht. Weltweit fliesst ein Drittel der Energie in die Nahrungsmittelherstellung, wobei ein Drittel der weltweit erzeugten Nahrungsmittel verloren geht oder verschwendet wird. Gleichzeitig sind nach offiziellen Zahlen rund 870 Millionen Menschen von Hunger bedroht. Das ist ein entsetzliches Ungleichgewicht. Und so haben wir mit unseren Kunden über diese Zahlen gesprochen und darüber, wie wir digitale Technologien einsetzen können, um dieses Ungleichgewicht zu bekämpfen. Und dazu gehört eben auch die Beantwortung der Frage, welche Rollen Digitalisierung und Collaboration spielen, um eine positive Veränderung dieser Zahlen herbeizuführen. Früher schauten wir alles nur isoliert an, jeder beschäftigte sich mit seinen eigenen Problemen, ohne das grosse Ganze im Auge zu haben. Das Schöne an der Digitalisierung ist, dass wir jetzt die Möglichkeit haben, Transparenz zu schaffen und damit ganze Systeme effizienter zu machen. Wir haben uns also gemeinsam mit unseren Kunden hohe Ziele gesteckt. So wollen wir die Verschwendung in der Lebensmittelproduktion und den Energieverbrauch um 30 Prozent reduzieren – gemeinsam mit unseren Kunden. Darauf basieren die Ziele für unsere Mit welchen Initiativen haben Sie die digitale Transformation in Angriff genommen? Wir haben in den vergangenen Monaten 22 digitale Produkte lanciert. Darunter etwa Total Sense. Es handelt sich um ein mobiles Reis-Analysegerät, kombiniert mit einer Smartphone-App, mit der Reisproduzenten die Qualität ihrer Produkte prüfen können. Das Reis-Analysegerät beschleunigt den Qualitätsprozess und liefert objektive und rückverfolgbare Daten – unter Einsatz von IoT und Cloud-Technologie. Das Gerät liefert durch Hochladen des Bildes einer Produktprobe in eine cloudbasierte Lösung innerhalb von Minuten einen Analysebericht über die Qualität. So sparen Reisproduzenten Zeit und profitieren von einem Frühwarnsystem, das die Kontaminierung ganzer Chargen verhindert. Eine Version für die Qualitätskontrolle von Mais haben wir auch gerade fertiggestellt. Dann sind wir eine Partnerschaft mit Gamaya eingegangen. Diese Lösung verbessert die Nachhaltigkeit industrieller Landwirtschaftsbetriebe durch Prozessoptimierung und Automation. Gamaya misst und optimiert etwa den Wasserverbrauch, den Einsatz von Betriebsstoffen und Chemikalien sowie den Einsatz manueller Arbeit. Beispiele solcher Analysen sind die Ortung und Klassifizierung von Unkraut, die frühzeitige Diagnose von Pflanzenkrankheiten, Schädlingen und Nährstoffmangel sowie die Vorhersage der Ernteausbeute. Gamaya verbindet hyperspektrale Bild erzeugung und Satellitenbilder, Datenfusion und künstliche Intelligenz. Mit unserer neuen Sortierlösung Lumovision hat Bühler einen Durchbruch in der Sortiertechnik zur Identifizierung und Entfernung krebserregender, mit Aflatoxin infizierter Körner erzielt. Lumovision basiert auf Microsofts Cloud-Technologie und minimiert toxische Verunreinigungen im Mais und verbessert so auch den Ertrag. Dies geschieht präziser und schneller als bei allen bisherigen Lösungen. Die Einführung von Lumovision ist ein bedeutender Fortschritt für die maisverarbeitende Industrie im « Wir gaben unseren acht Geschäften neun Monate Zeit, digitale Services zu entwickeln. » Ian Roberts, CTO, Bühler Group www.netzwoche.ch © netzmedien ag 12 / 2018