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Netzwoche 12/2018

42 Focus Fintech Der

42 Focus Fintech Der Schweizer Crowdfunding-Markt im internationalen Vergleich Der Schweizer Crowdfunding-Markt verzeichnet Rekordwerte: 374,5 Millionen Franken wurden 2017 über Crowdfunding-Platt formen vermittelt. Damit ist dieser Markt hierzulande deutlich weiter entwickelt als in den Nachbarländern. Im Vergleich zu den führenden Märkten in den USA und Grossbritannien liegt die Schweiz aber noch zwei bis drei Jahre zurück. DIE AUTOREN Andreas Dietrich Leiter Institut für Finanzdienstleistungen Zug IFZ Simon Amrein Senior Wissenschaftlicher Mitarbeiter Bereits zum fünften Mal hat die Hochschule Luzern – Wirtschaft das jährliche Crowdfunding Monitoring veröffentlicht. Gemäss der Studie stieg das vermittelte Volumen im Crowdfunding um fast das Dreifache auf 374,5 Millionen Franken. Innerhalb der vergangenen acht Jahre wurde in der Schweiz über eine halbe Milliarde Franken über die schwarmbasierte Finanzierungsart gesammelt. Grösste Wachstumstreiber waren in den letzten Jahren die Finanzierung von KMUs mittels Crowdlending sowie Investitionen in Immobilien über Crowdinvesting. Im Jahr 2018 dürfte das Volumen erstmals die Milliardengrenze überschreiben. i POSITIVER AUSBLICK FÜR 2018 Hohes Wachstum in allen Bereichen Etwa 160 000 Personen unterstützten 2017 in der Schweiz ein Crowdfunding-Projekt. Dabei lässt sich Crowdfunding hierzulande in vier Bereiche unterteilen: Crowdsuppor ting/Crowddonating, Crowdinvesting, Invoice Trading und Crowdlending (siehe Box). Das grösste Volumen verzeichnet Crowdlending mit 186,7 Millionen Franken (+239 Prozent gegenüber Vorjahr), gefolgt von Crowdinvesting mit 135,2 Millionen Franken (+245 Prozent). Über Invoice Trading wurden 23,5 Millionen Franken abgewickelt (+38 Prozent), Crowdsupporting/Crowddonating erzielte ein Volumen von 29,1 Millionen Franken (+72 Prozent). Aufgrund der hohen Wachstumszahlen stellt sich die Frage, wie das Wachstum im Vergleich zu anderen Märkten zu beurteilen ist. Die Grafik zeigt das Volumen pro Kopf mit sowie das annualisierte Wachstum zwischen 2014 und 2016 von ausgewählten Ländern. Dadurch werden einerseits die Marktreife und andererseits die Marktdynamik ersichtlich. Diese Länder lassen sich in vier Bereiche einteilen: die «Sleepers» mit tiefem Wachstum und tiefen Volumina; die «Catch-up Markets» haben zwar ebenfalls noch tiefe Volumina, die Wachstumsraten sind aber sehr hoch; die «Rocket Markets» erzielen auch bei sehr hohen Volumina noch hohes Wachstum; bei den «Mature Markets» sind die Volumina hoch, die Wachstumsraten aber nicht mehr so hoch. Die Schweiz weist vergleichsweise hohe Wachstumszahlen aus. Da das Pro-Kopf-Volumen aber noch immer eher gering ist, kommt der Schweizer Markt oben links in der Graphik zu liegen. 2017 war das Wachstum des Schweizer Crowdfunding-Marktes noch einmal sehr hoch. Gegenüber den «Mature Markets» scheint die Schweiz auch in Bezug auf das Volumen pro Kopf etwas aufzuholen. Aufgrund der Wachstumsdynamik scheint die Schweiz im Vergleich zu den führenden Crowdfunding-Märkten zwei bis drei Jahre zurückzuliegen. In Bezug auf die Diversität der Geschäftsmodelle ist der Schweizer Markt breit aufgestellt. Es sind die meisten wesentlichen Geschäftsmodelle vertreten, die auch in fortgeschrittenen Märkten zu finden sind. Gleichzeitig muss angemerkt werden, dass das Volumen in absoluten Zahlen in der Schweiz auch international eher im breiten Mittelfeld liegt. Positiver Ausblick für 2018 Die hohen Wachstumszahlen der Schweiz werden weiter anhalten. Aus Sicht der Autoren dürfte der Crowdfunding- Markt 2018 etwa ein Volumen von 0,9 bis 1,1 Milliarden Franken erreichen. Institutionelle Investoren werden künftig stärker in den Markt investieren. Zudem erwarten die Studienautoren auch, dass die Transparenz im