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Netzwoche 12/2018

34 DOSSIER KOMPAKT

34 DOSSIER KOMPAKT Legacy-Systeme In Kooperation mit Finnova Legacy und Innovation im Banking: Widerspruch oder Ansporn? Der Produktlebenszyklus von komplexen Investitionsgütern wie etwa Software ist anspruchsvoll. Unter anderem auch deshalb, weil die Legacy-Systeme immer mit zu berücksichtigen sind. Mit der Veränderung der Perspektive lassen sie sich gar als potenzieller Generator für Innovation aufwerten und neu positionieren. Am Beispiel der wachsenden Anforderungen und des steigenden Bewusstseins für die Bedeutung des Themas «Analytics» im Banking sollen hier sowohl Gedanken und Skizzen von Lösungsansätzen dargelegt als auch neue Sichtweisen eröffnet werden. DER AUTOR Simon Kauth Chief Product Officer, Finnova Bild: anyaberkut / iStock.com Finanzdienstleistungsunternehmen setzen sich intensiv mit ihren Legacy-Systemen auseinander, deren Grenzen durch die Marktdynamik der Fintechs weiter in den Fokus rücken. Die zunehmende Heterogenität der Systemlandschaften und die vielgestaltigen Anforderungen sind in die Betrachtungen zu den Legacy-Systemen mit einzubeziehen. Die steigende Komplexität der Systeme wird der entsprechenden Community – auch Ökosystem genannt – hinsichtlich architektonischer und technischer Herausforderungen einiges abverlangen, genauso wie die Themen Vertragsmanagement, Compliance und der Umgang mit Produkten und Kunden. Beim Einsatz von Analytics stellen wir im Markt und bei den Unternehmen zwei unterschiedliche Konzepte fest: Einerseits gibt es Unternehmen, die auf eine partikuläre Umsetzung setzen, und andererseits solche, die eine ganzheitliche Betrachtung mit einem integralen Lösungsansatz verfolgen. Digital Excellence verlangt mehr als Prozessdigitalisierung Die Internetgiganten zeigen uns die (mehr oder weniger verantwortungsvollen respektive akzeptierten) Möglichkeiten der Verwendung von Daten in der Wertschöpfungskette des Kunden auf. Dabei lässt sich feststellen, dass Digital Excellence weit mehr verlangt als «nur» die Prozessdigitalisierung. Aufgrund der steigenden Zahl der im Einsatz stehenden Systeme und Services, die zunehmend branchen- und prozessübergreifend zu managen sind, ist dem Zusammenspiel mit einem integralen, interdisziplinären Ansatz Beachtung zu schenken; dies wird auch Orchestrierung genannt. Die Anforderungen an das Management von Komplexität steigt: Prozesse und Abläufe werden stochastisch; die Strukturierung und Vorhersagbarkeit von Ergebnissen gestalten sich deutlich schwieriger. Ausser den verschiedenen Mitteln wie der genannten Orchestrierung steht mit analytischen Methoden und Ansätzen ein weiteres Mittel zur Verfügung, das anhand von Daten hilft, komplexe Situationen zu analysieren und Muster zu erkennen. Die Treiber sind zweifacher Natur: Aufzeigen von Opportunitäten im Produktverkauf und der Akquisition sowie Reduktion von Unsicherheit und Risiko, jeweils mit Betrugsvermeidung als Stichwort. Richtet sich die Anwendung von analytischen Methoden auf die Vereinfachung und Verbesserung der Interaktion zwischen Kunde und Bank, entstehen daraus weitere Möglichkeiten. Absolut zentral bei all diesen Zusammenhängen sind das Spektrum und die Qualität der Daten sowie die Fähigkeit, Daten zu Informationen beziehungsweise Wissen zu verarbeiten. Zeitalter des Data-Driven Banking Eine weitere Feststellung ist, dass die Fähigkeit im Umgang mit Daten einem Maturitätsmodell folgt. Dies bedeutet, dass zunächst Erfahrungen gemacht werden müssen, mit denen das Vertrauen in die Methoden und Ansätze erarbeitet wird; daraus entsteht folglich dann ein Wert. In der Literatur sind hierzu einige Ansätze zu finden. Wenn die Erfahrungen im Umgang mit Daten für jede Fragestellung jeweils neu gemacht werden müssen, dann heisst das auch, dass der Weg zum Digital Champion ein weiter und teurer sein kann (PWCs Strategy & Global Digital Operations Study 2018). Was uns die Datenindustrie (wie auch die institutionellen Regulierungsstellen in Europa) noch lehrt, ist ein vertrauensvoller Umgang mit Daten. Kombiniert mit der Fähigkeit, die Daten gesamtheitlich und sinnvoll zu nutzen, daraus Informationen abzuleiten, um damit ein Unternehmen, eine Organisation oder eine Institution zu schützen sowie die wirtschaftlichen Grundlagen zu sichern oder gar neue Ertragsbereiche zu schaffen, ergibt sich daraus ein effektives Instrument. Der aktive Gebrauch und das konsequente Arbeiten mit Daten, nicht nur aus den Core-Systemen, sondern auch übergreifend, bringt uns in das Zeitalter von «Data-Driven Banking»: gesteigerter Kundennutzen durch geschickte Verwendung von Informationen. 12 / 2018 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

