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Netzwoche 13/2017

34 Technology

34 Technology Nachgefragt Gamer, Geld und Grafikkarten Mit dem Kurs von Ether und Bitcoin explodiert die Nachfrage nach Hardware zur Erzeugung von Kryptowährungen. Besonders gefragt sind Gamer-Grafikkarten. Miner bestellen bei den Schweizer Onlineshops tausende Exemplare. Autor: Oliver Schneider Blockchain, Kryptowährungen und GPU-Mining sind einige der in diesem Sommer am meisten diskutierten IT-Themen. Gemäss der Vergleichsplattform Coin Market Cap stieg der US-Dollar-Kurs des im Zuger «Crypto Valley» entwickelten Zahlungsmittels Ether seit Anfang 2017 bis Mitte August um mehr als 3000 Prozent. Grafikkarten schürfen nach virtuellem Edelmetall Damit das Ether-Netzwerk namens Ethereum funktioniert, braucht es Rechenleistung. Diese können sogenannte Miner dem Netzwerk zur Verfügung stellen. Dazu eignen sich einerseits klassische Prozessoren. Viel besser lässt sich Ether aber mit Gamer-Grafikkarten schürfen. Um möglichst viel Gewinn mit dem Mining zu erzielen, bauen sich Miner Rechner mit sehr vielen Grafikkarten, Mining-Farms genannt. In diesen Farmen arbeiten tausende Grafikkarten für Ethereum. Der Kursgewinn von Ether in den vergangenen Monaten machte das Mining immer attraktiver. Die virtuelle Goldgräberstimmung hat allerdings eine Kehrseite. Marktbeobachter wie Computerbase berichten, dass die Preise für Grafikkarten steigen würden und die Verfügbarkeit abnehme. Viele Modelle hätten sich in den vergangenen Wochen sprunghaft verteuert. So sei auf Toppreise.ch etwa das günstigste Angebot einer Asus RX580 mit AMD-GPU und 8 Gigabyte RAM von 271 Franken Anfang Juli auf 352 Franken zur Monatsmitte gestiegen. Auch was die Lieferbarkeit angehe, sehe es momentan schlecht aus, zumindest bei den neueren AMD-Grafikkarten. Betreiber von Mining-Farmen würden sehr viele Geräte auf einmal bestellen. AMD habe nicht mit so einer hohen Nachfrage gerechnet und müsse seine Produktionskapazitäten erst entsprechend erhöhen, schreibt Computerbase. In der Schweiz gekauft, auf dem Balkan geschürft Auch in der Schweiz sind Grafikkarten mit AMD-Chips gefragt, namentlich die neue RX-580-Serie. Der Onlinehändler Digitec teilte auf Anfrage mit, dass seine B2B- Abteilung bis Ende Juni Bestellungen im Umfang von hunderten bis tausenden Geräten auf einmal erhalten habe. Ähnliche Zahlen nannten Brack, Alltron und Littlebit. Die Grossbestellungen kommen laut Digitec hauptsächlich aus der Schweiz, aber auch von ausländischen Kunden, insbesondere aus dem Kosovo, Albanien und Montenegro. Eine Anfrage habe gleich 7000 Grafikkarten umfasst. Bei Schätze finden sich nicht nur unter der Erde. Bild: RoDobby / Pixabay.com einem Stückpreis zwischen 300 und 429 Franken ergibt das einen Umsatz von bis zu 3 Millionen Franken. Die Folge: «Grafikkarten mit RX 580 sind weltweit beinahe ausverkauft. Eine Lieferung im Sommer ist ausgeschlossen», sagt Alex Hämmerli, Mediensprecher bei Digitec. Laut Competec steigen die Beschaffungspreise «täglich», was sich auch auf die Verkaufspreise auswirke. Kursschwankungen beeinflussen Nachfrage Die Entwicklung der vergangenen Wochen zeigt aber auch, wie volatil der noch junge Markt für Kryptowährungen ist. Nach dem Allzeithoch Mitte Juni verlor Ether binnen Monatsfrist kräftig an Wert. Der Kurs sank von knapp 400 auf noch 136 US-Dollar am 16. Juli. Andere Währungen wie Bitcoin reagierten ähnlich. Rasch habe sich durch den Kursverlust die Liefersituation von Grafikkarten auf dem deutschen Markt verbessert, schreibt Computerbase. Ein tieferer Preis für Ether und Bitcoins dämpfe den Anreiz zum Aufbau von Mining- Farmen. Zudem führe der Einstieg von immer mehr Minern in den Markt dazu, dass der Rechenaufwand für das Errechnen eines neuen Ether-Tokens laufend steige. Vor allem kleinere Mining-Farmen verlören dadurch an Rentabilität, wie Ocaholic.ch berichtet. Alex Hämmerli von Digitec bestätigte den Rückgang der Nachfrage nach AMD-Grafikkarten seit dem Hoch Mitte Juni. Der Bedarf sei aber nach wie vor «sehr gross». « Grafikkarten mit RX 580 sind weltweit beinahe ausverkauft. » Alex Hämmerli, Mediensprecher bei Digitec Artikel online auf www.netzwoche.ch Webcode DPF8_50399 13 / 2017 