Markt steigen wird, was der Entwicklung von Crowdfunding in der Schweiz förderlich sein wird. 12 / 2018 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Focus Fintech 43 Schweizer Banken müssen im Fintech- Zeitalter umdenken Die Finanzwelt befindet sich im Wandel: Kunden erwarten neue Dienste, massgeschneiderte Produkte und Services und sind gar selbst zu einem integralen Teil des Geschäftsmodells geworden. Doch wie machen sich Banken fit für diesen Paradigmenwechsel und welche Rolle spielt dabei Fintech? DER AUTOR Aniello Bove CEO & Partner, Andrion Banken müssen sich den neuen Markt gegebenheiten anpassen. Fintech-Start-ups und Unternehmen werden die Banken dazu drängen, agiler zu werden. Das Kundenverhalten hat sich in den letzten Jahrzehnten in jeder Branche stark gewandelt. Bankkunden, die vor Kurzem E-Banking klassisch zuhause auf ihrem Desktop- Computer nutzten, managen heute dank Mobile Banking jederzeit und standortunabhängig auf Smartphones ihre Finanzen. Heute ist der Kunde gar Teil des Geschäftsmodells geworden, wenn er sich selbst um Onboarding, Adressänderungen und ähnliche Anpassungen kümmert. Des Weiteren fördern immer intelligentere Technologien wie etwa Bots die Realisierung neuer Geschäftsmodelle. Gleichzeitig wird Tech immer erschwinglicher, und jeder Kunde trägt einen Supercomputer in der Tasche, mit dem er dank leistungsfähiger Internetbandbreite jederzeit digitale Leistungen beziehen kann. Ausserdem wird Technologie auch für Laien immer leichter anwendbar, so können Kunden etwa mittels 3-D-Druck ihre persönlichen Bankkarten bequem zuhause oder im Büro ausdrucken. Etablierte Banken treffen auf Fintech-Start-ups Bewährte Fintech-Unternehmen und -Start-ups haben mit disruptiven Ideen die Finanzindustrie aufgemischt. In diesem Kontext treiben zwei Schlüsselthemen die heutige Finanzindustrie an: ·· Banken werden vermehrt mit Fintech-Start-ups und Unternehmen zusammenspannen. ·· Fintech-Start-ups und Unternehmen werden die Banken dazu drängen, agiler zu werden. Fintech erfordert ein Umdenken Um fit fürs Fintech-Zeitalter zu sein, muss bei Banken ein Umdenken in fünf Schritten stattfinden: 1. Agilität bedeutet Time-to-Market: Veränderung ist heute der Normalzustand, und langwierige Projekte sind schnell nicht mehr aktuell. Es ist wichtig, dass man schnell echten Mehrwert generiert und diesen sofort auf dem Markt testet. 2. Teilen statt haben: Schweizer Grossbanken haben verstanden, dass nicht alles aus eigener Kraft entwickelt werden kann. Sie müssen aber vermehrt Partnerschaften mit Fintech-Unternehmen eingehen, statt diese nur als Dienstleister zu sehen. Nur so können sie von möglichen Synergien profitieren. 3. Kleine Schritte, grosse Wirkung: Banken stehen immer mehr Microservices zur Verfügung, die eine rasche und einfache Integration mit viel Kundennutzen ermöglichen, ohne das ganze Unternehmen auf den Kopf stellen zu müssen. 4. Offene Schnittstellen statt geschlossene Systeme: Jede Zusammenarbeit bringt auch eine gegenseitige Öffnung mit sich. Dasselbe gilt bei der Integration unterschiedlicher Systeme. Open Banking oder Open API heisst das Lösungswort dazu, und mit der aktuellen PSD2-Direktive wird nicht nur der Markt für neue, bewilligungspflichtige Zahlungsverkehrsdienstleister geöffnet, sondern auch die Sicherheit und Stabilität dank der strengeren Anforderungen erhöht. 5. Verstehen und anwenden: Nur wenn jeder Mitarbeiter versteht, was für ein Wandel zurzeit in der Schweizer Finanzindustrie stattfindet und welches Umdenken sowohl beim Management als beim Angestellten der Banken erforderlich ist, kann von einer erfolgreichen Transformation in das digitale Zeitalter gesprochen werden. Wir Menschen müssen vermehrt auf unsere menschlichen Fähigkeiten setzen und weniger gegen intelligentere Systeme antreten wollen. www.netzwoche.ch © netzmedien ag 12 / 2018