In Kooperation mit Finnova Legacy-Systeme DOSSIER KOMPAKT35 « Der Weg der Koexistenz und Koevolution von Systemen ist unumgänglich » Wenn Finanzinstitute Legacy-Systeme im Einsatz haben, gilt es, verschiedene Aspekte zu berücksichtigen. Im Interview gibt Nikolai Tsenov, Product Manager Compliance & Data Analytics bei Finnova, Auskunft über Lösungsansätze, Herausforderungen und Chancen. Interview: Oliver Schneider Was sollten Unternehmen machen: neue Systeme beschaffen oder einen Weg finden, Legacy-Systeme weiter zu betreiben? Nikolai Tsenov: Legacy-Systeme werden nicht von heute auf morgen abgeschafft oder ersetzt werden können, da die Kosten und Risiken für die Unternehmen bei einer möglichen Ablösung sehr hoch sind. Aus diesem Grund ist der Weg der Koexistenz und der Koevolution von Systemen unumgänglich. In diesem äusserst dynamischen Prozess werden sich erfolgreiche Legacy-Systeme auf ihre Kernkompetenzen fokussieren, um den Raum zu öffnen und den Boden vorzubereiten für eine nachhaltige Prozessorchestrierung sowie den Aufbau und die Pflege eines vitalen Ökosystems. Den weniger erfolgreichen Legacy-Systemen wird dagegen mit der Zeit durch einen Wildwuchs von heterogenen Nischenlösungen der Nährboden entzogen, sodass sie nicht weiter gedeihen können und zwangsläufig verschwinden. Unternehmen sollten sich auf Systeme fokussieren, die vor allem der Philosophie der Fokussierung, Orchestrierung, Flexibilität und Koevolution folgen, und diese vorantreiben. Dieses Vorgehen berücksichtigt die «Gefahren» und Potenziale einer rasanten Dynamik in der Technologieentwicklung laufend und erlaubt es den Unternehmen, sich agil zu bewegen. Was unterscheidet eine partikuläre Umsetzung von einem integralen Lösungsansatz? Eine partikuläre Umsetzung fokussiert sich auf die isolierte Lösung eines Problems oder einer spezifischen Anforderung. Sie ist auf den ersten Blick effizient, kostengünstig und schnell. Sie folgt partikularen Interessen und befriedigt punktuelle Bedürfnisse, oft eines einzelnen Bereichs oder eines mit der Zeit oder künstlich geschaffenen Silos innerhalb des Unternehmens. Der integrale Lösungsansatz dagegen berücksichtigt die Gesamtheit der Gegebenheiten. Er stellt einen einheitlichen und konsistenten Umgang mit Daten und Prozessen sicher und schafft innerhalb der unterschiedlichen Bereiche des Unternehmens Synergien. Durch die Anhäufung von isolierten Insellösungen wird die Belastung durch den operativen Wildwuchs für das Unternehmen allmählich unkontrollierbar und erdrückend. Die zunehmende Effizienzabnahme führt langsam aber sicher zum Verlust an Wettbewerbsfähigkeit. Wie lassen sich Daten aus Legacy-Systemen auch heute noch gewinnbringend nutzen? Durch ihre mit der Zeit entstandene «Gebietshoheit» über Daten und zentrale Prozesse bilden die Legacy-Systeme die massgebliche Basis für Datengenerierung, -austausch, -verarbeitung und -archivierung. Um diese Daten gewinnbringend nutzen zu können, reicht es nicht aus, den Benutzern den Zugang zu diesen Rohdaten zur Verfügung zu stellen. Vielmehr muss es ihnen auf innovative, einheitliche, konsistente und übergreifende Art und Weise ermöglicht werden, Wissen aus diesen Daten zu extrahieren und an die richtigen Stellen im Unternehmen weiterzuleiten. Diese übergreifende und konsistente Vorgehensweise spielt dabei die entscheidende Rolle. Was sind die grössten Herausforderungen beim Nebeneinander von Legacy-Systemen und neuen Anwendungen? Aus Sicht der Legacy-Systeme bestehen die grössten Herausforderungen darin, einerseits den unkontrolliert gewachsenen Nischenlösungen unbewusst Raum zu geben und andererseits Betriebsblindheit, Trägheit und behauptete Unantastbarkeiten hinzunehmen. Dies versteht sich im Kontext eines spürbar erhöhten Drucks auf die Time-to-Market für neue Anwendungen sowie der Anforderungen an schnelles, effektives und effizientes Abtragen der Altlasten der historisch bedingten Legacy-Systeme. Die besten Aussichten haben Unternehmen, die Koexistenz und Koevolution aktiv steuern und bei denen innovative, auf die Ökosystem-Philosophie gestützte Anwendungen auf nachhaltigen Modellen basieren. « Legacy-Systeme bilden die massgebliche Basis für Datengenerierung, -austausch, -verarbeitung und -archivierung. » Nikolai Tsenov, Product Manager Compliance & Data Analytics, Finnova www.netzwoche.ch © netzmedien ag 12 / 2018