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Technology Research 35 Industrie 4.0 – ein logischer und grosser Schritt Der Begriff Industrie 4.0, der erstmals 2011 an der Hannover-Messe vorgetragen wurde, beschreibt die Vernetzung von Maschinen, Geräten, Sensoren und Menschen über das Internet. Dadurch sollen etwa Abläufe optimiert, Probleme schneller erkannt, anstehende Entscheidungen in Echtzeit gefällt und Prozesse autonom gesteuert und überwacht werden. Industrie 4.0 aber nur auf den Begriff einer Smart Factory zu beschränken, wäre zu kurz gegriffen. Dazu zählen auch die durchgängige Digitalisierung und Automatisierung der Geschäftsprozesse, angefangen bei der Analyse des Kundenverhaltens und der Nachfrage-Entwicklung, der Erfassung von Bestellungen und Aufträgen bis zur individualisierten Fertigung, Lieferung und Verrechnung. Bemerkenswert an der Industrie 4.0 ist die Tatsache, dass dies eigentlich nicht ein Begriff aus einer nachgeschichtlichen Analyse ist, sondern im Vergleich zu den drei industriellen (R)Evolutionsstufen davor eher einer Vorhersage und Marschroute für den nächsten logischen Schritt gleichkommt. Die Zielsetzungen der Industrie 4.0 gehen um ein Vielfaches weiter als die Absichten der ersten Phasen der industriellen Entwicklung. Sie ist mehr als nur ein weiterer, kleiner Automatisierungsschritt: Durch die Verzahnung von Produktion und ICT, die umfassende Vernetzung und einen lückenlosen Austausch aller Informationen sollen Maschinen miteinander kommunizieren und sich selbst regulierende Abläufe, Prozesse und Fertigungen geschaffen werden. Ein aus Sicht der Evolution logischer und grosser Schritt nach vorn. Das Differenzierungspotenzial durch die Version 4.0 der industriellen Fertigung ist immens. Durch die Möglichkeit, dem Kunden individualisierte Produkte anzubieten, umfassend auf seine Wünsche einzugehen, auch während der Produktion noch verändernd einzugreifen und in kürzester Zeit zu fertigen und zu liefern, werden Quantensprünge geschaffen, die so noch vor kurzer Zeit nicht denkbar gewesen wären. Die individuelle Fertigung auch kleinerer Serien und die Verkürzung der Reaktionszeiten auf Veränderungen am Markt sind zwingende Parameter zur Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit. Dies schafft neue Gesetzmässigkeiten im Markt und eröffnet neue Marktchancen. Das Credo heisst nicht mehr, «viel und billig», sondern «schnell und individuell». Unsere neue Studie zur Industrie 4.0 hat aufgezeigt, dass hierzulande aktuell erst jedes fünfte Unternehmen damit rechnet, dass dieses Thema bereits in den kommenden ein bis zwei Jahren in vollem Umfang Realität wird. Mehr als die Hälfte der Befragten sehen die Entwicklung noch eher gelassen, sie rechnen mit den Auswirkungen der digitalen Welt auf ihr Unternehmen erst in drei bis acht Jahren. Das könnte für Späteinsteiger fatale Folgen haben. In der Schweiz haben wir gute Voraussetzungen, im globalen Wettbewerb zu bestehen, und auch weiter erfolgreich zu bleiben. Das Fenster zur Umsetzung neuer Visionen wird allerdings nicht lange offen bleiben, und niemand wartet auf uns. Das Wettbewerbsumfeld wird härter und das Rennen um die Spitzenplätze der industriellen Digitalisierung und Vorherrschaft ist eröffnet. Die Konkurrenz steht nicht nur im europäischen Umfeld in den Startlöchern, Anbieter aus dem asiatischen Raum investieren viel Geld, um sich entsprechend zu positionieren. Industrie 4.0 bietet immense Möglichkeiten, neue Märkte und Kundensegmente anzugehen und sich weiter erfolgreich zu differenzieren. Es gilt, jetzt zu handeln und die Expertise in der Produktion und der ICT mit den Ansätzen der Industrie 4.0 zu verbinden und Neues zu schaffen. ZEITRAUM DER AUSWIRKUNGEN VON INDUSTRIE 4.0 Wann wird Ihrer Meinung nach Industrie 4.0 im Markt vollumfänglich Realität und die Auswirkungen zum Tragen kommen? N = 52 Schweizer Unternehmen Noch im laufenden Jahr in den nächsten 1 bis 2 Jahren in den nächsten 3 bis 5 Jahren in den nächsten 5 bis 8 Jahren in den nächsten 9 bis 10 Jahren später nie 4 % 8 % 12 % 19 % 13 % 35 % 10 % Artikel online: www.netzwoche.ch ▸ Webcode DPF8_53327 Quelle: MSM Research AG DER AUTOR Philipp A. Ziegler Geschäftsführer, MSM Research AG www.netzwoche.ch © netzmedien ag 13 / 2017